Ein junge legt Blumen am Tatort des Amoklaufs in München nieder.
Die Münchner setzen in Angst und Trauer auf Solidarität

Das Münchner Kindl weint

Die Münchner gingen ganz unterschiedlich mit Ungewissheit und Angst in der Nacht des Amoklaufs um. Viele von ihnen zeigten vor allem eines: Solidarität. Und das auch über Religionsgrenzen hinweg.

Von Gudrun Lux |  München - 23.07.2016

Wenn Kim traurig ist, dann greift sie zu Stift oder Pinsel. "Das ist mein Weg, meine Gefühle auszudrücken, seit ich klein war", erzählt sie. Kim war mit ihrer Zwillingsschwester in ihrem Heimatort Pullach unterwegs, vor den Toren der bayerischen Landeshauptstadt, und hat virtuelle Pokemón gejagt, als die Eilmeldung auf ihr Smartphone kam: Schießerei in München. "Wir waren total geschockt, haben gleich mit unserem Vater telefoniert und sind dann auch schnell heimgegangen."

Als die Stadt leergefegt war, gestern Nacht, als die Polizei nicht wusste, was eigentlich los war und mit Nachdruck vermeintliche weitere Täter suchte – inzwischen hat sich herausgestellt, dass es diese nicht gab –, da war auch die Stunde der sozialen Medien in München. Im Internet boten Münchnerinnen und Münchner einander Hilfe an, viele öffneten die Türen für diejenigen, die nicht mehr wussten, wie sie aus der Stadt rauskommen. Denn: Der Öffentliche Verkehr war über Stunden komplett eingestellt.



Arne Brach, 38, wohnt im Glockenbachviertel, ziemlich zentral. Abends um zehn postete er bei Facebook: "Habe übrigens ein Gästebett und viel Wein." Er hatte, erzählt er, bei anderen gesehen, dass sie "offenen Türen" anboten und habe sich gedacht: Stimmt, vielleicht ist ja auch jemand hier in der Gegend, der nicht weiß wohin. Schnell fand sich tatsächlich ein Gast, vermittelt über einen gemeinsamen Bekannten, eine junge Frau, die nach einem Termin in München nicht mehr ins heimatliche Augsburg kam.

Kirchen und Moscheen öffnen ihre Türen

Auch Kirchen und Moscheen wurden als "offene Türen" zu sicheren Häfen, darunter der Liebfrauendom, dessen berühmte Türme Wahrzeichen der Stadt sind, sowie die Jesuitenkirche St. Michael mitten im Herzen von München. Der Jesuitenpater Karl Kern hatte entschieden, dass die St. Michael nicht abgeschlossen wird, sondern als Zuflucht bleibt für diejenigen, die nicht wissen wohin. Zahlreiche kirchliche Mitarbeiter und Notfallseelsorger bieten auch weiterhin Gespräche an, unter anderem in der Pfarrei nahe des Einkaufszentrums. Zudem bieten mehrere Kirchen im Münchner Stadtzentrum mit speziellen Angeboten Raum für Trauer und Stille, teils mit Orgelmusik, Gebeten und Textimpulsen.

Linktipp: "Die Welt scheint aus den Fugen geraten!"

Zahlreiche Vertrer der Kirche und anderer Glaubensgemeinschaften brachten am Samstag ihre Bestürzung über den Amoklauf von München zum Ausdruck. Katholisch.de sammelt Reaktionen auf das Attentat.

Viele junge Menschen sind Opfer des gerade einmal 18-Jährigen, der in einem Münchner Einkaufszentrum das Feuer eröffnete. "Meine Familie und meine Freunde sind wohlauf, darüber bin ich so froh", sagt die ebenfalls 18-jährige Kim McMahon; nach einer sorgenvollen Nacht ist sie heute erleichtert, dass es sich wohl um einen Amoklauf, nicht um einen Terroranschlag handelte.

Ziemlich weit weg und doch nah dran

Dem stimmt auch Arne Brach zu. "Das Olympia-Einkaufszentrum ist erstmal ziemlich weit weg von unserem Viertel", erklärt er, "aber ich bin ehrenamtlicher Vormund eines jungen Geflüchteten, der in Moosach untergebracht ist – und in genau diesem Einkaufszentrum immer in den Supermarkt geht. Den habe ich erstmal panisch kontaktiert und ihm gesagt er soll zu Hause bleiben und fernsehen. Und als es zeitweise hieß, es seien noch Täter mit Langwaffen in der Stadt unterwegs, war das Gefühl einer konkreten Bedrohung groß."

In den Kirchen in München und wohl in der gesamten Erzdiözese, werden an diesem Wochenende für die Menschen gebetet, die am 22. Juli 2016 durch die Hand eines Amokläufers in München starben – genau fünf Jahre nach den Morden in Oslo und Utoya. Was hinter den Münchner Morden steht, ist noch nicht geklärt – sicher ist aber: Das Münchner Kindl trauert und die Münchner wollen in ihrem Entsetzen und ihrer Trauer zusammenhalten. (Mit Material von KNA)

Von Gudrun Lux