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Biblische Flüchtlinge

Flucht und Vertreibung zeigen, dass Menschen nicht immer freiwillig unterwegs sind. Das war auch schon zu Zeiten des Alten und Neuen Testamentes so.

Reisezeit | Bonn - 26.06.2014

Während sich viele in den wohlverdienten Jahresurlaub begeben, um neue Kraft zu schöpfen und nach einigen Tagen oder Wochen gestärkt wieder in ihren Alltag nach Hause zurückkehren dürfen, gibt es rund um unseren Erdball auch Tausende von Menschen, die ganz und gar nicht freiwillig unterwegs sind, die sich vor Krieg, Hunger, Armut oder politischer Willkür auf der Flucht befinden.

Von Fluchten und Flüchtlingen aus den verschiedensten Gründen ist schon in der Bibel die Rede. Das prominenteste Beispiel eines "politischen Flüchtlings" unter ihnen ist sicherlich Jesus selbst, den der Evangelist Matthäus als ein von Beginn seines Lebens an bedrohtes Kind zeichnet. Mit seinen Eltern muss er nach Ägypten fliehen, um der Gewalt des Königs Herodes zu entgehen.

Ein ganz anderer berühmter "Flüchtling" des Alten Testaments ist der Stammvater Israels, Jakob. Auch er muss sein Elternhaus Hals über Kopf verlassen – doch anders als viele andere Flüchtlinge gestern und heute trägt er für seine missliche Lage selbst die Verantwortung. Listenreich hatte er sich als sein älterer Bruder Esau ausgegeben und dem sterbenden Vater Isaak den Erstgeburtssegen abgeluchst. Der um Vorherrschaft und Verheißung gebrachte Esau plant zornig Rache, Jakob muss um sein Leben fürchten und macht sich auf den Rat seiner Mutter Rebekka hin auf den Weg zu seinem Onkel Laban, ins Elternhaus seiner Mutter.

Jakobs Traum von der Treppe

Unterwegs, mit der Schuld im Gepäck, mitten in der nächtlichen Wüste und auf einem Stein als Schlafkissen, träumt er den berühmten Traum von der Treppe zwischen Himmel und Erde. Und damit nicht genug: Auf der Reise ins Ungewisse bekommt ausgerechnet der Betrüger Jakob von Gott Segen und Beistand zugesprochen: "Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Ich verlasse dich nicht..."

Zwanzig Jahre später muss Jakob wieder ein Zuhause fluchtartig verlassen – dieses Mal aber geht er den umgekehrten Weg, Richtung Heimat. Betrug hat er, der Betrüger, durch die Machenschaften seines Schwiegervaters Laban inzwischen auch am eigenen Leibe erfahren. Andererseits hat er alles erreicht, was man landläufig erreichen kann: Erfolg, Vermögen und eine große Familie mit zahlreichen Nachkommen. Eines allerdings steht noch aus: die Versöhnung mit seinem Bruder. Am Grenzfluss Jabbok stehend, trennt ihn nur eine Nacht noch vom Land der Verheißung, aber auch von der bevorstehenden Wiederbegegnung mit Esau.

Begegnung mit der eigenen dunklen Seite

Auch in diesem krisenhaften Moment begegnet ihm Gott – dieses Mal jedoch verbunden mit der Erfahrung eines beklemmenden Kampfes auf Leben und Tod, der bis zum Anbruch der Morgenröte währt und in dem keiner der Ringenden den Sieg davontragen kann. Jakob geht gezeichnet aus diesem Kampf hervor – als ein Hinkender, gleichzeitig aber auch als ein Gesegneter. Fortan wird er "Israel" genannt werden, der "Gottesstreiter". Denn mit Gott und den Menschen habe er gestritten und gewonnen, so heißt es. Man könnte fast den Eindruck gewinnen: Dieser Jakob hat vor allem mit sich selbst gerungen. Am selben Morgen kann er Esau entgegengehen, kann Esau den gebührenden Respekt entgegenbringen – und trifft auf einen Bruder, der selbst des Zornes müde ist und ihm Frieden anbietet.

Wir können nicht fliehen. Wie weit wir auch reisen mögen, unsere Reisen führen uns letzten Endes doch wieder zu uns selbst. Wir müssen uns den Konsequenzen unseres Handelns stellen, und das kann ein harter Kampf sein. Ein Kampf allerdings – wenn es gut läuft – ohne Sieger und Besiegte. Mit Jakob dürfen wir hoffen, dass Gott uns auch in der Begegnung mit unseren eigenen dunklen Seiten hält, begleitet und segnet.

Von Rita Müller-Fieberg

Zur Person

Rita Müller-Fieberg, Studium der Katholischen Theologie, Romanistik und Germanistik. Promotion im Fachgebiet Neues Testament. Als Dozentin für Biblische Theologie tätig im Bereich Fort- und Weiterbildung von Religionslehrern am Institut für Lehrerfortbildung, einer Einrichtung der fünf (Erz-)Bistümer Nordrhein-Westfalens.

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