Über dem Dnepr hebt sich das Kiewer Höhlenkloster aus den Bäumen.
Kirchen in der Ukraine beraten über teilweise Kirchenunion

Ein Puzzlestück zur Einheit?

Die kirchliche Landschaft der Ukraine könnte vor einer Veränderung stehen: Die ukrainische griechisch-katholische Kirche verhandelt mit der autokephalen orthodoxen Kirche der Ukraine über eine Union. Doch die Situation ist komplex.

Von Franz Morawitz (KNA) |  Wien/Kiew - 12.01.2016

Schewtschuk unterstrich demnach die Notwendigkeit "absoluter Transparenz" bei einem Vereinigungsprozess. Priester und Laien beider Kirchen müssten einbezogen sein. Laut Pro Oriente ist die Position des Vatikan zu den neuen partiellen Unionsbestrebungen in der Ukraine "derzeit nicht öffentlich bekannt".

Bei dem Unionstreffen am Sitz des Großerzbischofs hatten die teilnehmenden Priester Gelegenheit, ihre Sichtweise darzulegen und direkte Fragen an Schewtschuk zu richten. Erzbischof Isitschenko unterstrich, das Ziel des Vereinigungsprozesses sei eine einheitliche "Kirche von Kiew". Zugleich solle das "spirituelle Erbe" der UAOK als Teil des gemeinsamen christlichen Erbes der Ukraine "geschützt und bewahrt" werden.

Gründung in den Wirren des ausgehenden Weltkriegs

Die ukrainische autokephale orthodoxe Kirche hat eine bewegte Geschichte, die nur vor dem Hintergrund der politisch-konfessionellen Konfliktlage in der Ukraine seit 1917/18 verständlich ist. Nach der mit Unterstützung Deutschlands und Österreich-Ungarns erfolgten Ausrufung des ersten unabhängigen ukrainischen Staates am 25. Januar 1918 gab es auch Bestrebungen orthodoxer Geistlicher, eine von Moskau unabhängige selbstständige (autokephale) orthodoxe Kirche im Land zu begründen.

Hintergrund: Die eine, vielfältige Kirche

Die eine Kirche Christi tritt in verschiedensten Formen auf, etwa in den orthodoxen und orientalischen Kirchen. Wir erklären das katholische Verständnis von "Kirche", was das für die Ökumene bedeutet und stellen unterschiedliche Traditionen vor.

Nach dem kommunistischen Sieg im Bürgerkrieg bestand dann Interesse der Machthaber, die russisch-orthodoxe Kirche zu schwächen. Daher standen die Bolschewiki dem Gedanken einer ukrainischen Nationalkirche zunächst wohlwollend gegenüber, und die ukrainische autokephale orthodoxe Kirche (UAOK) wurde im Mai 1920 in Kiew begründet.

1937 erfolgte jedoch die Auflösung der Kirche durch die Sowjetbehörden. Nach dem Überfall NS-Deutschlands auf die östlichen Nachbarstaaten wurde die UAOK wiederbegründet, weil die deutschen Besatzer nationalkirchliche Bestrebungen für ihre Zwecke instrumentalisieren wollten. Nach der Rückkehr der Sowjets konnte sich die UAOK nur in der Emigration halten. Aus dieser Phase gibt es drei Metropolien in den USA, in Kanada sowie in der allgemeinen Diaspora (vor allem Westeuropa, Ozeanien, Lateinamerika); sie unterstehen heute dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel.

Ein neues Patriarchat nach dem Ende des Kommunismus

Erst nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft 1990 konnte die UAOK wieder in der Heimat tätig werden. Mstyslaw Skrypnyk (1898-1993) kehrte als "Patriarch" nach Kiew zurück. Nach seinem Tod wurde Wolodymyr Romaniuk (1925-1995) zum Patriarchen gewählt. Er trennte sich jedoch von der Kirche und gründete gemeinsam mit dem früheren russisch-orthodoxen Metropoliten Filaret Denysenko (86) das sogenannte Kiewer Patriarchat.

Linktipp: Krise als Chance

Die ukrainische Orthodoxie ist seit Jahren gespalten: Auf der einen Seite die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer und auf der anderen die des Kiewer Patriarchats. Die Gräben zwischen den beiden Kirchen sind tief.

Nach einem Zwischenspiel wurde im Oktober 2000 Metropolit Mefodiy Kudrjakow (1949-2015) von Tarnopol zum "Leiter" der UAOK - bewusst nicht zum "Patriarchen" - gewählt. Er versuchte, die Verbindungen mit der ukrainischen orthodoxen Diaspora wiederherzustellen.  Nach seinem Tod im Februar 2015 wurde Metropolit Makarij Maletytsch (71) von Lviv (Lemberg) zu seinem Nachfolger gewählt. Die Wahl wird aber von einem Teil der Kirche nicht anerkannt.

Im vergangenen Jahr gab es vergebliche Bestrebungen zu einer Wiedervereinigung zwischen der UAOK und dem Kiewer Patriarchat. Für September war ein Unionskonzil vorgesehen. Die Bestrebungen scheiterten jedoch an der Namensfrage, an der Zusammensetzung des Konzils und auch daran, ob alle vorhandenen Bischöfe auch bei Doppelstrukturen im Amt bleiben sollten.

Von Franz Morawitz (KNA)