Jesus in Wort und Bild

Die Satire über den Krisenstab "Jesusforschung" der Engel im Himmel beschreibt die Problematik aller Jesusbücher: Die meisten Jesus-Bilder ähneln mehr dem Verfasser als dem wirklichen Jesus. Was leisten also solche Darstellungen?

Dossier: Jesus Christus | Bonn - 06.01.2015

Auf dem Katholikentag in Hamburg im Jahre 2000 hielt der Heidelberger Neutestamentler Gerd Theißen einen Vortrag zum Thema "Jesus und seine historisch-kritischen Erforscher. Über die Menschlichkeit der Jesusforschung". Dabei spielte er auf den Beginn der modernen Jesus-Forschung in Hamburg an. Der erste radikal kritische Jesusforscher war nämlich der Hamburger Professor für altorientalische Sprachen, Hermann Samuel Reimarus (1694-1768).

Er wagte es allerdings nicht, seine Ergebnisse zu Lebzeiten zu veröffentlichen. Der Schriftsteller Lessing edierte sie anonym nach dessen Tod. Reimarus hatte zwei brisante Thesen vertreten: Jesus habe sich als ein Revolutionär verstanden; und die Auferstehungsbotschaft sei eine Erfindung der Jünger, die nicht mehr in ihren alten Beruf zurückkehren und vielmehr Jesus-Publicity betreiben wollten. Seitdem sind diese Ideen in der Jesusforschung in immer neuen Varianten aufgegriffen worden.

Der Neutestamentler Theißen griff in seinem Vortrag zu einem Lösungstrick: Er ließ die Engel beratschlagen, wie man den Streit und den grassierenden Unsinn in der Jesusliteratur künftig beenden könnte. Man installierte im Himmel einen Krisenstab "Jesusforschung": Die Engel bekamen den Auftrag, die bedeutendsten Jesusschreiberlinge aufzusuchen und deren Innerstes zu analysieren. Nachdem der letzte Engel aus Paderborn von Drewermann zurückgekehrt war, kam man zu dem Ergebnis, dass sich in allen Jesusbüchern mehr die Physiognomie der Autoren wiederfinde als Jesus selbst. Und so beschließt man, in Sachen "Jesus" solle die reine Wahrheit auf direktem Weg geoffenbart werden. Aber wem?

Wem soll die reine Wahrheit über Jesus geoffenbart werden?

Der erste Vorschlag lautet: dem Papst. Aber der lehnt dankend ab: Angefangen von den kritischen Katholiken bis hin zu Protestanten und Ungläubigen würden alle seine Aussagen für hausgemachte Kirchenpropaganda halten. Darauf der zweite Vorschlag: einem Franziskaner. Aber was würden die anderen Orden dazu sagen? Der dritte Vorschlag: einem protestantischen Theologieprofessor. Aber was würden dazu Lutheraner, Reformierte, Baptisten und Methodisten meinen? Auch der Gedanke an einen jüdischen Gelehrten oder einen Atheisten wird verworfen. Wie aber soll das Problem gelöst werden?

Jugendliche aus dem Libanon halten vor einer Messe mit dem Papst Spruchbänder mit dem Text "Wir lieben Jesus" hoch.
 KNA

Der Krisenstab "Jesusforschung" sammelt daraufhin Vorschläge für eine klärende Resolution: Die erste Anregung stammt vom Engel Hermeneuticus, der für den Sinnbereich zuständig ist. Er kommt zum Ergebnis, es gebe deshalb so verschiedene Jesusbilder, weil Jesus den Menschen so viel bedeute. Darauf meldet sich der Engel Exegeticus, der strenge Bibelwissenschaftler zu Wort: Er stimmt zu, fordert aber, die Jesusbilder kritisch an den Quellen zu prüfen. Das heißt im Klartext: Jesus ist nicht nach Indien verschwunden, er hat Maria Magdalena nicht geheiratet und es gibt keine "Verschlusssache Jesus" im Vatikan.

Die meisten Jesus-Bilder stiften Verwirrung

Zum Schluss meldet sich der Engel Poimenikus, der pastorale Vermittler, zu Wort: Jesus ist eine lebendige Person. Die Jesus-Bilder dienen dazu, dass Menschen in Kontakt mit ihm kommen und über ihn zu Gott. Dafür brauchen sie immer wieder neue Bilder.

Diese kleine satirische Skizze hat die Problematik aller Jesusbücher umschrieben: Die meisten Jesus-Bilder ähneln mehr dem Verfasser als dem wirklichen Jesus. Sie stiften eher Verwirrung als einen persönlichen Zugang zum Geheimnis Jesu. Die Jesusforschung kann aber auch weiterhin nicht ohne solche, wenn auch vorläufige Bilder auskommen.

Was aber leisten in dieser ohnehin schon unübersichtlichen Situation literarische Darstellungen über Jesus? Tragen sie nicht noch mehr zur Verwirrung bei? Nehmen sie sich nicht das Recht heraus, unter dem Deckmantel der Fiktion Jesus alle möglichen Rollen anzudichten?

Jede Form von Eingemeindung Jesu muss also letztlich scheitern.

Erich Garhammer

Auch in literarischer Hinsicht ist es angezeigt, einige Kriterien für Jesusbücher zu entwickeln. Ich unterscheide drei Formen von Jesusdarstellungen:

1. Den restlos enthüllten Jesus

Wohl 90 Prozent der Jesus-Bücher gehören diesem ersten Typus an. Die als dokumentarisch verkleidete Phantasieliteratur jagt Jesus durch alle Rollen: Mal ist er ein unsteter Ehemann, mal liebevoller Vater, mal Frauenheld, mal geschieden und wiederverheiratet, mal homosexuell, Vegetarier, hat sich scheintot bei den Essenern versteckt, hat demonstrativ Selbstmord begangen oder in Indien einen Ashram gegründet oder ähnliches.

2. Den gnadenlos vertrauten Jesus

Was nach den 90 Prozent Enthüllungsliteratur an Jesus-Büchern übrig bleibt, ist Jesus-Aneignung: Jesus wird zum Spiegelbild des Autors oder der Autorin etwa in Luise Rinsers "Mirjam". Jesus wird so nacherzählt, wie die Autoren schon längst sind, er wird zu ihrem Zwillingsbruder und literarisch verdoppelt. Mit diesem Jesusbild aber bestätigt sich, was Albert Schweitzer als Ertrag seiner Forschung festgehalten hat:

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"Es ist der Leben-Jesu-Forschung merkwürdig ergangen. Sie zog aus, um den historischen Jesus zu finden, und meinte, sie könnte ihn dann, wie er ist, als Lehrer und Heiland in unsere Zeit hinstellen. Sie löste die Bande, mit denen er seit Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war und freute sich, als wieder Leben und Bewegung in die Gestalt kam und sie den historischen Menschen auf sich zukommen sah. Aber er blieb nicht stehen, sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück." Jede Form von Eingemeindung Jesu muss also letztlich scheitern. Ein Jesus ohne Fremdheitszumutung, ohne befremdliche Wirkung ist letztlich austauschbar.

3. Den bodenlos berührenden Jesus

Gelungene Jesus-Darstellungen dieses zuletzt genannten Typs lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen: Dostojewskis "Idiot" zählt dazu, der Film "Jesus von Montreal" (von Denys Arcand 1989), auch wenn er am Schluss mit dem Motiv der Herzspende in Sozial-Kitsch abdriftet, und die Jesus-Trilogie von Patrick Roth. Diese Darstellungen entwickeln Identifikationsmöglichkeiten mit Jesus, rücken ihn nahe, machen ihn vertraut, aber lassen ihm auch sein Geheimnis. Jesus ist darin der nahe Fremde, bleibt aber auch der befremdlich Nahe.

Als Beispiel aus der Lyrik sei das Gedicht "Ecce homo" von Hilde Domin angeführt:

Weniger als die Hoffnung auf ihn

das ist der Mensch
einarmig
immer

Nur der gekreuzigte
beide Arme
weit offen

der Hier-Bin-Ich

Dieses Gedicht ist geradezu ein christliches Koan, ein Sinnspruch, mit dem man an kein Ende kommt, nur an das Ende der allzu schnellen Eingemeindung Jesu.

Zur Person

Erich Garhammer ist Professor am Lehrstuhl für Pastoraltheologie an der Universität Würzburg. Sein besonderer Forschungschwerpunkt gilt dem Gespräch und der Auseinandersetzung mit der modernen Literatur sowie deren Anregungspotential für die Theologie.

Zur Person

Von Erich Garhammer

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