Andreas Püttmann im Porträt
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Publizist Püttmann warnt vor Rechtspopulismus unter Katholiken

"Die übelsten Bischofsbeschimpfungen seit 1945"

In dem Buch "Wie katholisch ist Deutschland ... und was hat es davon?" beschreibt der Publizist Andreas Püttmann Verbindungen zwischen Kirche und Populismus. Im Interview fordert er, entschiedener dagegen vorzugehen.

Von Gottfried Bohl (KNA) |  Bonn - 11.05.2017

Frage: Herr Püttmann, Sie sprechen von einem "drohenden Kentern nach rechts" unter manchen Katholiken in Deutschland. Woran machen Sie das fest?

Püttmann: Zuerst an konkreten Zahlen aus Umfragen, die zeigen, dass 2016 rund acht Prozent der kirchennahen Katholiken der AfD nahe standen und 12 Prozent der kirchenfernen. Ein Potenzial von rund zwei Millionen Katholiken für die AfD trotz bischöflicher Warnungen ist beunruhigend groß. Dass es unter Konfessionslosen fast doppelt so hoch liegt, ist da kein Trost

Ein Banner der Euro-kritischen Partei AfD steht am 26.08.2013 während einer Wahlkampfveranstaltung zur Bundestagswahl in Freiburg vor dem Freiburger Münster.

Das Verhältnis von AfD und katholischer Kirche ist angespannt.

Frage: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen politischem und kirchlichem Rechtspopulismus?

Püttmann: Sicher: Schauen Sie sich nur die innerkirchlichen Debatten an, etwa die massive Kritik am Papst oder an Priestern und Bischöfen, die zu liberal seien oder sich für Flüchtlinge einsetzen. Da beobachte ich viel Radikalität, Übertreibung, Dramatisierung, Simplifizierung, demagogische Verfälschungen und den aggressiven Anspruch, ein Monopol auf die Wahrheit zu haben - alles typische Merkmale des Populismus. Die findet man fast eins zu eins unter Wutkatholiken...

Frage: ... die dann alle auch AfD wählen oder bei Pegida mitlaufen?

Püttmann: Sicher nicht alle. Es gibt auch einige, die den Populismus eher als Trampolin benutzen, um ihre Lieblingsthemen nach oben zu bringen. Die wählen nicht unbedingt selbst AfD, verteidigen sie aber gegen Kritik und Ausgrenzung, weil sie sie weiter benutzen wollen, um ihre Agenda zu pushen.

Frage: Bei welchen Themen zum Beispiel?

Püttmann: Vor allem bei Lebensschutz und Ehe und Familie - an sich ja ehrenwerte Ziele. Im Kampf gegen die "Gender-Apokalypse" etwa meint man, bei der Wahl von Verbündeten nicht kleinlich sein zu dürfen. Da nehmen manche selbst Koalitionen mit fragwürdigen Gestalten wie Putin in Kauf. Der Rechtspopulismus wird auch instrumentalisiert von Leuten, die nicht antisemitisch, rassistisch oder antieuropäisch eingestellt sind. Aber dadurch machen sie solche Parteien und Medien salonfähig. Auch indem sie vermeintlich christliche Maßnahmen von Populisten über Gebühr herausstellen: Wenn Putin, Kaczynski oder Trump irgendwas gegen Abtreibung oder Homo-Ehe sagen oder AfD-ler gegen "Genderwahn" Stellung beziehen, wird das stark aufgeblasen, während problematische Positionen verschwiegen oder heruntergespielt werden.

Frage: Was sollte die Kirche hier tun?

Püttmann: Notwendig finde ich zuerst mal eine klare Distanz und Zurechtweisung von Hetzern in den eigenen Reihen. Zweitens aber auch eine Dialogbereitschaft mit jedem - auch mit AfD-Abgeordneten, wenn sie im Parlament sind. Kirche muss bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen.

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Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, hat sich wiederholt klar gegen die AfD positioniert.

Frage: Auch auf Kirchen- und Katholikentagen?

Püttmann: Das ist wieder was Anderes: Mit jedem reden heißt nicht, ihm auch ein Podium bieten zu müssen und damit neue Räume der Agitation zu eröffnen. Daher halte ich es für richtig, dass katholische Gremien bisher davon abgesehen haben, populistische Demagogen auf ihren Veranstaltungen auftreten zu lassen.

Frage: Was sollte die Kirche noch tun aus Ihrer Sicht?

Püttmann: Zum Beispiel zur historischen Bildung beitragen und dabei nicht nur den kirchlichen Widerstand im Nationalsozialismus im Blick haben. Aktuell ist es interessanter, politische Irrtümer von Christen in der Weimarer Republik zu beleuchten. Damals gab es eine virulente Strömung von Rechtskatholiken, die das Zentrum zu links fanden und die Demokratie mit zerstört haben. Auch heute reicht es ja nicht, "kein Nazi" zu sein, um ein guter Demokrat zu sein. Damit muss man sich stärker auseinandersetzen. Und nicht zuletzt muss sich die katholische Kirche vor Minderheiten stellen, die aus der rechten Ecke besonders verleumdet und angefeindet werden. Das ist neben der Systemfrage das Wichtigste angesichts der Verrohung in der Gesellschaft, die weit ins Bürgertum vorgedrungen ist.

Frage: Und was leistet die Kirche da bisher?

Püttmann: Zum einen ziehen viele Bischöfe klare rote Linien. Kardinal Marx hat die Kriterien dafür transparent gemacht. Man könnte allerdings auch mal konkret rechtspopulistische Agitation etwa auf bestimmten Internet-Plattformen benennen. Zweitens würde ich mir ein katholisch-sozialethisches Gutachten über das Grundsatz- und das Wahlprogramm der AfD oder auch anderer problematischer Parteien wünschen. Wir haben doch einen großen wissenschaftlichen Apparat an den theologischen Fakultäten und in den Akademien.

Frage: Sie haben die roten Linien angesprochen. Wo müssen die Bischöfe auch mal eine rote Karte zeigen?

Püttmann: Etwa da, wo ein Geistlicher die Flüchtlingspolitik mit der Theodizee-Frage in Verbindung bringt, also mit der Frage, wie Gott schwerstes Leid zulassen kann, die nach Auschwitz oft gestellt wurde. Jetzt öffentlich zu fragen: "Wie kann ein gnädiger und zugleich gerechter Gott es zulassen, dass eine nahezu unbegrenzte Zuwanderungspolitik ganz gegen den Willen der jeweiligen Ureinwohner stattfindet?", ist nicht nur geschmacklos angesichts der schweren Leiderfahrung vieler Flüchtlinge, sondern ein Missbrauch Gottes für politische Agitation.

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Andreas Püttmann kommentiert im katholisch.de-Standpunkt einen ehrenhaften Beruf.

Frage: Wo sehen Sie noch Grenzüberschreitungen?

Püttmann: Vor allem bei einer permanenten Rhetorik der Unterstellung gegen demokratische Politiker, sie würden im Grunde diktatorisch regieren. Gegen dieses maßlose Zerrbild unseres Rechtsstaats als Quasi-Diktatur müssten die Bischöfe stärker Position beziehen. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hat sich hier dankenswert klar positioniert, aber bischöfliche Stellungnahmen würden noch mehr Aufmerksamkeit finden.

Frage: Es heißt aber auch oft, die Bischöfe seien ohnehin schon viel zu politisch und sollten doch den Glauben verkünden, statt Flüchtlingspolitik zu machen.

Püttmann: Mit genau solchen Argumenten haben sich deutschnationale Rechtskatholiken schon in den 1920er und 30er Jahren über Bischöfe beklagt, ihnen eine Bevorzugung des Zentrums vorgeworfen, wo die Kirche doch parteipolitisch neutral sein müsse. Dieselben Argumentationsmuster werden jetzt gegen AfD-kritische Bischöfe ins Feld geführt. Zu Unrecht! Denn wenn man sich die bischöflichen Stellungnahmen ansieht, sind sie doch klar an Argumenten festgemacht, die eine christlich-ethische Substanz haben. Die Anschuldigungen, es gehe nur um Parteipolitik, aus der sich Kirche raushalten müsse, sind ignorant, böswillig oder selbst parteipolitisch und ideologisch motiviert. Wir erleben die übelsten Bischofsbeschimpfungen seit 1945, von SED-Tiraden in den 50ern mal abgesehen. Es ist ein Alarmsignal, wenn kritische Geistliche so angegangen und verunglimpft werden. Nationalkonservative Positionen muss es geben dürfen, aber niemand darf unseren demokratischen Staat als Diktatur verleumden und unsere Bischöfe als deren willfährige Büttel.

Hinweis: Das Buch "Wie katholisch ist Deutschland ... und was hat es davon?" ist im  Bonifatius-Verlag erschienen, es kostet 16,90 Euro.

Von Gottfried Bohl (KNA)