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Romantische, arme Kirche

Björn Odendahl über das Programm des Papstes

Standpunkt | Bonn - 25.11.2015

Der Papst ist ein Mann, der an die Ränder gehen möchte - zu den Kranken, zu den Alten und vor allem zu den Armen und Ausgegrenzten. Das sagt er immer wieder. Und das tut er auch. Ob er einen neuen Friseursalon für Obdachlose eröffnen lässt oder ob ihn seine Reisen vor allem dahin verschlagen, wo die Menschen arm, aber die Kirche im Aufschwung ist: Lateinamerika, Asien oder - wie jetzt - Afrika.

Die alte Welt bekommt von Franziskus dagegen keine guten Noten. Die Kurie? Mit 15 Krankheiten wie Rivalität, Eitelkeit oder Geschwätzigkeit gestraft, wenn man seiner letzten Weihnachtsansprache glaubt. Und Europa? Das wirke oft "alt, müde und ohne Selbstvertrauen angesichts seines drohenden Bedeutungsverlusts in der Welt", so Franziskus vor dem Europaparlament. Zu guter Letzt hat es auch die deutschen Bischöfe bei ihrem Ad-limina-Besuch erwischt. Von "lähmender Resignation" in Deutschland sprach der Papst und von einem "perfekten Apparat", durch den die missionarische Kraft verloren gehe. Auch den Rückgang der Priesterzahlen beklagte er.

Der Papst hat in vielem Recht. Doch nicht in allem. Bereits in seiner Enzyklika "Laudato si" war - bei allen guten Gedanken zum Thema Umwelt - eine Kapitalismuskritik zu spüren, die viel zu pauschal und mit zu viel Misstrauen gegenüber dem Fortschritt gespickt war. Das wird der alten Welt nicht gerecht und romantisiert die schlechten Zustände dort, wo Franziskus sie eigentlich verbessern will.

So wie in Afrika. Natürlich wächst die Kirche dort. Sie wächst, weil die Menschen sozial abgehängt sind und oft nichts anderes haben als ihren Glauben. Sie wächst, weil der Bildungsstand durchschnittlich auf einem niedrigeren Niveau ist und die Menschen einfache Antworten auf schwierige (Glaubens)fragen akzeptieren. Antworten, wie sie zum Beispiel Kardinal Sarah aus Guinea gibt. Und auch die wachsende Zahl der Priester ist nicht allein der missionarischen Kraft zu verdanken, sondern ebenso eine der wenigen Möglichkeiten der sozialen Absicherung auf dem schwarzen Kontinent.

Natürlich wünscht man sich für Europa mehr Glaubensfreude und missionarische Kraft. Doch ein romantisierendes Ideal der Armut, wie es nicht nur der Papst fordert, hilft uns dabei nicht weiter. Die Kirche braucht auch einen Apparat und Geld, um Gutes zu tun.

Der Autor

Björn Odendahl ist Redakteur bei katholisch.de

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