Chemnitz: Junge Gläubige gegen rechte Propaganda
Auch katholische Jugendliche bei #wirsindmehr-Konzert

Chemnitz: Junge Gläubige gegen rechte Propaganda

Ein Open-Air-Konzert mit bekannten Bands - und das kostenlos. So wollen Künstler viele Menschen nach Chemnitz locken, um gegen rechte Gewalt zu demonstrieren. Auch junge Katholiken werden dabei sein.

Von Roland Müller |  Bonn/Chemnitz - 03.09.2018

Die Toten Hosen, K.I.Z., Kraftklub, Marteria & Casper – die Liste der Musiker des Solidaritätskonzerts in Chemnitz liest sich wie ein "Who-Is-Who" der deutschen Musik-Szene. Unter dem Motto #wirsindmehr stellen sich die Künstler offen gegen Gewalt und ausländerfeindliche Parolen. Denn Chemnitz hat in den letzten Tagen durch einen Todesfall und dessen Instrumentalisierung durch rechte Gruppen traurige Schlagzeilen gemacht. Wie viele Teilnehmer das Gratis-Konzert besuchen werden, lässt sich nur schätzen. Auf Facebook hatten zuletzt fast 40.000 Menschen ihr Kommen zugesagt; mehr als 120.000 zeigten sich interessiert. Unter ihnen werden auch junge Katholiken aus ganz Deutschland sein, etwa aus dem Bistum Magdeburg.

"Wir wollen dabei sein und ein Zeichen gegen Hetze setzen", sagt Anna Rether. Sie habe etwas mehr als 30 Anmeldungen für die zweieinhalbstündige Fahrt nach Chemnitz erhalten. Wegen der kurzfristigen Planung am Wochenende sei das eine beachtliche Zahl, sagt die geschäftsführende Referentin der BDKJ-Landesstelle in Magdeburg. Viele der Jugendlichen seien schon häufig mit rechtsextremen Parolen konfrontiert worden. "Die hört man automatisch, wenn man in Ostdeutschland lebt. Bei uns ist schließlich die AfD in den Landtagen sehr stark vertreten" Doch die jungen Christen wüssten, ganz genau, dass rechtes Gedankengut nicht mit dem Glauben vereinbar sei. Gemeinsam mit der evangelischen Jugendpflege geht es daher zum Konzert. Meist in Klein-Bussen wie den gelben Bullies des Bonifatiuswerks. "Aber die Mehrheit unserer Jugendlichen kommt mit Privatautos nach Chemnitz", weiß Rether. Banner mit BDKJ-Logo habe man schon im Gepäck: "Wir wollen schließlich zeigen, dass wir da sind."

"Keine Angst vor Ausschreitungen in Chemnitz"

Auch der BDKJ im Bistum Rottenburg-Stuttgart macht sich auf den Weg nach Chemnitz – doch die Schwaben haben mit knapp fünf Stunden Autofahrt einen doppelt so langen Anfahrtsweg wie die Magdeburger. "Angst vor Ausschreitungen extremistischer Gruppen haben wir nicht", sagt Alexandra Guserle. Doch man werde bewusst nur Volljährige mitnehmen, erklärt die BDKJ-Diözesanvorsitzende. Lob für die Initiative gab es von höchster Stelle des Jugendverbands. Bundesvorsitzende Lisi Maier rief Guserle an: "Toll, dass Ihr dahin fahrt!". Am Montag hatten zudem mehrere Diözesanverbände des BDKJ in einer Erklärung zur Teilnahme an der Veranstaltung in Chemnitz aufgerufen. Das Papier mit dem Titel "Gemeinsam für ein buntes Land – gegen rechte Hetze in Chemnitz" verurteilt die Vorkommnisse in der sächsischen Stadt aufs Schärfste.

Alle, die zuhause bleiben, können ebenfalls gegen Gewalt und Hass Flagge zeigen. Die Netzgemeinde "da_zwischen" aus den Bistümern Speyer, Freiburg und Würzburg öffnet für den Abend des Konzerts ihr Angebot für Nicht-Mitglieder. Auf einer Facebook-Seite hat Felix Goldinger, Leiter der Netzgemeinde, einen digitalen Gebetsraum eingerichtet. Unter dem biblischen Motto "Friede sei mit euch!" ruft der Pastoralreferent dazu auf, Gedanken und Gebete zu teilen. "Wir wollen einen Gegen-Ort zu den Hass-Parolen in Chemnitz schaffen", so Goldinger. Auf der Facebook-Seite könne man sich "gute Gedanken abholen" und "die unterstützen, die zum Konzert nach Chemnitz fahren". Man wolle bewusst keine Gegen-Demo im Netz sein, sondern eher "ein friedlicher Ruheraum".

Damit hat die Netzgemeinde offensichtlich Erfolg: Ihre Seite hat bislang etwa 3.000 Menschen erreicht. "Sogar eine Gruppe der SPD hat unseren Post geteilt", verrät Goldinger. Doch er hofft, dass sein Projekt noch größere Kreise zieht: "Wir wollen aus unserer katholischen Blase herauskommen und viele Menschen beim Protest gegen Gewalt und Hetze unterstützen."

Von Roland Müller