"Schrei des Volkes" hören

Die schon vorab viel diskutierte außerordentliche Bischofssynode hat am Sonntag im Vatikan begonnen. Mit einer Messe im Petersdom eröffnete Papst Franziskus die zweiwöchige Generalversammlung über "die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung". Bereits am Vorabend hatte er sich mit zehntausenden Familien auf dem Petersplatz getroffen und für die Synode gebetet - mit einer klaren Botschaft.

Familiensynode | Vatikanstadt - 05.10.2014

Die schon vorab viel diskutierte außerordentliche Bischofssynode hat am Sonntag im Vatikan begonnen. Mit einer Messe im Petersdom eröffnete Papst Franziskus die zweiwöchige Generalversammlung über "die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung". Bereits am Vorabend hatte er sich mit zehntausenden Familien auf dem Petersplatz getroffen und für die Synode gebetet - mit einer klaren Botschaft.

Zum Auftakt warnte der Papst die Teilnehmer davor, sich in einer eitlen Debatte über wirklichkeitsfremde Vorschläge zu verlieren. Solche Versammlungen seien nicht dazu da, "schöne und originelle Ideen zu diskutieren oder zu sehen, wer intelligenter ist", sagte er in seiner Predigt. Es gehe darum, sich "um die Familie zu kümmern" und an Gottes "Plan der Liebe für sein Volk mitzuarbeiten". Die Familie sei "von Anfang an wesentlicher Bestandteil dieses Liebesplanes gewesen".

Von "schlechten Hirten" und "unerträglichen Lasten"

Zugleich machte Franziskus deutlich, dass die geltende kirchliche Lehre hierbei nicht das alleinige Kriterium sein dürfe. Der Geist schenke eine Weisheit, "die über das Wissen hinausgeht, um großherzig in wahrer Freiheit und demütiger Kreativität zu arbeiten" [aktuell: siehe hierzu den Infokasten unten]. Er kritisierte in seiner Predigt "schlechte Hirten", die den Menschen aus Gier nach Macht und Geld "unerträgliche Lasten" auf die Schultern lüden, "die zu tragen sie selbst aber keinen Finger rühren". Der Traum Gottes kollidiere stets mit der Heuchelei "einiger seiner Diener", so das katholische Kirchenoberhaupt. Die Bischöfe könnten Gottes Plan vereiteln, wenn sie sich nicht vom Heiligen Geist leiten ließen, so Franziskus.

Kurz vor Beginn der Messe wandte sich Franziskus noch einmal per Twitter an alle Gläubigen: "Während wir die Synode über die Familie antreten, wollen wir den Herrn bitten, uns den Weg zu zeigen", hieß es in dem Kurznachrichtendienst. Bereits in den Tagen zuvor hatte er immer wieder auf Twitter zum Gebet aufgerufen und sogar ein eigenes für die Synode verfasst.

"Gottgewollte Gelegenheit" zur Erneuerung von Kirche und Gesellschaft

Am Samstagabend rief der Papst die Synodenteilnehmer zu einer "aufrechten, offenen und brüderlichen" Debatte auf. Sie könnten darauf vertrauen, dass Gott sie zu gegebener Zeit wieder zur Einheit zurückführen werde, sagte er auf dem Petersplatz. Die Bischöfe müssten mit Gott den "Schrei des Volkes" hören. Franziskus äußerte die Hoffnung, dass die Weltbischofssynode eine "gottgewollte Gelegenheit" sei, um die "Kirche und Gesellschaft zu erneuern". Die Bischöfe sollten den Austausch der Synode mit dem Papst als "Gnade" begreifen, als Gelegenheit für einen "Weg der geistlichen und pastoralen Unterscheidung".

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Heute feiern die Teilnehmer der Familiensynode in Rom das 50-jährige Bestehen der Weltbischofssynode. Doch was bedeutet eigentlich das Wort Synode und welche Formen von diesen Bischofstreffen gibt es? Die Zeichentrickserie "Katholisch für Anfänger" erklärt es auf einfache Weise.
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Die Kirchengeschichte kenne zahlreiche ähnliche Situationen, die von früheren Generationen mit "großer Geduld und Kreativität" überwunden worden seien, erklärte Franziskus in seiner Ansprache. Um zu erkennen, was Gott von seiner Kirche wolle, müssten sich die Bischöfe mit den "Freuden, Hoffnungen, Traurigkeiten und Ängste" der Menschen von heute "imprägnieren". Wenn es der Kirche nicht gelinge, den Leuten durch Barmherzigkeit und Gnade Gottes Heil zu vermitteln, bleibe von ihr nur ein Kartenhaus übrig. Ihre hirten würden zu "staatlichen Priestern", auf deren Lippen das Volk vergeblich das Evangelium Jesu suche, führte Franziskus aus.

Erste Arbeitstreffen am Montag

Mitgestaltet wurde die Vigil von Paaren, die auf dem Petersplatz ihre Geschichten erzählten, um die Vielfalt von Ehe und Familie abzubilden. Unter ihnen war auch ein Paar, das sich nach einer außerehelichen Beziehung des Mannes für sechs Jahre getrennt hatte. Organisiert wurde das Abendgebet von der Italienischen Bischofskonferenz.

Bis zum 19. Oktober beraten 191 Bischöfe aus aller Welt im Vatikan darüber, wie die katholische Kirche auf die Kluft zwischen der Lebenswirklichkeit vieler Katholiken und der offiziellen Morallehre reagieren soll. Hierbei geht es etwa um Patchwork-Familien, wiederverheiratete Geschiedene, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, Paare ohne Trauschein und die Sexualmoral. Ebenso wird über eine bessere Unterstützung für Familien angesichts von Migration und Gewalt beraten.

An dem Treffen, das mit der Seligsprechung von Papst Paul VI. zu Ende geht, nehmen auch Laien teil. Aus Deutschland nimmt der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, teil sowie als "Auditrix" (Gasthörerin) Ute Eberl von der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung. In die inhaltliche Arbeit steigen die Teilnehmer am Montag mit den ersten zwei Generalkongregationen ein. Dabei soll es um Bibelstellen und Kirchendokumente zu "Ehe und Familie" gehen. (mit Material von KNA und dpa)

Aktuell: Übersetzungsfehler des Vatikan

Der Vatikan hat einen Fehler bei der Übersetzung der Papstpredigt zur Eröffnung der Synode ins Deutsche gemacht: Das Wort "scienza" (Wissenschaft/Wissen) wurde mit "Lehre" übersetzt und verfälscht somit die Aussage des Papstes in dem Satz: "Der Geist schenkt uns die Weisheit, die über die Lehre hinausgeht, um großherzig in wahrer Freiheit und demütiger Kreativität zu arbeiten." In einer ersten Version dieses Textes haben auch wir eine falsche Übersetzung verwendet; der Fehler ist mittlerweile korrigiert. Der Satz lautet nun korrekt: "Der Heilige Geist schenkt uns die Weisheit, die über das Wissen hinausgeht, um großherzig in wahrer Freiheit und demütiger Kreativität zu arbeiten". (som/luk)

Aktuell: Übersetzungsfehler des Vatikan

Von Agathe Lukassek

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