Christof May ist Missionar der Barmherzigkeit im Bistum Limburg.
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Zu Besuch bei Christof May, Missionar der Barmherzigkeit im Bistum Limburg

"Barmherzigkeit ist keine Sonntagskollekte"

Als "Rampensau" des Pfarrhauses hat eine Mitarbeiterin Christof May einmal bezeichnet. Doch wenn es um das Heilige Jahr geht, wird der sonst eher extrovertierte Pfarrer aus Braunfels nachdenklich.

Von Gabriele Höfling |  Weilburg - 28.04.2016

Aus seiner extrovertierten Art macht der Priester keinen Hehl: "Eine Mitarbeiterin meinte mal, ich sei hier die Rampensau", sagt er. Die grünen Augen lachen.

Auf Augenhöhe

Doch wenn die ‚Rampensau‘ des Braunfelser Pfarrhauses St. Anna — 43 Jahre alt, Jeans, blauer Strickpullover, Priesterkragen — über Barmherzigkeit spricht, sind auch nachdenkliche Töne dabei. Ein Aspekt ist entscheidend für Mays Selbstverständnis als Missionar der Barmherzigkeit: Barmherzigkeit gelingt nur auf Augenhöhe, davon ist er überzeugt. "Das funktioniert nicht wie bei der Sonntagskollekte: Ich habe zu viel und gebe davon ganz großzügig etwas ab", verdeutlicht er. "Erst wenn ich sicher bin, dass ich selbst sündig bin und schwach, kann ich wirklich Missionar der Barmherzigkeit sein".

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Pfarrer Christoph May ist Missionar der Barmherzigkeit in Braunfels. Er weiß, worauf es beim Beichten ankommt.

May kommt gerade von einem Vortrag. Dem ökumenischen Frauenkreis hat der Dekan für den Bezirk Wetzlar im Bistum Limburg erklärt, was es mit dem Heiligen Jahr, den Heiligen Pforten und den sogenannten geistlichen und leiblichen Werken der Barmherzigkeit auf sich hat – von "Hungrige Speisen", über "Gefangene Besuchen" bis zu "Tote bestatten". Schon mehrfach seit der feierlichen Aussendung der Missionare der Barmherzigkeit durch Papst Franziskus am Aschermittwoch in Rom, hat er dieses Referat gehalten.

Doch bis zum 20. November, wenn das Heilige Jahr endet, hat sich May noch einiges mehr vorgenommen. In den Sommerferien will er mit einer Gruppe auf den Spuren der Barmherzigkeit durch das Bistum pilgern: hin zu den Heiligen Pforten im Kloster Marienthal, im Frankfurter und im Limburger Dom, zum Gespräch mit der Caritas nach Wiesbaden, auch eine Station auf einem Friedhof ist angedacht. 150 Kilometer in rund einer Woche stehen auf dem Programm, rund 60 bis 70 Anmeldungen gibt es schon, ausschließlich wegen des Jahrs der Barmherzigkeit kommen in etwa zehn Leute, schätzt May. Und auch bei der Fahrradwallfahrt  mit Jugendlichen, die bis nach Kevelaer führt, wird die Barmherzigkeit das zentrale Thema sein.

Leidenschaft fürs Pilgern

Für das Pilgern hegt der Priester, der im Pfarrhaus zusammen mit Kaplänen und einem Diakon in einer Art WG lebt, eine Leidenschaft: Der drahtige, auffallend schlanke Mann hat seine Doktorarbeit über das geistliche Wandern verfasst. Er ist schon mit dem Fahrrad über die Alpen nach Rom gepilgert und die rund 1650 Kilometer nach Lourdes gefahren. Im Bistum Limburg ist er zuständig für die Wallfahrten – da lag es für Weihbischof Thomas Löhr nahe, ihn als einen der Missionare der Barmherzigkeit vorzuschlagen. Schließlich gehört das Pilgern wie auch die Beichte (siehe Video) zu den großen Traditionen der Heiligen Jahre, die es in der katholischen Kirche seit dem Jahr 1300 gibt.

Bin ich eine lebendige Pforte der Barmherzigkeit? Für diese Frage ist das Heilige Jahr ein dauernder Reminder.

Zitat: Pfarrer Christof May

Befürchtet er, das aktuelle "Heilige Jahr der Barmherzigkeit" könne wegen seines abstrakten, etwas sperrigen Titels für manche Gläubigen nur schwer greifbar sein? Diesen Vorbehalt teilt May nicht. Das von Papst Franziskus initiierte Jahr hat für ihn etwas sehr Praktisches, Lebensnahes – vor allem weil es erstmals nicht nur im fernen Rom, sondern überall in der Weltkirche Heilige Pforten gibt. Und auch das Thema Barmherzigkeit könne jeder Gläubige für sein Leben umsetzen: "Bin ich eine lebendige Pforte der Barmherzigkeit? Für diese Frage ist das Heilige Jahr ein dauernder Reminder", findet May. Auch er stellt sich diese Frage. In seinem Arbeitszimmer gibt es eine Gebetsecke mit einer Figur des Gottessohnes, die der Priester seinen "Barmherzigkeitsjesus" nennt. Jeden Abend kniet er sich davor, schaut die Figur an und reflektiert den Tag.

Doch was bedeutet das eigentlich genau: barmherzig sein? "Für manche klingt Barmherzigkeit nach klappernden Rosenkränzen. Aus dieser Ecke muss man sie herausholen", sagt May. Um zu erklären, was der Begriff für ihn persönlich bedeutet, verweist er auf den hebräischen Begriff für Barmherzigkeit, "rachamim". Wörtlich übersetzt heißt das eigentlich "Gebärmutter". Barmherzigkeit zeigt sich für May also immer dann, "wenn dem Leben auf irgendeine Art zum Durchbruch zu verholfen wird". Das könne schon das Gespräch mit einem Obdachlosen sein, dem man Aufmerksamkeit schenke und dem man einfach einmal zuhöre – auch wenn er vor Dreck stinke und eine Alkoholfahne habe.

Priester statt Metzger

Als erste persönliche Begegnung mit der Frage nach Barmherzigkeit wertet May heute eine Episode seiner Jugend: Der körperlich behinderte Geselle, der früher in der Bäckerei des Großvaters mitgeholfen hatte, lebt mit in der Familie. Er ist Jahrzehnte älter als der heranwachsende Christof – und alles andere als einfach. "Aber es war eben ganz normal, dass er mit dazu gehörte – auch wenn manchmal die Fetzen flogen", erinnert sich May – für ihn eine Erfahrung von Barmherzigkeit auf Augenhöhe. In dieser Zeit des Heranwachsens wird May übrigens auch klar, dass er Priester werden will. Als 10- oder 11-Jähriger hatte er spontan diese Antwort auf die Frage eines Lehrers gegeben. "Eigentlich hatte ich mir vorgenommen zu sagen, dass ich Metzger werde – doch kurz bevor ich an Reihe war, sagte einer meiner Klassenkameraden, er wolle Priester werden. Komischerweise gab ich dann die gleiche Antwort – und damit war es ausgesprochen".

Wenn der Pfarrer über gelebte Barmherzigkeit heute nachdenkt, dann vermisst er vor allem eine würdige Kultur des Abschiednehmens. Dem siebten leiblichen Werk der Barmherzigkeit "Tote begraben" werde kaum noch Bedeutung geschenkt. Das zeige sich in der zunehmenden Zahl anonymer Bestattungen, aber auch darin, dass es immer weniger Wochen- oder Jahresämter für Tote gebe.

Professionalität und Glaube

Und noch etwas ist May aufgefallen: Das professionelle soziale Engagement der Kirche habe sich teils "verselbständigt". "Die Caritas beispielsweise ist ja nicht nur ein sozialer Träger, sondern geht mit der Liebe Gottes einher. Wir haben aber oft nicht mehr den Mut, Gott ins Wort zu bringen." So erlebe er es nur selten, dass sich Mitarbeiter nicht nur auf ihre Professionalität, sondern auch auf ihren Glauben beriefen. Wenn das Heilige Jahr der Barmherzigkeit es schaffen würde, bei diesen beiden Aspekten zu einem Bewusstseinswandel beizutragen, dann wäre das aus Mays Sicht wohl "gigantomanisch".

Von Gabriele Höfling