Hani Farah, Projektleiter des YMCA in Gaza sitzt vor einem Weihnachtsbaum.
Immer mehr Christen verlassen den Gaza-Streifen. Sie fühlen sich als Bürger zweiter Klasse.

Bürger zweiter Klasse?

Wenn Hani Farah sich etwas zu Weihnachten wünschen könnte, dann wäre es ein Besuch in Bethlehem. Mit seiner Frau würde er durch die Gassen der Altstadt schlendern, den Weihnachtsbaum vor der Geburtskirche bestaunen. Gemeinsam mit den anderen Gläubigen würden sie an Heiligabend Weihnachtslieder singen und am Geburtsort Jesu beten.

Gaza - 21.12.2014

Farahs Weihnachtswunsch ist nicht einfach zu erfüllen. Denn der 36-Jährige lebt mit seiner Familie in Gaza . Um nach Bethlehem zu reisen braucht er eine Erlaubnis Israels. Seit Jahren, sagt er, habe er jedes Weihnachten eine Ausreise beantragt. Sie wurden abgelehnt: das letzte Mal war Farah 2007 in Bethlehem.

Immer mehr Christen verlassen Gaza

2007 markierte für die Menschen in Gaza eine Zäsur - ganz besonders für die Christen . Damals riss die radikal-islamische Hamas die Macht im Gazastreifen an sich und verbannte die moderatere Fatah ins Westjordanland. Seitdem lebt Hani Farah, christlicher Palästinenser, unter der Führung einer islamistischen Organisation. Und unter einer Blockade von Israel und Ägypten, die ihre Grenzübergänge zum Gazastreifen mittlerweile weitgehend geschlossen haben.

Zwei Männer blicken auf die zerstörte Stadt Gaza.
Bild: © KNA

Zwei Männer blicken auf die zerstörte Stadt Gaza.

Diese beiden Faktoren haben dazu geführt, dass immer mehr Christen Gaza verlassen. 2007 lebten noch etwa 5000 Christen im Gaza-Streifen, schreibt die Konrad-Adenauer Stiftung in ihrem aktuellen Bericht zur Lage der Christen in Gaza. Gemeinsam mit einer deutschen Delegation hat die Stiftung kürzlich das Gebiet besucht. Das Ergebnis ihrer Recherchen: Derzeit seien es noch etwa 1350 Christen - unter etwa 1,8 Millionen Muslimen.

Sprengsätze explodieren

Der Alltag in Gaza ist stark islamisch geprägt. Nur wenige Frauen tragen auf der Straße kein Kopftuch. In vielen Bereichen herrscht strikte Geschlechtertrennung. 2007 waren Sprengsätze vor Dutzenden Internet-Cafés und Musikläden detoniert. Die Besitzer vermuteten islamische Extremisten hinter den Angriffen.

Hani Farah arbeitet als Projektkoordinator für die Young Men's Christian Association (YMCA) in Gaza. Hier können Kinder und Jugendliche Fußball und Tennis spielen, sich aber auch mit Tanz und Kultur befassen. Jungen und Mädchen sind im Unterricht zusammen. 2008 wurde der Ort von Militanten angegriffen und verwüstet. Ein Sicherheitsmann sagte damals aus, die Männer hätten ihn gefragt, warum er für "Ungläubige" arbeite.

Farah bemüht sich, dem Fall nicht zu viel Bedeutung beizumessen. Christen und Muslime lebten in Gaza friedlich zusammen, sagt er. Und: "Die Hamas kümmert sich sehr um die Christen." Erst auf Nachfrage erzählt er, dass seine Frau zum Einkaufen einen Schal mitnehme, den sie sich als Kopftuch überwerfen könne - zum Schutz. Und dass Christen nicht in der Verwaltung der Hamas arbeiten könnten, sei "natürlich ein Problem".

Wenig offene Kritik

Auch die kirchlichen Führer in Gaza sind mit offener Kritik vorsichtig. Sie betonen die gute Zusammenarbeit mit der Hamas. Der Grund dafür, dass Christen auswandern, sei der Konflikt mit Israel. "Christen und Muslime leiden gemeinsam", sagt Bruder Amphilosios, Priester der griechisch-orthodoxen Kirche.

Sie haben das Gefühl: Nur weil sie Christen sind, kann man alles mit ihnen machen.

Zitat: Christ aus Gaza, der anonym bleiben will

Natürlich sind Krieg und Arbeitslosigkeit die größten Probleme im Gazastreifen. Doch viele Christen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. "Sie haben das Gefühl: Nur weil sie Christen sind, kann man alles mit ihnen machen", sagt einer von ihnen, der unerkannt bleiben möchte. Auch in Gaza wächst die Sorge wegen radikaler Gruppen wie der Terror-Miliz Islamischer Staat . Noch fühlten die Christen sich sicher, sagt der Gläubige in Gaza. "Aber wir wissen nicht, was die Zukunft bringt."

Politisches Weihnachten

Erst einmal feiern aber natürlich auch die Christen in Gaza Weihnachten. Hani Farah hat in seiner Wohnung einen kleinen Baum aufgestellt: aus Plastik, gekauft in einem Spielwarenladen. Doch in Gaza ist selbst Weihnachten nicht frei von Politik: Hani hat eine Tunnelanlage aus Pappmaché gebastelt, sie soll unter dem Baum stehen. Dort liegen normalerweise die Geschenke. "Doch dieses Jahr sind die Tunnel zu", sagt Farah. Ägypten und Israel haben die meisten Tunnelanlagen, die aus Gaza herausführen, inzwischen zerstört.

Farah hat in diesem Jahr wieder eine Ausreise-Erlaubnis für Bethlehem beantragt. "Ich wünsche mir so sehr, dass es klappt", sagt er. Bislang hat er keine Antwort erhalten.

Von Alexandra Rojkov, dpa