Der begabte Diplomat
Pietro Parolin wird Nachfolger von Kardinal Tarciso Bertone

Der begabte Diplomat

Fünfeinhalb Monate nach seiner Wahl hat Papst Franziskus die vermutlich wichtigste Personalentscheidung seines Pontifikats getroffen. Er machte - etwas überraschend - den erst 58-jährigen Vatikan-Diplomaten Pietro Parolin zu seinem neuen Staatssekretär und damit zu seinem engsten Mitarbeiter.

Vatikanstadt - 31.08.2013

Franziskus nahm zugleich den Rücktritt von Kardinal Tarciso Bertone (78) an, in dessen siebenjähriger Amtszeit es aufgrund ungenügender Koordination wiederholt zu Komplikationen an der Kurienspitze gekommen war - etwa in der Affäre um die den Holocaustleugner Richard Williamson. Der offizielle Amtswechsel erfolgt mit einer Sonderaudienz am 15. Oktober.

Nach dem profilierten Theologen Bertone hat Franziskus nun einen profilierten Diplomaten mit der Leitung der wichtigsten vatikanischen Behörde beauftragt. Als "Alter Ego" des Papstes ist Parolin künftig dafür verantwortlich, dass der Kurienapparat effizient und möglichst reibungslos läuft, und dass er seinen Dienstherren bei der Leitung der Weltkirche optimal unterstützt.

Parolin gilt trotz seines vergleichsweise jungen Alters als einer der erfahrensten und begabtesten Diplomaten des Heiligen Stuhls. Sieben Jahre lang, von 2002 bis 2009, hat er als stellvertretender Außenminister maßgeblich die politische Linie des Heiligen Stuhl mitgetragen. Er leitete die komplizierten vatikanischen Verhandlungen mit Israel, aber auch mit Vietnam. Er knüpfte Kontakte zur Volksrepublik China, als Papst Benedikt XVI. 2007 einen neuen Anlauf zur Annäherung an die Großmacht wagte.

Er gehörte zu den engsten Beratern von Johannes Paul II.

Er verhandelte mit russischen Diplomaten, als die Errichtung katholischer Diözesen in Moskau und drei anderen Städten eine neue Eiszeit auslöste. Er gehörte zu den engsten Beratern von Johannes Paul II., als dieser zu Jahresbeginn 2003 einen neuen Irakkrieg zu vermeiden suchte. Und in den letzten vier Jahren war er auf dem schwierigen Botschafter-Posten im Venezuela des unlängst verstorbenen Hugo Chavez.

Kardinal Tarcisio Bertone.
Bild: © KNA

Kardinal Tarcisio Bertone.

Dass der Papst aus Lateinamerika einen Italiener als Staatssekretär ernennen würde, dafür sprach vieles. Zudem lag nahe, dass Franziskus, für den die römische Kurie zu Dienstbeginn Neuland war, dafür einen erfahrenen Mann des Apparats wählen würde. Auch wenn der am 17. Januar 1955 im norditalienischen Schiavon bei Vicenza geborene Parolin die letzten Jahre in Caracas lebte, ist er an die Kurie bestens vernetzt. Er hat viele Kontakte und verfügt im Vatikan über eine Hausmacht, und kann daher auf eine loyale Zuarbeit zählen.

Auf diese Zuarbeit ist der neue mächtige Mann des Vatikan, der persönlich bescheiden und unprätentiös auftritt, dringend angewiesen. Er muss den Apparat in den Griff bekommen, was dem Seiteneinsteiger Bertone nicht immer überzeugend gelang.

Für viele Kuriale war Parolin der Wunschkandidat

Erste Reaktionen deuten darauf hin, dass Franziskus mit Parolin eine gute Wahl getroffen hat. Nicht wenige Kuriale hatten ihn in den letzten Monaten als einen Wunschkandidaten bezeichnet. Und für ausländische Politiker und Diplomaten war der freundliche und umgängliche Vatikanprälat wegen seiner Kompetenz und seiner ausgewogenen Analysen viele Jahre lang ein gefragter Gesprächspartner. 2009 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland - für seinen "unermüdlichen und erfolgreichen" Einsatz für die deutsch-vatikanischen Beziehungen, wie es in der Begründung hieß.

Franziskus löst mit der Berufung eines neuen Staatssekretärs eine Bitte und Vorgabe der Kardinäle aus dem Vorkonklave vom vergangenen März ein. Die Kardinäle hatten sich unzufrieden über manches Agieren an der Vatikanspitze geäußert und eine Kurienreform angeregt. Zu diesem Zweck hat Franziskus bereits bald nach seiner Wahl eine achtköpfige Kardinalskommission berufen, die ihn beraten und ihm Vorschläge für verbesserte Kurienstrukturen vorlegen soll. Anfang Oktober wird diese Gruppe, der auch der Münchener Kardinal Reinhard Marx angehört, zusammentreten. Dabei wird es sicher auch um die künftige Rolle des Staatssekretariats gehen, das in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zu einer vatikanischen Superbehörde geworden war.

Von Johannes Schidelko (KNA)