Heiner Koch ist Bischof von Dresden-Meißen.
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Bischof Heiner Koch im katholisch.de-Interview zum Familiensonntag

"Die Ehe ist eine Provokation"

Unter dem Leitwort "Drahtseilakt Ehe" findet heute der katholische Familiensonntag statt. Im Interview mit katholisch.de spricht der Dresdner Bischof Heiner Koch über die Chancen, die eine Ehe bietet, und über die Risiken, denen diese Lebensform heute ausgesetzt ist. Zugleich beantwortet Koch, der auch Mitglied der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz ist, die Frage, ob die Ehe ein Auslaufmodell ist.

Dresden - 19.01.2014

Frage: Bischof Koch, das Thema des diesjährigen Familiensonntages ist "Drahtseilakt Ehe". Ist die Ehe eine so schwierige Angelegenheit?

Koch: Ja, die Ehe ist schwierig. Aber sie ist auch eine Chance und ein Weg zum Glück und zur Entfaltung des menschlichen Lebens. Es ist im Menschen angelegt, einen Menschen zu lieben und von einem Menschen geliebt zu werden, mit einem Partner durch das Leben zu gehen, nicht allein. Das ist ein großes Glück. Wie groß das Glück der Ehe ist, wird mir immer wieder deutlich, wenn ich mit Menschen spreche, die ein solches Glück nicht erfahren, entweder weil sie keinen Partner finden, weil Erwartungen enttäuscht werden oder weil ein Partner stirbt. Dann stellt man mitunter erst im Nachhinein fest, wie glücklich die gemeinsame Zeit gewesen ist.

Frage: Das Glück zu erkennen, das nicht mehr da ist, ist eine einfache Sache. Was ist denn das Glück in der Ehe?

Koch: Gerade in der Ehe erfährt der Mensch, dass er sein Leben nur mit und auch in Spannung zu einem Du entfalten kann. Er erfährt auch, dass Selbstwertschätzung immer auch die Wertschätzung durch den oder die andere braucht. Die Ehe und die Familie ist für diesen Weg zum menschlichen Glück ein herausragender Ort. Sie ist aber auch eine Herausforderung. Sie fordert die eigene Entwicklung, die Persönlichkeit heraus. Das Leben an sich ist eine Herausforderung. Nochmal mehr ist es eine Herausforderung, mit einem Menschen zusammen durch das Leben zu gehen. Die Ehe ist aber auch eine Herausforderung, weil sie heute nicht mehr von der ganzen Gesellschaft mitgetragen wird. Ich habe das in meiner Zeit als Studentenpfarrer erlebt. Da haben Studenten mich gefragt: Warum sollen wir heiraten? Von kirchlicher Eheschließung war da noch gar nicht die Rede. Die Ehe ist heute oft schon eine Provokation. Viele sagen "Das kann doch nicht gehen" oder "Überlegt Euch gut, was ihr da tut". Weil die Gesellschaft die Ehe nicht mehr stützt, ist sie mitunter ein sehr großer "Drahtseilakt".

Frage: Ist die Ehe nicht ein "Auslaufmodell"?

Koch: Das glaube ich nicht. Erstens wagen die meisten Menschen die Ehe. Sie sind überzeugt, dass es für sie eine große Chance ist, eine Ehe einzugehen. Es ist nämlich ein grundlegender Unterschied, ob ich dem Menschen an meiner Seite sage "Ich bleibe, solange es mir passt" oder "Du kannst dich auf mich verlassen. Ich verlasse dich nicht". Die unterschiedliche Dimension der Verpflichtung verändert eine Beziehung. Und es ist etwas Besonderes, sich öffentlich zu seinem Partner zu bekennen. Die Ehe ist aber auch eine Chance für die Gesellschaft. Diese kleinen Gemeinschaften, die Ehe, die Familie sind die Wurzeln unserer Gesellschaft. Der Staat und die Gesellschaft stützen nicht nur die Ehe, die Ehe stützt auch die Gesellschaft und den Staat.

Unabhängig von der Ehe schätzen wir als Kirche menschliche Beziehungen, die verbindlich den Anderen gerade auch in Situationen tragen, die schwerfallen.

Zitat: Bischof Heiner Koch

Frage: Die staatliche Ehe ist ja aber inzwischen etwas anderes. Ehen können wieder geschieden und nahezu beliebig oft geschlossen werden.

Koch: Von der Grundintention unserer Gesetzgebung her ist sie immer noch auf Dauer angelegt. Die Ehe ist prinzipiell auch im staatlichen Bereich keine Beziehung, die nur für eine gewisse Zeit geplant wird. Sicherlich werden aber unter dem Begriff "Ehe" inzwischen sehr unterschiedliche Bedeutungen gesammelt. Was wir in der Kirche als das Sakrament der Ehe bezeichnen, ist sicher etwas anderes als nur ein Wirtschaftsvertrag zur Sicherung des Partners oder der Kinder, wie manche die Ehe verstehen. Auch über die Unauflöslichkeit der Ehe gibt es keinen Konsens mehr. Doch der Wunsch der meisten Ehepaare bleibt, die Ehe dauerhaft zu führen.

Frage: Homosexuelle Lebenspartnerschaften, die sogenannte "Homo-Ehe", sind gesetzlich der Ehe inzwischen nahezu gleichstellt.

Koch: Die Kirche versteht unter der Ehe die Verbindung von Mann und Frau, von zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts. Geschlechtlichkeit ist nicht nur eine Frage der Sexualität. Psyche, Körperlichkeit, kulturelle Prägung beider Geschlechter ergänzen sich. Deshalb betonen wir den besonders weiten Wert der Ehe als zweigeschlechtliche Gemeinschaft, die auch zur Zeugung neuen Lebens führt.

Frage: Es gibt aber auch homosexuelle Menschen, die zusammenleben.

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Für die katholisch.de-Serie "Freundebuch" hat uns Heiner Koch einen Einblick in sein Leben gewährt.

Koch: Unabhängig von der Ehe schätzen wir als Kirche menschliche Beziehungen, die verbindlich den Anderen gerade auch in Situationen tragen, die schwerfallen und wo es keine Lust mehr bereitet, beieinander zu bleiben. Dazu gehören auch homosexuelle Beziehungen, aber auch Verbindungen, die nicht sexuell geprägt sind. Bindung und Verlässlichkeit sind ein hoher Wert.

Frage: Die Ehe ist für die katholische Kirche mehr als ein Vertrag, sie ist ein Sakrament. Was macht die Ehe so besonders?

Koch: Wir vertrauen darauf, dass Gott dieser Ehe und dieser Familie seinen Segen gibt. Dies setzt voraus, dass sich zwei Menschen auf Gott einlassen. Von Anfang an ist die Ehe damit ein Bund von zwei Menschen mit Gott, ein Dreierbund. In der sakramentalen Ehe aber werden die Menschen zugleich Bundespartner Gottes in der Heilsvermittlung. Sie sind Handlungspartner Christi. Sie erhalten nicht nur im Ehesakrament etwas - Gottes Segen -, sondern sie sind als Ehepaar Gottes Segen in dieser Welt, sind also nicht nur Objekt, das etwas von Gott empfängt, sondern Subjekt, die das, was sie sakramental empfangen haben, sakramental weitergeben. Sie sind ein Segen.

Frage: In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl der Eheschließungen kontinuierlich gesunken. Ist das Ausdruck einer Glaubenskrise?

Koch: Ja, die Selbstverständlichkeit des Glaubens ist nicht mehr gegeben. Vor allem wird von vielen nicht mehr wahrgenommen, dass die Ehe eine geistliche Berufung ist. Dies ist eine andere Berufung als die des Priesters oder einer Ordensfrau. Der Gedanke der Berufung als spirituelle Basis jeden christlichen Lebens wird in der Kirche leider viel zu wenig thematisiert. Es ist schade, dass wir den Gedanken der Berufung nur noch begrenzt verwenden. Meistens ist damit die geistliche Berufung nur der Priester und Ordensleute gemeint. Dies ist eine Schwachstelle, die dazu führt, dass das Sakrament der Ehe nicht mehr verstanden wird.

Frage: Dass die Ehe eine Berufung ist, wird innerkirchlich kaum vermittelt.

Koch: Das müsste tatsächlich stärker kommuniziert werden. Das betrifft sicher die Ehevorbereitungskurse. Aber auch schon in der Schule, in der Jugendarbeit, im Religionsunterricht muss diese Dimension den Kindern und Jugendlichen vermittelt werden.

Die Verweigerung der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene ist nicht als Strafe zu verstehen, dies ist eine innere Konsequenz.

Zitat: Bischof Heiner Koch

Frage: Wie wichtig ist die Ehevorbereitung?

Koch: Ehevorbereitung kann nicht erst dann beginnen, wenn Paare kurz vor der Trauung stehen. So dürfen wir mit einem Sakrament nicht umgehen. Wie bereiten wir Kinder auf das Sakrament der Heiligen Kommunion vor? Wie lange dauert die Firmvorbereitung? Die Vorbereitung auf das Sakrament der Priesterweihe dauert ganze sechs Jahre! Und für die Ehevorbereitung reicht ein Tag, manchmal nur eine halbe Stunde? Die Ehe muss auch als Glaubensakt wahrgenommen und vermittelt werden. Das geht nicht zwischen Tür und Angel.

Frage: Manchmal scheitern Ehen auch. Warum verweigert die Kirche wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion?

Koch: Dies ist nicht als Strafe zu verstehen, dies ist eine innere Konsequenz. Die Wiederverheiratung ist der Bruch mit der sakramentalen Realität der ersten Ehe. Dieser sakramentale Bruch droht übertüncht zu werden, wenn die Betroffenen einfach weiterhin zur Kommunion gehen. Natürlich müssen wir überlegen, ob es unter bestimmten Umständen betroffenen Menschen von der Kirche nicht ermöglicht werden kann, wieder das Sakrament der Eucharistie zu empfangen. Damit soll nicht der Bruch des Ehesakraments verharmlost werden. Um die Frage der Kommunion für Wiederverheiratete ringt die Kirche im Moment. Das muss sie in aller Ehrlichkeit tun und eine theologisch begründete Lösung finden. Da kann es keine Mauscheleien geben, nach dem Motto "Dann gucken wir halt nicht so genau hin". Es muss eine Lösung in der Wahrheit des Glaubens und des Lebens geben, die der kirchlichen Lehre und den Menschen gerecht wird und für die gesamte Kirche weltweit gilt.

Das Interview führte Markus Kremser