Blick auf Prag.
Die Kirche ficht um Wiedergutmachung - und bekommt marode Bauten

Danaergeschenk an Tschechiens Katholiken

Oberflächlich betrachtet könnten sich Tschechiens Katholiken freuen. Immerhin hat ihnen der Staat nach langem Streit zwei während des Kommunismus enteignete Gebäude zurückgegeben. Doch die befinden sich in einem erbärmlichen Zustand.

Von Hans-Jörg Schmidt (KNA) |  Prag - 18.07.2015

Es nimmt nicht Wunder, dass das Memorandum über die abschließende Einigung zwar im repräsentativen Thronsaal der Prager Burg, aber nur in kleinstem Kreis unterzeichnet wurde. Präsident Milos Zeman und der Prager Erzbischof Dominik Duka waren quasi allein mit ein paar Protokollbeamten. Journalisten waren nicht erwünscht.

Die beiden Präsidenten, mit denen die Kirche über Jahre über Kreuz lag, Vaclav Klaus und Milos Zeman, erwiesen sich als äußerst hartleibige Verhandlungspartner. Klaus hatte immerhin mit dem früheren Prager Erzbischof Miloslav Vlk einen starken Widerpart, der sich nicht scheute, für eine Korrektur des kommunistischen Unrechts vor Gericht zu ziehen. Vlk kämpfte jedoch einen ungleichen Kampf: Teilweise hatte er es mit Richtern zu tun, die vor der Wende amtierten und kein Ohr für die Ansprüche der Kirche hatten.

Presse ist auf der Seite des Staates

Legendär waren die Auseinandersetzungen um die böhmische Kathedrale, den Veits-Dom. Mal wurde er der Kirche zugesprochen, dann wieder dem Staat. Die tschechische Presse, selbst die konservative, schlug sich deutlich auf die Seite des Staates - im Wissen darum, dass die große Mehrheit der herzlich gottlosen Tschechen der Kirche am liebsten gar nichts zurückerstattet hätte. Mitunter wirkte das wie eine späte Rache für die Niederlage der böhmischen Stände gegen die Habsburger in der Schlacht am Weißen Berg von 1620.

Kardinal Dominik Duka aus Prag.
Bild: © KNA

Erzbischof Dominik Duka von Prag. Unter ihm kam es nun zu einer - wenn auch strittigen - Einigung mit dem Staat um die Rückgabe kirchlicher Gebäude.

Seit fünf Jahren nun gibt es eine Vereinbarung über den Veits-Dom, der dem Staat zugesprochen wurde, aber gemeinsam mit der Kirche verwaltet wird. Als auf Vlk Duka folgte, nahm die Kirche eine versöhnlichere Haltung ein. Sie gipfelte in der Vereinbarung vom Donnerstag. Ganze zwei von ursprünglich elf beanspruchten Gebäuden bekommt die Kirche zurück; zwei andere Immobilien darf sie für 99 Jahre vom Staat mieten. Dafür ließ die Kirche alle weitergehenden Forderungen fallen.

Der emeritierte Erzbischof Kardinal Vlk nannte die Vereinbarung zwischen Präsidialamt und Kirche am Donnerstag "gesetzes- und verfassungswidrig" - ein für die neuzeitliche böhmische Kirche beispielloser Widerspruch gegenüber seinem Amtsnachfolger.

Vlk weiß, dass das, was die Kirche vom Staat bekommt, ein Danaergeschenk ist: Die Neue Propostei und vor allem das Georgskloster befinden sich in erbarmungswürdigem Zustand. Das Kloster auf dem 10. Jahrhundert, von Benediktinern erbaut, ist das älteste in Böhmen. Sein barocker Glanz ist nur Fassade. Als Präsident Zeman das Kloster Anfang des Jahres besichtigte, war er fassungslos: "Wie nach einem Bombenangriff" sehe es dort aus. Er habe sich nicht vorstellen können, dass es auf dem Burgareal ein Gebäude in solch schlimmem Zustand gebe.

Stichwort: Kirche in Tschechien

In der Tschechischen Republik bekennt sich nur eine Minderheit der Bevölkerung zu einer Religionsgemeinschaft. Laut Volkszählung 2011 gaben von 10,5 Millionen Tschechen nur noch knapp 22 Prozent eine Religionszugehörigkeit an. Bei der Erhebung von 1991 waren es noch 43,9 Prozent und 2001 noch 32 Prozent. 34 Prozent der Bevölkerung bezeichneten sich beim jüngsten Zensus von 2011 als konfessionslos; 44 Prozent machten keine Angaben. Dramatisch ist der Rückgang auch bei der Angabe der Konfession römisch-katholisch. 1,08 Millionen Tschechen, also 10,4 Prozent der Bevölkerung, schrieben dies auf den Zettel. Damit bleibt die katholische Kirche die mit Abstand größte Religionsgemeinschaft Tschechiens. Allerdings hatten 2001 noch 26,8 Prozent der Bevölkerung "römisch-katholisch" als Konfession angegeben (1991: 39 Prozent). Nach kirchenamtlicher Zählung, die von der Zahl der Getauften ausgeht, sind noch rund 30 Prozent der Tschechen katholisch. In West- und Nordböhmen ist die Entchristlichung am weitesten vorangeschritten; viele Kirchen dort sind verwaist. In Mähren sind dagegen noch Reste einer katholischen Volkskirche erkennbar. (KNA)

Dabei hätte es wissen können: Wegen untragbarer Zustände war schon die Nationalgalerie dort ausgezogen, die hier eine einzigartige Sammlung aus Werken der Spätgotik, Renaissance und des Barock zusammengetragen hatte. Soll sich doch die Kirche kümmern - das schien für das Staatsoberhaupt die einfachste Lösung. Fünf Jahre hat die Kirche jetzt Zeit, das Kloster grundlegend zu sanieren und wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen. Woher die Kirche die mehreren Dutzend Millionen Euro dafür hernehmen soll, ist offen.

Filetstücke bleiben in staatlicher Hand

Die Filetstücke aus einstigem kirchlichen Besitz bleiben dagegen in staatlicher Hand. So will es das Memorandum, zu dem Dominik Duka gute Miene machen musste. Logisch, dass er bei der Unterzeichnung nicht auch noch Journalisten dabei haben wollte.

Zeman wiederum ersparte sich durch die Abwesenheit von Medienvertreten etwaige Fragen nach Unrechtsbewusstsein und historischer Verantwortung. Immerhin kann er sicher sein, dass die Vereinbarung bei der mehrheitlich atheistischen Bevölkerung und den tschechischen Medien Beifall finden wird. Aus Sicht beider hat der Staat der Kirche mit der Restitution und Ausgleichszahlungen ohnehin schon zu viel in den Rachen geworfen.

Von Hans-Jörg Schmidt (KNA)