Bischof Kohlgraf gibt Tipps für eine gelingende Ehe
Interview mit dem Mainzer Oberhirten über sein neues Buch

Bischof Kohlgraf gibt Tipps für eine gelingende Ehe

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat ein Buch über Vergebung und Versöhnung in der Ehe geschrieben. Im Interview sagt er, wie er als Kirchenmann dazu kam und warum er den Papst für einen guten Eheberater hält.

Von Gottfried Bohl (KNA) |  Mainz - 15.02.2018

Frage: Bischof Kohlgraf, ein Kirchenmann schreibt ein Buch über Vergeben und Versöhnen in der Ehe. Das klingt ja eher ungewöhnlich...

Kohlgraf: Als ich das Buch schrieb, war ich ja noch Professor für Pastoraltheologie. Und natürlich ist es für die Seelsorge ein wichtiges Thema, Menschen zu helfen, auch in der Beziehung ein versöhntes Leben führen zu können. Entstanden ist das Buch auf der Basis einer Befragung des Bundesverbands katholischer Ehe-, Familien- und Lebensberater, die ich mit meinen Studenten ausgewertet habe. Wobei es auch um die Frage ging, ob religiöse Menschen sich leichter tun mit der Versöhnung.

Frage: Und? Tun sie es? Da Versöhnung und Vergebung zentrale Elemente im christlichen Glauben sind, könnte man ja sagen: Christliche Paare streiten sowieso nicht - und wenn es doch mal passiert, versöhnen sie sich sofort, weil sie das ja als Christen so gut können...

Kohlgraf: Nein (Lacht)! Beides nein. Auch christliche Paare streiten sich. Und Versöhnung heißt eben nicht, von einem Moment auf den anderen zu sagen: "Alles wieder gut". Es wäre sogar schädlich, aus religiöser Motivation heraus zu sagen "Wir dürfen uns gar nicht streiten" - oder jeden Streit mit einer pseudoreligiösen Harmoniesoße zu übergießen und unter den Teppich zu kehren. Das wäre kontraproduktiv. Um Konflikte bewältigen zu können, muss ich sie benennen und kompetent damit umgehen. Die Studie zeigt klar, dass sich ein religiöser Mensch nicht von vornherein besser versöhnen kann als ein nichtreligiöser.

Frage: Was sind weitere zentrale Ergebnisse?

Kohlgraf: Ich nenne mal ein paar Schlaglichter und fange bei der Problembeschreibung an: Was Beziehungen nachhaltig schädigt, sind in der Regel weniger die ganz großen Fehltritte und Streitigkeiten, sondern eher die ganz alltäglichen kleinen Nickeligkeiten, die das Leben schwer machen. Dann beim Thema Konfliktbewältigung: Erfolg versprechen bestimmte Formen von Gesprächskultur, bei denen man sich mit viel Empathie auch in die Perspektive des anderen reindenken muss. Das wird ja auch in der katholischen Eheberatung eingeübt. Und noch eine etwas erschreckende Erkenntnis: Ein großer Teil der Befragten hat sich bis dahin wenig oder gar keine Gedanken gemacht über den Umgang mit Konflikten in der Partnerschaft. Wenn es dann mal knallt, reagieren sie spontan und überlassen es dem Zufall oder der gerade herrschenden Laune. Und da zeigt die Befragung sehr deutlich, dass es hilfreich ist, sich bewusst darauf einzustellen und einzuüben, wie man Konflikte bewältigen kann.

Bild: © katholisch.de

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf.

Frage: Warum ist Ihnen das Thema überhaupt so wichtig?

Kohlgraf: Ich denke - und das bestätigen auch die Eheberater, dass es sehr entscheidend ist für ganz viele Themen in einer Paarbeziehung und letztlich auch für die Paarzufriedenheit, wie ich mit Konflikten und Streit umgehe.

Frage: Was wollen Sie - über diese Botschaft hinaus - mit dem Buch erreichen?

Kohlgraf: Ich möchte gerne helfen, die Erkenntnisse, die wir ausgewertet haben, möglichst konkret für unterschiedliche seelsorgliche Handlungsfelder nutzbar zu machen. Ich mach es mal an einem Beispiel fest: Ehevorbereitung und Ehebegleitung. Da fordert uns der Papst ja in Amoris laetitia, seinem Schreiben zu Ehe und Familie, nachdrücklich auf, aktiver und besser zu werden. Damit sich Ehevorbereitung nicht auf ein halbstündiges Vorgespräch beschränkt, bei dem vor allem die Lieder für die Hochzeitsmesse besprochen werden. Wobei ich die Begleitung noch wichtiger finde: dass Kirche auch dann hilfreich zur Seite steht, wenn die rosarote Brille der Verliebtheit beschlagen ist...

Frage: Ist denn Kirche überhaupt ein ernst genommener Ansprechpartner in Beziehungsfragen?

Kohlgraf: Was definieren Sie da als Kirche? Dem Pfarrer und dem Bischof rennt wohl kaum einer die Tür ein, um sich in Ehefragen Rat zu holen. Aber wir haben die kirchlichen Beratungsstellen, und die sind sehr gefragt und machen eine gute Arbeit. Auch das ist Kirche. Oder denken Sie an die Arbeit mit Kindern und Familien in katholischen Kitas und Schulen. Auch da sind Konfliktbewältigung, Streitschlichtung und Versöhnung wichtige Themen. Und an all diesen Stellen erreichen wir auch sehr viele Menschen, die sonst keine oder kaum Berührung mit Kirche haben.

Frage: Jetzt könnte man sagen: Beim Thema Vergebung und Versöhnung hat die katholische Kirche doch alles klar geregelt mit der Beichte...

Kohlgraf: Natürlich kann die hilfreich und wichtig sein, keine Frage. Gerade auch, um uns sensibel zu machen für das Erkennen eigener Schuld. Aber Vorsicht! Beichte kann nur der erste Schritt sein und darf nicht dazu dienen, sich dem zwischenmenschlichen Vergebungs- und Versöhnungsprozess zu entziehen. So nach dem Motto "Mit dem lieben Gott habe ich das alles geklärt, und damit ist es gut."

Papst Franziskus hat mit seinem Schreiben "Amoris laetitia" über Ehe und Familie nicht nur Zustimmung geerntet. Peter Kohlgraf lobt es als "wichtig, hilfreich und sehr lebensnah".

Frage: Bei allem Bemühen um Versöhnung und trotz der katholischen Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe: Gibt es auch Situationen, in denen Trennung der bessere Weg ist?

Kohlgraf: Klar. Das sagt ja auch der Papst: Es gibt Paarbeziehungen, in denen eine Trennung das einzig menschlich vernünftige und mögliche ist. Ich denke etwa an Partnerschaften, in denen Gewalt den Alltag beherrscht und wo auch die Kinder und alle anderen Beteiligten nur leiden.

Frage: Von da ist es nicht weit zum großen Streitpunkt in Amoris laetitia, dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Kann es Einzelfälle geben, in denen trotz Scheidung und ziviler Wiederheirat der Gang zur Kommunion möglich sein kann?

Kohlgraf: Einzelfälle ja - so sagt es auch der Papst. Ihm geht es ja nicht um eine pauschale Freigabe für alle. Entscheidend ist, dass Paare einen gut geschulten Begleiter und Seelsorger an ihrer Seite haben, der mit ihnen die gesamte Lebenssituation in den Blick nimmt, gerade auch die gescheiterte Ehe, aus der vielleicht auch noch Verletzungen aufzuarbeiten und Wege der Versöhnung nötig sind. Das sind schon sehr anspruchsvolle Schritte, die der Papst da fordert - auch von uns Priestern und von der Bischofskonferenz. Hier liegt noch ein gutes Stück Arbeit vor uns.

Frage: Wie wichtig ist denn Amoris laetitia insgesamt?

Kohlgraf: Sehr wichtig und hilfreich, weil das Schreiben sehr lebensnah ist, ohne die Theologie zu vernachlässigen. Der Papst geht ja immer von der gelebten Wirklichkeit der Menschen aus. Und bei ihm gibt es nicht nur schwarz und weiß, richtig und falsch, sondern auch die Grauzonen. Genau wie im echten Leben eben.

Frage: Ist der Papst also ein guter Eheberater?

Kohlgraf: Mit manchen Tipps sicher. Wenn er etwa Paaren empfiehlt, möglichst nie abends ins Bett zu gehen, ohne sich vorher wieder vertragen zu haben - auch wenn vorher die Teller geflogen sind, wie er es formuliert hat. Das ist mir übrigens bei dem ganzen Thema Vergebung und Versöhnung ganz wichtig: Es geht nicht nur um Paare, sondern auch um Freundschaften, Familien und alle anderen Arten von Beziehungen, in denen jeder von uns lebt.

Von Gottfried Bohl (KNA)

Buchtipp

Das Buch ist ab März im Handel erhältlich: Peter Kohlgraf, "Vergeben und Versöhnen. Erfahrungen des Glaubens - Felder des Handelns", Verlag Grunewald, 176 Seiten, 19 Euro.