Drei Flüchtlingskinder vor einem Zeltcamp
Flüchtlingszahl hoch wie nie - Aufrufe zu Hilfe und Solidarität

"Die Rekordzahl muss alle aufrütteln"

Benedikt XV. richtete während des Ersten Weltkriegs einen Gedenktag für Flüchtlinge ein. Heute stellen Kirchen und Hilfswerke angesichts von 65 Millionen Menschen auf der Flucht konkrete Forderungen.

Genf/Berlin - 20.06.2016

Gegen Angriffe, für Integration – Stimmen aus der Kirche:

Papst Franziskus rief zur Aufnahme von Schutzsuchenden auf. Flüchtlinge seien "Menschen wie alle anderen", nur dass ihnen "der Krieg Haus, Arbeit, Angehörige und Freunde genommen hat", sagte er am Sonntag auf dem Petersplatz. Nachdrücklich verlangte der Papst, sich von den persönlichen Schicksalen der Menschen ansprechen zu lassen: "Ihre Geschichten und ihre Gesichter sind ein Appell, unseren Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit zu erneuern", so der Papst. Wenige Tage zuvor hatte Franziskus eine zweite Gruppe von Syrien-Flüchtlingen im Vatikan aufgenommen. Unter den sechs Erwachsenen und drei Kindern sind dieses Mal auch zwei Christen. Bereits im April hatte er von der griechischen Insel Lesbos zwölf Flüchtlinge muslimischen Glaubens mit nach Rom genommen.

Ein weltweiter Gedenktag für Flüchtlinge wurde ursprünglich von Papst Benedikt XV. (1914-1922) während des Ersten Weltkriegs eingerichtet. 2001 riefen die Vereinten Nationen einen eigenen Aktionstag aus, der jeweils am 20. Juni begangen wird.

Darum wollen wir mit ihnen sein: sie treffen, aufnehmen, ihnen zuhören, um nach dem Willen Gottes zusammen Handwerker des Friedens zu werden.

Zitat: Appell von Papst Franziskus am 19.6.2016

Die katholische Kirche in Deutschland beklagte ein raueres Klima bis hin zu "roher Gewalt". Zugleich pochte die Deutsche Bischofskonferenz auf Verbesserungen in den Herkunftsländern und auf mehr Hilfen durch andere europäische Staaten. "Wer Flüchtlingen ihre Schutzbedürftigkeit abspricht und die Religionsfreiheit für Muslime einschränken will, verrät die Werte des Grundgesetzes", heißt es in einer Erklärung des Flüchtlingsbeauftragten, Erzbischof Stefan Heße. Die Weltgemeinschaft dürfe sich nicht daran gewöhnen, dass die Flüchtlingszahlen alljährlich "einen neuen Negativrekord erreichen".

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki forderte alle Gläubigen auf, sich Gewalt und Fremdenhass entgegenzustellen. Millionen Menschen seien weltweit aus verschiedenen Gründen auf der Flucht. Aber eines sei sicher: "Kein Mensch auf dieser Welt gibt sein zu Hause auf ohne einen schweren und lebensbedrohlichen Grund. Einer dieser Gründe ist auch religiöser Fanatismus."

Mehr Engagement für die Integration mahnte der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick an. Er wünsche sich von den Menschen "ein echtes Interesse daran, die zu uns Gekommenen bei ihrem Weg in unsere Gesellschaft zu unterstützen", sagte Schick. Auch wenn weniger Hilfesuchende die europäischen Grenzen passierten, heiße das nicht, dass die nach wie vor akute Flüchtlingskrise aus den Augen verloren werden dürfe. "Integration ist ein Lernprozess, an dem sich alle beteiligen müssen." Gelinge sie, werde Zuwanderung zu einer steten Bereicherung.

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Video: © katholisch.de

Probleme lösen und Best-Practice-Beispiele weitergeben: So beschreibt der Hamburger Erzbischof Stefan Heße seine Aufgabe als Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen bei der Deutschen Bischofskonferenz.

Lob für Deutschland – Stimmen aus den UN:

Der UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi warnt davor, auf Grenzen und Mauern zu vertrauen, um Flüchtlinge abzuwehren. "Das verlagert vielleicht die Probleme, aber sie werden wiederkommen", sagte er im ARD-Interview. Die neue Rekordzahl müsse alle aufrütteln: "Hinzu kommt, dass 90 Prozent der Vertriebenen in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen leben. 50 Prozent der Flüchtlinge sind Kinder. Die Liste der Probleme ist lang, und sie sollte uns um den Schlaf bringen."

Als Grund für den steilen Anstieg der Flüchtlingszahlen in den vergangenen Jahren nennt das UNHCR lang anhaltende Konflikte wie in Somalia oder Afghanistan sowie neue oder wieder aufflammende Konflikte; der größte davon ist der Syrien-Konflikt. Zudem lassen seit Ende des Kalten Krieges dauerhafte Lösungen immer länger auf sich warten. Grandi bewertete auch den Türkei-Deal der EU kritisch. Aus seiner Sicht wäre es besser gewesen, wenn Europa die ursprünglichen Entscheidungen umgesetzt hätte, also Grenzkontrollen, Registrierung von Flüchtlingen und Verteilung nach einem festen Schlüssel: "Dann hätte es nicht so ein politisches Drama gegeben."

Ausdrücklich lobte der UN-Kommissar die Flüchtlingspolitik der deutschen Regierung. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe nach dem Grundsatz der Solidarität gehandelt, auch wenn dies einen hohen politischen Preis habe: "Die Kanzlerin und ihre Regierung waren immer extrem offen gegenüber gesamteuropäischen Lösungen. Konstruktiv, konkret, pragmatisch, aber auch prinzipienfest. Das ist der richtige Weg."

Katharina Lumpp, Vertreterin des UNHCR in Deutschland, forderte im ZDF dazu auf, die Nachbarländer der Konfliktstaaten stärker zu unterstützen, die besonders viele Flüchtlinge aufnehmen und versorgen müssen. Besonders wichtig sei die Unterstützung der Erstaufnahmeländer beim Bau und Betrieb von Schulen für Flüchtlingskinder.

Soldaten des Einsatzgruppenversorgers Berlin retten am 06.06.2015 rund 500 Schiffbrüchige aus dem Mittelmeer. Laut UN-Angaben starben seit 2014 rund 10.000 Menschen bei dem Versuch nach Europa zu gelangen.

Vermisste Kinder und Todesopfer – Stimmen aus den Hilfswerken:

Das Deutsche Kinderhilfswerk mahnt an, die Schicksale von mehr als 8.500 vermissten unbegleiteten Flüchtlingskindern in Deutschland aufzuklären. "Diesen Kindern drohen Ausbeutung, Sexarbeit, Sklaverei oder sogar Organhandel", sagte der Präsident der Organisation, Thomas Krüger, der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Zugleich forderte er ein zentrales europäisches Erfassungssystem zum Schutz von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen – etwa bei der Polizeibehörde Europol.

Krüger drängte ferner auf eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Bundesbehörden, Jugendhilfeträgern vor Ort sowie der Polizei auch in Deutschland. Bei der Suche nach diesen vermissten Kindern müssten vorhandene Suchdienste, zum Beispiel des Deutschen Roten Kreuzes, besser eingebunden werden: "Jedem vermissten Kind, egal ob es aus Deutschland oder einem anderen Land kommt, müssen wir größtmögliche Aufmerksamkeit widmen."

Caritas Europa hat von der EU mehr Solidarität in der Flüchtlingskrise gefordert. Die restriktive Politik, die Menschen daran hindere, sicher nach Europa zu gelangen, führe zu einer "untragbaren" Zahl von Todesopfern, kritisierte die katholische Hilfsorganisation in Brüssel. Nötig seien mehr legale Wege in die EU sowie einfachere Familienzusammenführungen und Integrationsförderung. Die Verlagerung der EU-Asyl- und Migrationspolitik durch Abkommen mit Nicht-EU-Ländern sei Zeichen für einen klaren Mangel an Solidarität. Laut UN-Angaben starben seit 2014 rund 10.000 Menschen bei dem Versuch nach Europa zu gelangen.

Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl warnte vor einer Kultur der Gleichgültigkeit: "Das Recht, in Europa Asyl zu suchen, wird Schritt für Schritt eingeschränkt." Bald werde es nur noch auf dem Papier existieren. Die deutsche Außen- und Entwicklungspolitik werde zunehmend in den Dienst der Flüchtlingsabwehr gestellt. (luk/KNA/dpa)