Papst Franziskus schreitet durch eine festlich geschmückte Tür.
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Pater Helmut Rakowski zieht eine Zwischenbilanz zum Heiligen Jahr

"Eine Tür, die offen bleibt"

Halbzeit im Heiligen Jahr. Vatikan-Mitarbeiter Helmut Rakowski eine positive Zwischenbilanz. Wie die Gesten des Papstes ankommen und was in der zweiten Jahreshälfte zu erwarten ist, erklärt er im Interview.

Von Johannes Schidelko |  Vatikanstadt - 31.05.2016

Frage: Pater Rakowski, im Heiligen Jahr ist Halbzeit: Entspricht der bisherige Verlauf Ihren Erwartungen? Oder sind Sie enttäuscht, kommen weniger Pilger als erwartet?

Rakowski: Wir sind keinesfalls enttäuscht, sondern zufrieden mit dem, was sich bislang ereignet hat. Für uns sind die Ereignisse, die wir organisiert haben, durchaus gelungen. Unsere Erwartungen lassen sich nicht in Zahlen fassen. Wir wussten im Vorfeld nicht, wie viele Menschen kommen würden. Die Zahlen, die genannt wurden, stammten alle von italienischen Stellen, der Regierung, der Stadt Rom oder Tourismusbetrieben.

Frage: Die Stadt Rom hat von 30 Millionen Pilgern gesprochen. War das realistisch? Erreichen Sie das?

Rakowski: Wir haben zur Halbzeit rund sieben Millionen Heilig-Jahr-Besucher in Rom. In die zweite Hälfe des Heiligen Jahres fallen die besucherintensiveren Monate. Aber 30 Millionen dürften wir kaum erreichen. Vielleicht steckten hinter den hohen Prognosen auch strategische Überlegungen, etwa mit Blick auf finanzielle Zuschüsse.

Frage: Warum der verhaltene Besucherandrang? Ist es Terrorangst - nach den Anschlägen von Paris und Brüssel? Oder waren die Skandale um Roms Stadtverwaltung so abschreckend?

Rakowski: Ich sehe verschiedene Gründe: Es gab eine relativ kurze Vorbereitungsphase, auch für Pilger oder für Gruppen, Reisen nach Rom zu organisieren. Zudem hat das Anliegen des Papstes, das Jubiläum dezentral auszurichten, Auswirkungen. Es ist nicht mehr nur auf Rom konzentriert. Aber natürlich hatten die Tragödien von Paris und Brüssel Folgen. Nach den Anschlägen gab es hier stets eine direkte Reaktion: Die Zahlen sanken.

Frage: Die Stadt Rom hat zum Jubiläum hohe Sicherheitsstufen verhängt: Überflugverbot, weiträumige Sperren für Autos und Händler. Rund um den Vatikan patrouilliert schwerbewaffnetes Militär. Schreckt das die Besucher nicht ab?

Rakowski: Ich habe Leute gehört, die die Sicherheitsmaßnahmen für übertrieben halten, andere äußern sich zufrieden, dass man für ihre Sicherheit sorgt. Allerdings ist die Sicherheitspräsenz inzwischen weniger sichtbar. Manche anfänglichen Maßnahmen wurden zurückgezogen - oder werden anders gemacht, weniger sichtbar. Allerdings erlebt man in Italien immer wieder, dass zu bestimmten Anlässen Maßnahmen erlassen und zunächst mit viel Enthusiasmus durchgesetzt werden, die sich dann in der Realität aber abschleifen.

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"Das Heilige Jahr ist von seinem Grundanliegen her eine Pilgerfahrt", so Pater Helmut Rakowski im Interview mit katholisch.de.

Frage: Was ereignet sich während des Heiligen Jahres? Was spielt sich in Rom ab?

Rakowski: Das Heilige Jahr ist von seinem Grundanliegen her eine Pilgerfahrt. Pilger brechen von zu Hause auf, machen sich auf einen Weg. Es ist ein geographischer Weg, der dann aber auch zu einem inneren, zu einem geistlichen Weg werden soll, der zur Heiligen Pforte führt. Sie ist das Symbol der Barmherzigkeit Gottes, auf die der einzelne mit persönlicher Umkehr und Bekehrung reagieren soll. Alle Veranstaltungen um die Pilgerfahrt herum - die Großtreffen, die Begegnungen mit dem Papst, die Katechesen - dienen diesem geistigen Pilgerweg. Er ist das Ziel des Jubiläums, in Rom und den Diözesen.

Frage: Ist, abgesehen von der Dezentralisierung, dieses Heilige Jahr anders als frühere?

Rakowski: Das Besondere dieses Heiligen Jahres ist, dass es unter einem besonderen Thema steht: Barmherzigkeit. Im Vergleich zum letzten Jubiläum 2000 gibt es viel weniger Veranstaltungen. Es werden nicht alle Kategorien von Personen oder Gruppen eingeladen und empfangen. Wir haben uns auf die Gruppen und Themen konzentriert, die im engen Bezug zum Thema der Barmherzigkeit stehen, wie Bedürftige, Behinderte, Kranke, Ehrenamtliche.

Frage: Woher kommen die meisten Besucher?

Rakowski: Italien und Europa sind natürlich die absoluten Spitzenreiter. Viele Gruppen aus dem Ausland nutzen darüber hinaus italienische Reisebüros zur Organisation und wir erfahren gar nicht, woher die Pilger wirklich kommen. Ich kann aber einige konkrete Länder nennen. Wie hatten bereits Gruppen aus China, Vietnam, Myanmar, von den Samoainseln, aus der Elfenbeinküste und auch aus den Vereinigten Emiraten.

Frage: Gelingt es, Pilger von den normalen Touristen zu trennen? Das war ja im Vorfeld Ihr besonderes Anliegen?

Rakowski: Es gelingt. Durch den reservierten und abgetrennten Zugang, der an der Engelsburg beginnt und über die Via della Conciliazione zum Petersdom führt, werden Pilger von den übrigen Besuchern getrennt. Es ist kein ständiger Fluss, aber es gibt immer wieder Gruppen, die betend, mit dem Kreuz voran diesen Weg gehen. Sie finden durch den abgetrennten Gang eine gewisse Ruhe und gelangen unbehelligt zur Heiligen Pforte. Bei den Sicherheitskontrollen erhalten sie Vorrang vor Touristen.

Themenseite: Heiliges Jahr

Vom 8. Dezember 2015 bis zum 20. November 2016 findet das von Papst Franziskus ausgerufene "Heilige Jahr der Barmherzigkeit" statt. Diese Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zum Heiligen Jahr.

Frage: Wie lange muss man an der Heiligen Pforte anstehen?

Rakowski: Das kommt sehr auf den Tag an. Zu manchen Zeiten brauchte man bis zu vier Stunden, um in die Kirche zu kommen. An anderen Tagen gibt es kaum Wartezeit. Generell muss man am Wochenende etwas mehr Zeit mitbringen als während der Woche.

Frage: Was waren bislang die Höhepunkte des Heiligen Jahres?

Rakowski: Der jüngste Höhepunkt war Ende April das Heilige Jahr der Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren. An der Messe mit dem Papst haben mehr als 100.000 Menschen teilgenommen. Und mehrere 100.000 Menschen kamen zu Beginn der Fastenzeit, als die Reliquien von Pater Pio und Pater Leopoldo, zwei großen Beichtvätern und Zeugen der Barmherzigkeit, im Petersdom ausgestellt waren.

Frage: Was haben wir noch zu erwarten?

Rakowski: In diesen Tagen finden die Heilig-Jahr-Treffen der Diakone und der Priester statt. Es sind zahlenmäßig eher kleinere Gruppen, die Priester dürften etwa 5.000 sein. Aber der Papst will für sie persönlich einen Einkehrtag halten.  Dann folgen der Weltjugendtag in Krakau und im September die Heiligsprechung von Mutter Teresa. Sie findet ihren Ort in der Jubiläumsfeier für die ehrenamtlichen Helfer aus dem Caritas-Bereich. Das wird sicher nochmals ein sehr großes Ereignis.

Frage: Der Papst selbst nimmt in diesem Jahr die Werke der Barmherzigkeit in symbolischen Gesten vor. Kommt das an?

Rakowski: Der Papst spricht und agiert sehr viel mit Zeichen. Dazu passen seine Initiativen an den "Freitagen der Barmherzigkeit", seine Besuche bei Flüchtlingen, bei Kranken,  bei Drogenabhängigen, bei Bedürftigen, die Gebetswache mit Trauernden. Dazu kommt noch ein Jubiläum der Gefangenen. Diese Initiativen sind keine Großevents mit vielen Teilnehmern. Aber sie haben einen enormen Sekundäreffekt. Sie werden deutlich wahrgenommen und senden damit wieder Signale in die Ortskirchen hinein.

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Was ist Barmherzigkeit? Ein Beitrag der Serie "Katholisch für Anfänger".

Frage: Eine Besonderheit dieses Heiligen Jahres sind die Missionare der Barmherzigkeit. Was tun sie?

Rakowski: Es sind knapp 1.200 Missionare in allen Kontinenten, die diesen Dienst in sehr unterschiedlichen Formen wahrnehmen. Sicher gibt es manchen, der lediglich darauf wartet, dass Menschen in seinen Beichtstuhl kommen. Aber wir hören auch von Missionaren etwa in den USA, die in die Todeszellen gehen. Es gibt viele Missionare, die aktiv hinausgehen, die neben dem wichtigen Beichtehören auch zum Thema der Barmherzigkeit predigen, die zu Randgruppen oder an soziale Brennpunkte in ihrem Umfeld gehen. Da geschieht sehr vieles, auch Verborgenes. Es ist spannend.

Frage: Die Stadt Rom tat sich mit dem Jubiläum lange schwer. Der Ausbau der Infrastruktur kam nicht voran. Viele Projekte sind unvollendet oder wurden gar nicht erst begonnen. Der Vatikan war verärgert. Sind Sie inzwischen zufrieden?

Rakowski: Hier in der Nähe des Vatikan sind die wichtigsten Infrastrukturprojekte erledigt. Was wir brauchen, steht uns zur Verfügung - dafür sind wir dankbar. Die Stadt Rom befindet sich in einer politischen Krise, es gibt keinen Bürgermeister, wir stehen vor Neuwahlen. Da ist natürlich die Organisation eines Großevents nicht so einfach. Aber die Stadt hat auch Lehren aus den Korruptionsskandalen der vergangenen Jahre gezogen: Die Vergabe von Bau-Aufträgen und die Bewilligung von Mitteln ist an strenge Auflagen geknüpft, an Ausschreibungen, Fristen und Kontrollen. Und das braucht Zeit.

Frage: Welche Resonanz findet das Heilige Jahr in der Weltkirche? Haben alle Diözesen ihre Heilige Pforte?

Rakowski: Ob sich tatsächlich alle beteiligen, vermag ich nicht zu sagen. Aber es gibt eine sehr große Resonanz. Manche Diözesen haben nicht nur eine oder zwei Heilige Pforten, sondern bis zu acht. Insgesamt hat das Heilig-Jahr-Thema "Barmherzigkeit" ein gutes Echo gefunden. Es werden Materialien erstellt, die Bischöfe schreiben Hirtenworte. Aber immer wieder hören wir auch von Leuten: Wir machen unsere Heilig-Jahr-Veranstaltungen zu Hause. Wir gehen in unsere Kathedrale oder eine Kirche in unserem Land mit einer Heiligen Pforte. Wir müssen dazu nicht nach Rom reisen.

Frage: Sind Sie mit dem bisherigen Verlauf zufrieden, und wie schauen Sie auf die zweite Halbzeit?

Rakowski: Wir glauben, dass die zweite Halbzeit nochmals stärker wird, was die Beteiligung betrifft. Nach dem verregneten Frühjahr kommen wir jetzt in den Sommer, da ist ein Rom-Besuch attraktiver. Ich denke, es wird ein gutes Jahr sein. Und es wird auch vieles für die Zukunft bleiben. Dazu gehören auch die vier historischen Pilgerwege, die wiederhergerichtet wurden. Das Heilige Jahr ist nicht ein Ereignis, das am 20. November mit der Schließung der Heiligen Pforte endet und dessen Thema dann vergessen wird. Es ist gleichsam eine Tür, die offen bleibt. Das Thema der Barmherzigkeit wird weitergehen.

Zur Person

Bruder Helmut Rakowski OFMCap (*1962) ist Mitarbeiter beim Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung, der federführend für die Vorbereitung und Durchführung des Heiligen Jahres zuständig ist.

Von Johannes Schidelko