"Das Kloster macht mich glücklich"
Bild: © KNA
Abt Michael im Interview zum Jubiläumsjahr

"Das Kloster macht mich glücklich"

Die Abtei Münsterschwarzach feiert ihr 1200. Jubiläum. Seit 34 Jahren ist Abt Michael Reepen dabei. Im Kloster kann sich trotz immer weniger Mönchen immer Neues entwickeln, sagt er im Interview.

Von Gabriele Höfling |  Münsterschwarzach - 02.09.2016

Seit 1982 ist Abt Michael Mitglied der Abtei Münsterschwarzach - doch das ist nicht lang, verglichen mit der Geschichte seines Klosters: 1200 Jahre besteht die Abtei jetzt, was die Mönche am Sonntag mit einem feierlichen Festakt begehen. Was für ihn Geschichte und Gegenwart dieses Ortes ausmachen, warum er damals eingetreten ist, und warum er überzeugt ist, dass das Kloster irgendwann auch wieder aufhören wird zu existieren, hat er katholisch.de erzählt. 

Frage: Abt Michael, während andere Klöster vor der Schließung stehen, leben in Münsterschwarzach 80 Benediktiner. Wie erklärt sich dieser Erfolg?  

Abt Michael Reepen:  Es gibt kein Erfolgsrezept im Wortsinn. Was mir aber auffällt: Orte wie Münsterschwarzach, an denen Lebendigkeit ist, ziehen andere Menschen an. Dort, wo junge Brüder sind, kommen weitere hinzu. Wir profitieren von dem Vorteil, den alle großen Gemeinschaften teilen: Die Brüder haben den Raum, ihre jeweiligen Talente wirklich zu entfalten. Sie arbeiten in Kunst und Musik, bis hin zur Wissenschaft. Es kommen also viele Punkte zusammen, dass Münsterschwarzach gut dasteht. Trotzdem ist klar, dass wir weniger werden. Das finde ich aber gar nicht schlimm.

Michael Reepen, Abt der Abtei Münsterschwarzach.

Michael Reepen, Abt der Abtei Münsterschwarzach.

Frage: Warum nicht?

Reepen: (lacht) Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Wenn jedes Jahr 30 Männer bei uns einträten, würden wir uns über jeden einzelnen sehr freuen. Entscheidender als die schiere Größe scheint mir aber zu sein, dass wir unser Mönchsein authentisch leben. Und das kann auch eine kleinere Gruppe. Momentan bilden sich Kreise um die Abtei herum mit Menschen, die sich uns geistig anschließen. Da entsteht etwas Neues um unsere Kernzelle. Ob die jetzt sehr groß ist, ist da zweitrangig.

Frage: Auf welche Art und Weise nehmen diese Menschen am Ordensleben teil?

Reepen: Der Rahmen dafür sind unsere Gebetszeiten. Wir sind selbst ganz verblüfft, wie viele Menschen daran teilnehmen. Zu unserer Mittagshore oder auch zur Vesper am Abend kommen inzwischen manchmal einige hundert Leute. Die Menschen klinken sich also in unser klassisches Chorgebet ein. Sie spüren dort eine Atmosphäre, die ihnen gut tut. Unsere Kirche und das, was darin passiert, das ist der Mittelpunkt von allem.

Frage: Sie sagten, entscheidend sei es, als Ordensmann authentisch zu leben. Was heißt das genau?

Reepen: Unser Mönchsein ist eine spirituelle und geistliche Suche nach Gott. Diese innere Suche ist unser Hauptauftrag, daraus entsteht unsere Lebendigkeit. Die Gefahr ist, dass wir uns zu sehr nach außen richten. Wenn wir nur noch damit beschäftigt sind, Kurse zu geben, Vorträge zu halten, Gäste zu empfangen, dann ziehen wir eine Show ab. Wir Mönche müssen also unsere spirituellen Quellen pflegen, uns immer wieder zurückziehen zum Gebet. Das ist für uns die große Herausforderung. Denn in Zeiten von Internet und scheinbar grenzenlosen Kommunikationsmöglichkeiten sind die Fliehkräfte sehr stark.

Linktipp: Ein altes Kloster mit neuer Mission

Anselm Grün ist ihr prominentester Bewohner. 1.200 Jahre alt wird die Abtei Münsterschwarzach. Doch anstatt nur das Erreichte zu feiern, wollen die Benediktiner zum Jubiläum neu nach ihrer Mission fragen.

Frage: Das Kloster blickt auf 1.200 Jahre Geschichte zurück. Was waren aus Ihrer Sicht die entscheidenden Wegmarken?

Reepen: Unsere Geschichte verläuft in einer ständigen Wellenbewegung. Aufbruch, Blüte und Größe wechseln mit Zusammenbruch, Vergehen und Auflösung. Aber: An diesem Ort gab es immer einen Neubeginn. Das finde ich schon beachtenswert. Nach der Säkularisation 1803 war das Kloster über 100 Jahre geschlossen. Aber die Menschen hier im Dorf haben immer gesagt: 'Die Mönche kommen zurück'. Das war schon zu einem Sprichwort geworden. Und die Mönche kamen tatsächlich, im Jahr 1913. Wenn etwas vergeht, dann birgt das eben auch die Chance für einen späteren Neubeginn. Und auch wir heute sind von diesem Auf und Ab nicht ausgenommen. Es wird wieder Zeiten geben, in denen Münsterschwarzach nicht existiert.

Frage: Sie sind aber pessimistisch…

Reepen: Nein gar nicht! Ich bin realistisch. Das gibt mir Gelassenheit – und mahnt mich, den Fokus auf die Gegenwart zu legen. Heute sind wir es, an denen es liegt, diesen Ort lebendig zu halten, dafür zu sorgen, dass von hier die Frohe Botschaft ausgeht.

Frage: Was ist gegenwärtig die Aufgabe der Benediktiner in Münsterschwarzach?

Reepen: Unser Leben ist ein Gegenmodell zu unserer Zeit. Heute geht alles rasend schnell. Innerhalb von wenigen Sekunden kann ich mit der ganzen Welt verbunden sein, nahezu überall kann ich hinreisen. Ein Benediktiner verbringt sein ganzes Leben an einem Ort. Diese Beständigkeit ist eine Antwort auf unsere Zeit. Das Schweigen und die Stille im Kloster sind ein wohltuender Kontrast für viele Besucher, die ansonsten ständig berieselt werden. Hier müssen sie nicht stark sein, nicht funktionieren, sondern können zu sich zu finden. Die Menschen spüren, dass auch wir Mönche ständig auf der innerlichen Suche sind. Ich vermute, dass deshalb so viele zu uns kommen.

Zur 1.200-Jahrfeier der Abtei Münsterschwarzach ist sogar eine Sonderbriefmarke mit der Darstellung der Klosteranlage erschienen.

Frage: Für welchen Gedanken steht "Be open", das Motto des Festjahres zum 1.200-jährigen Bestsehen?

Reepen:  Die Ordensregel des heiligen Benedikt steht für eine unglaubliche Offenheit und Weite. Wir sollen gastfreundlich sein gegenüber jedem, der da kommt. Benediktiner können also gar nicht anders als offen sein. Als wir das Motto festgelegt haben, ahnten wir aber nicht, wie hochaktuell es angesichts der Flüchtlingskrise sein würde. Offenheit meint aber nicht Gleichgültigkeit. Es geht schon darum, Position zu beziehen. Schließlich gibt es nicht umsonst das Sprichwort: Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht.

Frage: Was sind die wichtigsten Aufgaben des Klosters für die kommenden 10 Jahre?

Reepen:  Unsere ständige Herausforderung ist unsere Besinnung nach innen auf unser Mönchsein und da heraus unsere Zuwendung zu den Menschen. Das zweite Thema ist die Gastfreundschaft – viele der Menschen, die zu uns kommen, haben mit der Kirche nicht viel zu tun. Wie gehen wir mit denen um? Unsere Schule bleibt eine wichtige Brücke zu den Jugendlichen und die rund 40 Flüchtlinge, die bei uns leben, wollen wir auf einen guten Weg bringen. Und wie gesagt, es gibt Menschen, die sich um das Kloster herum geistig ansiedeln. Münsterschwarzach ist ein Ort, der auch in Zukunft Quelle sein will für all diese Menschen.

Frage: Was ist für Sie ganz persönlich das, was das Kloster Münsterschwarzach ausmacht?

Reepen:  Mir hat das Leben im Kloster geholfen, zu dem zu werden, den Gott mit mir gemeint hat. Auch nach über 30 Jahren lerne ich noch jeden Tag dazu. Und genau das möchte ich den Menschen weitergeben: Ihnen zu helfen, das zu leben, was Gott mit ihnen im Sinn hat. Erst dann werden wir Menschen glücklich. Das ist der Grund, warum ich ins Kloster gegangen bin: Um glücklich zu werden.

Hintergrund: Abtei Münsterschwarzach

Aus Anlass seines 1.200-jährigen Bestehens feiert das Kloster Münsterschwarzach seit vergangenem November ein Jubiläumsjahr. In dessen Rahmen findet am kommenden Sonntag ein zentraler Festakt mit dem Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann und der deutschen Vatikan-Botschafterin, Annette Schavan statt. Auch in den nächsten Monaten stehen noch Aktivitäten an, darunter ein Treffen der deutschen Benediktiner in Münsterschwarzach. Während der Fastenzeit hatten sich die Mönche bereits zu einer Klausur zurückgezogen. Münsterschwarzach ist eines der ältesten Klöster Frankens. Zur Abtei gehören unter anderem ein Gymnasium und ein Gästehaus mit ausführlichem Kursprogramm. Das Kloster gilt als ökologisches Vorzeigeprojekt, das sich aus regenerativen Energien versorgt. Mitglied ist auch der bekannte Buchautor Anselm Grün. (gho)

Von Gabriele Höfling