Ein katalanischer Bischof zeigt klare Kante
Vor dem Referendum fährt die Kirche Spaniens keine einheitliche Linie

Ein katalanischer Bischof zeigt klare Kante

Spaniens wirtschaftlich starke Region Katalonien stimmt über die Unabhängigkeit ab. Die Zentralregierung erklärte das geplante Referendum für illegal. Auch die katholische Kirche im Land ist bei der Frage gespalten.

Von Roland Müller |  Bonn - 30.09.2017

Er wird es tun, wenn man ihn lässt: Bischof Xavier Novell will am 1. Oktober seine Stimme beim umstrittenen Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien abgeben. Mit einem Hirtenbrief rief er die Gläubigen seines Bistums Solsona nördlich von Barcelona dazu auf, seinem Beispiel zu folgen. "Wenn es Urnen gibt, werde ich wählen gehen!" – schließt Novell seinen Brief, der am Donnerstag auf der Internetseite des Bistums veröffentlicht wurde.

Auch andere Katalanen wollen, dass es eine Abstimmung gibt. Um das Referendum zu ermöglichen, haben Unabhängigkeitsaktivisten in der Nacht zum Samstag mehrere Wahllokale in Barcelona besetzt. So wollen sie eine Schließung durch die Polizei verhindern. Den Segen der katalanischen Regionalregierung werden sie dafür haben. Denn die Generalitat will schon seit langer Zeit die Abspaltung der Region im Nordosten Spaniens voranbringen. Erst vor drei Jahren hatte es dazu eine offizielle Befragung gegeben.

Der spanischen Regierung in Madrid sind die Freigeister in Barcelona jedoch ein Dorn im Auge. Denn Ministerpräsident Mariano Rajoy beharrt darauf, dass die Einheit Spaniens nicht zerstört werden könne. Das Verfassungsgericht hat ihm damit jüngst Recht gegeben und das am Sonntag anstehende Referendum für unzulässig erklärt. Die Unabhängigkeit Kataloniens müsse von allen Spaniern befürwortet werden, da dies die Verfassung so vorsehe, so die Richter. Doch Spanien will sich nicht von den Katalanen trennen, denn sie erwirtschaften mehr als ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts des Landes. Ohne Katalonien würde das Königreich wohl in eine finanzielle Krise stürzen.

Doch die Gründe für den Wunsch der Katalanen nach Unabhängigkeit sind nicht allein wirtschaftlicher Art. Der 11. September 1714 ist der schwarze Tag der katalanischen Geschichte. An diesem Datum mussten sich die Katalanen den Truppen der spanischen Bourbonen geschlagen und damit ihre Unabhängigkeit aufgeben. Seitdem ist der 11. September der inoffizielle Nationalfeiertag Kataloniens. Damit verbunden ist der Wunsch, die verlorene Eigenständigkeit wiederzuerlangen. Auch in der Hymne Kataloniens, "Els Segadors", drückt sich diese Abneigung gegenüber den spanischen "Besatzern" aus. Der Text wünscht den Bauern, die Katalonien verteidigen, einen "guten Sichelschlag" gegen "diese so hochmütigen Personen" – gemeint sind damit natürlich die Spanier.

Bischofskonferenz für Dialog statt Konfrontation

Solsonas Bischof Novell hat sich inmitten dieser Gemengelage auf die Seite der Unabhängigkeitsbefürworter geschlagen. Seine Mitbrüder in der spanischen Bischofskonferenz positionieren sich nicht so klar. Sie warben in einer jüngst veröffentlichten Erklärung einen "ehrlichen und großzügigen Dialog" über die Unabhängigkeitsfrage. Gleichzeitig betonen sie, dass die katalanischen Bischöfe die "authentischen Repräsentanten ihrer Diözesen sind". Diese hatten Gott um seinen Segen für Katalonien in "diesem schwierigen historischen Moment" gebeten. Zudem forderten sie vom spanischen Staat "Respekt" für die Katalanen.

Auch mehr als 400 Priester und Diakone aus Katalonien meldeten sich in der Frage zu Wort. Sie unterstützen offen das Referendum und nannten es ein "legitimes und notwendiges Ansinnen". Für den Abstimmungstag haben sie vorgeschlagen, eine gemeinsame Predigt zu verlesen. Die Zahl der Unterstützer für diese Erklärung ist in den letzten Tagen gestiegen: Bei der Veröffentlichung vor einer Woche waren es 300 Geistliche, die sich für die Unabhängigkeit aussprachen. Sie schrieben zudem an den Papst, um von ihm Unterstützung zu erhalten. Dieser gab jedoch keine Antwort.

Linktipp: Spanien warnt Vatikan vor Einmischung

Über 400 katalanische Geistliche stellen sich hinter das Referendum für eine Autonomie Kataloniens. Die spanische Zentralregierung sieht darin einen Rechtsbruch – und protestiert beim Heiligen Stuhl.

Stattdessen meldete sich Spanien. Der spanische Botschafter am Heiligen Stuhl übergab im Vatikan eine Protestnote des Königreichs. Die spanische Regierung mahnt darin an, dass sich der Vatikan an bestehende Verträge zu halten habe, die eine politische Neutralitätspflicht vorsehen. Die Vatikan-Zeitung "Osservatore Romano" ging daraufhin am Freitag auf Distanz zum Referendum, in dem sie eine Umfrage zitierte, nach der die Mehrheit der Katalanen gegen die sei. Weiter dokumentiert das Blatt die vollständige Erklärung der Spanischen Bischofskonferenz.

Die Äbte der berühmten katalanischen Klöster von Montserrat und Poblet meldeten sich in einem Statement zu Wort, in dem sie auf die "delikate und gefährliche" Stunde, in der sich Katalonien befindet, eingingen. Sie fordern von den Regierenden Klugheit und mahnen die Mitbestimmungsrechte für die Bevölkerung an. Somit unterstützen sie die Unabhängigkeitsbestrebungen nicht direkt, zeigen aber, dass sie der restriktiven Politik der Regierung in Madrid kritisch gegenüber stehen. Zumal die Abtei Montserrat auch während der Zeit der Franco-Diktatur ein Hort des katalanischen Widerstandes war. Dort wurden trotz eines Verbots der Bischöfe, die der Diktatur wohlgesonnenen waren, während dieser Zeit die Eucharistiefeiern auf Katalanisch gefeiert.

Die Kirche hat sich stets hinter das Selbstbestimmungsrecht der Völker gestellt. So argumentiert auch Novell in seinem Hirtenbrief. Doch es ist nicht klar, ob das Selbstbestimmungsrecht nur auf unterdrückte Völker oder auch auf die Katalanen mit ihrem Unabhängigkeitswunsch angewendet werden sollte. Zumindest der Bischof von Solsona hat zu dieser Frage eine klare Meinung.

Von Roland Müller