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Ordensleben im Plattenbau

Leipzig-Grünau ist trist statt hip: Hochhaussiedlungen prägen den Stadtteil, Atheismus und Armut sind der Normalfall. Was mancher fürchtet, ist für Bruder Andreas Knapp genau der richtige Ort, um sich mit den Sorgen der Menschen auseinanderzusetzen.

Orden | Leipzig - 24.08.2015

"Entweder, ich bin Picker und suche Artikel nach Listen aus den langen Regalgängen zusammen, oder ich bin Packer und stehe am Fließband, knülle Papier in die Pakete und prüfe, ob der Deckel ordentlich schließt." Bruder Andreas Knapp arbeitet als Saisonarbeiter bei Versandunternehmen in Leipzig. Seine Arbeitsverträge gelten selten länger als drei Monate. Nach Feierabend zieht sich der Ordensmann für eine Stunde in die Kapelle zur eucharistischen Anbetung zurück. Sie befindet sich im größten Zimmer der Fünf-Raum-Wohnung, die er sich mit seinen vier Mitbrüdern teilt. Sie alle gehören zur katholischen Ordensgemeinschaft der "Kleinen Brüder vom Evangelium".

Die Ordensmänner leben und beten gemeinsam in der ersten Etage eines Plattenbaus im Leipziger Stadtteil Grünau. Die fünf Etagen oberhalb ihrer Wohnung sind nicht vermietet. Um die Ordensbrüder herum leben Hartz-IV-Empfänger, die nicht wissen, wie sie über die Runden kommen sollen. Männer, die schon früh am Morgen mit der Bierflasche die Bänke des Viertels bevölkern, Alleinerziehende, denen das Geld für eine Wohnung in der Innenstadt fehlt. Andreas Knapp und seine Mitbrüder leben solidarisch mit den Menschen am Rande.

Die "Kleinen Brüder vom Evangelium" folgen der Spiritualität von Charles de Foucauld. Der Franzose versuchte im beginnenden 20. Jahrhundert seine Vision von einem Ordensleben umzusetzen, die sich am Leben Jesu in Nazareth orientieren will: Bis zu seinem 30. Lebensjahr lebte Jesus unauffällig und ganz gewöhnlich in der Stadt Nazareth. Die Bibel berichtet nichts über diese Phase. Jesu Wirken, so legt Foucauld dieses Schweigen der Bibel aus, sei allein auf seine Präsenz mitten unter den Menschen, insbesondere unter den Armen und Bedürftigen beschränkt gewesen und auf sein Gebetsleben zuhause.

Einfache Arbeitsstellen

Knapp erklärt es so: "Die Botschaft von Nazareth ist: Gott ist im Alltäglichen präsent, im ganz gewöhnlichen Leben, an jedem unbedeutenden Ort." In diesem Sinne suchen sich der 56-jährige Priester und seine Mitbrüder einfache Arbeitsstellen. Sie betreuen keine Pfarrei, meiden eine hervorgehobene Position, präsentieren sich nicht in der Öffentlichkeit, sondern leben unauffällig unter den Menschen in der Stadt, die im kommenden Jahr Austragungsort des 100. Deutschen Katholikentages ist. Dort soll es auch um den Glauben in einer säkular gewordenen Gesellschaft gehen.

Bruder Andreas Knapp vor seiner Wohnung im Plattenbau in Leipzig.
Bruder Andreas Knapp wohnt in einem Plattenbau in Leipzig.
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"Wir sind einfache Arbeiter. Wir verdienen mit unserer Arbeit unseren Lebensunterhalt und suchen zugleich die Nähe zu den Menschen, die nicht im Mittelpunkt stehen." Als Missionar will sich Bruder Andreas nicht bezeichnen. Doch haben sich die Kleinen Brüder nicht ohne Grund in Leipzig-Grünau niedergelassen. Rund 85 Prozent der Einwohner sind weder getauft noch gehören sie einer anderen Religion an. Wie Foucauld, den es zu den Tuareg in die muslimisch geprägte Sahara zog, gehen die Kleinen Brüder dorthin, wo Menschen kaum etwas vom Evangelium wissen. Foucauld spricht vom Urbarmachen des Bodens, auf dem zu einem späteren Zeitpunkt "Sämänner" das Evangelium ausbringen können.

"Wir wollen als betende Gemeinschaft in diesem nichtreligiösen Umfeld präsent sein, als Glaubende ganz bewusst an diesem Ort leben", sagt Bruder Andreas. Dass er Priester und Ordensmann ist, wissen nur die wenigsten seiner Arbeitskollegen und Nachbarn. "Die religiöse Sprache, die ich gelernt habe, wird hier nicht verstanden. Viele Bilder, Ausdrücke, Begriffe sagen den Menschen in Grünau nichts."

Wenn er befreundete Arbeitskollegen zu sich in die Brüderwohnung einlädt, stoßen diese oftmals in eine für sie fremde Welt vor. So habe ein Besucher das Wort "Kapelle" nur im Kontext des Wortes "Musikkapelle" gekannt, erzählt Knapp. "Wir standen in unserer Kapelle und haben lange darüber gesprochen, was für einen Charakter der Raum für uns Brüder hat und was wir darin tun. Schließlich habe ich ihm die Kapelle als einen Raum erklärt, in dem wir zur Ruhe und zu uns selber kommen."

Von Alfred Herrmann (KNA)

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