Eine ungewöhnliche Heilige Pforte
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Beichte und Ablass spielen hier kaum eine Rolle

Eine ungewöhnliche Heilige Pforte

Durch diese Tür gehen täglich viele Menschen - doch dass sie eine Heilige Pforte ist, ist den meisten wohl egal: Die Besucher des "Gasthauses", einer sozial-diakonischen Einrichtung, kommen zum Essen oder Duschen her.

Von Björn Odendahl |  Recklinghausen - 11.10.2016

"Nein", sagt Pfarrer Ludger Ernsting und lehnt sich schmunzelnd im Stuhl seiner kleinen Dachgeschosswohnung zurück. Einen Anstieg der Beichtzahlen habe es im Jahr der Barmherzigkeit nicht gegeben. Verwundert ist er darüber aber ganz und gar nicht. Die sakramentale Beichte sei in Deutschland "verbrannte Erde", sagt er. Das müsse man erst einmal so hinnehmen und sie vielleicht irgendwann wieder neu entdecken.

Ernsting ist ein bodenständiger Pfarrer, der ein einfaches grünes T-Shirt statt Priesterhemd trägt. Und der die Menschen hier bestens zu kennen scheint. Hier, das ist die 114.000-Einwohner-Stadt Recklinghausen, die zwar de facto zum Ruhrgebiet gehört, aber doch irgendwie anders aussieht als ihre etwas graueren Nachbarn Duisburg, Gelsenkirchen oder Herne. Sie hat einen historischen Stadtkern und eine eher ländliche Umgebung. Die Sorgen sind aber die gleichen wie überall in der Region. Die Arbeitslosenquote zum Beispiel, die bei über 12 Prozent liegt.

Statt in einer klassischen Pfarrgemeinde lebt Ernsting mit zwei Ordensfrauen und -männern in einer Kommunität in der Innenstadt. Gemeinsam führen sie eine sozial-diakonische Einrichtung, bestehend aus der kleinen "Gastkirche" und dem angrenzenden "Gasthaus". In Letzterem kümmert sich das fünfköpfige Team um all die Probleme, die aus einer hohen Arbeitslosenquote folgen können: Vereinsamung, psychische Probleme, Alkohol, Drogen oder sogar das Leben auf der Straße. Mit ihrem Angebot der "offenen Gasthaustür" bieten sie täglich rund 25 Menschen Frühstück und Mittagessen, eine warme Dusche, Begegnung sowie Gespräche an. Am Wochenende und zum Ende des Monats kommen sogar bis zu 45 Gäste. Ein Großteil von ihnen ist obdachlos.

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Pfarrer Ludger Ernsting bei der Arbeit: Das "Kerngeschäft" des Gasthauses ist die Arbeit mit Armen und Obdachlosen, die hier täglich eine warme Mahlzeit bekommen.

"Menschen mit Problemen nahe zu sein, ist für mich eine wesentliche Option des Evangeliums", sagt Ernsting. Für ihre Arbeit genießen er und sein Team in der Stadt große Wertschätzung, wie eine Umfrage in der Bevölkerung gezeigt hat. "Ein Großteil der Bürger glaubt, dass so die Kirche der Zukunft aussehen kann", erzählt der 59-Jährige, der seit sieben Jahren in der Kommunität lebt. Als Konkurrenz zu den Pfarrgemeinden will er das Konzept – eine Kombination aus Citypastoral und karitativer Einrichtung – aber nicht verstehen.

Auch das Bistum Münster, zu dem die Stadt Recklinghausen gehört, hat das Potenzial erkannt. Deshalb hat die Diözese das Gasthaus für das Jahr der Barmherzigkeit als Ort für eine Heilige Pforte ausgewählt. Was in der Vergangenheit eigentlich nur Kathedralen, Kirchen und Kapellen vorbehalten war, hat sich unter Papst Franziskus geändert. Der Pontifex selbst machte die Eingangstür der Caritas-Mensa im römischen Hauptbahnhof Termini zu einer solchen Pforte. "Ich denke, dass auch wir wegen des diakonischen Aspekts unserer Einrichtung ausgesucht wurden", sagt Ernsting bescheiden. Bewusst sei der Ort der Armenspeisung und nicht die dazugehörige Kirche gewählt worden.

Die "offene Tür" wurde zur Heiligen Pforte

Aus der "offenen Tür" des Gasthauses ist also eine Heilige Pforte geworden, die die Besucher nun tagein tagaus durchschreiten. Rita K. ist eine von ihnen. Die 66-Jährige kommt täglich zum Frühstück und Mittagessen. "Aber auch wegen der netten Gespräche", sagt sie. Früher hatte K. eine Heißmangel, die irgendwann nicht mehr lief, und schulte dann zur Altenpflegerin um. Heute reicht ihre Rente kaum für ihren Lebensunterhalt. "Deshalb ist es schön, dass es so eine Einrichtung wie das Gasthaus gibt", sagt sie. Für sie bleibt der Eingang des Gasthauses aber auch im Jahr der Barmherzigkeit einfach eine "offene Tür". "Ich bin zwar katholisch, aber mit der Heiligen Pforte oder der Beichte habe ich nichts am Hut."

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Wenn Klaus B. (l.) und Rita K. (m.) das Gasthaus besuchen, helfen sie regelmäßig auch beim Bücherverkauf. Der Erlös kommt der Einrichtung zugute.

So geht es den meisten Gästen hier. Auch Klaus B. nickt zustimmend. Er hat ebenfalls einige Lebenskrisen durchgemacht: ein verstorbener Bruder, eine Scheidung, dann war nach 43 Jahren der Job weg. Mittlerweile ist er wieder verheiratet und das Geld reicht zum Leben. Ins Gasthaus kommt er aber weiterhin. "Weil ich den Menschen hier viel zu verdanken habe." Und weil ihm hier nicht gesagt werde, dass man dies und das nicht tun dürfe, wie es sonst häufig in der Kirche der Fall sei. Das Jahr der Barmherzigkeit samt Heiliger Pforten sei deshalb eine gute Idee, weil es ein anderes Bild der Institution Kirche zeichne. "Offene Türen sind immer wohltuend", sagt der 60-Jährige. Aber Beichte und Ablass? "Das Urteil überlasse ich dann doch lieber Gott, wenn ich einmal nicht mehr bin."

Pfarrer Ernsting kann das nachvollziehen. Gemessen am therapeutischen Charakter gebe es in Gasthaus und -kirche jede Menge "Beichtgespräche", sagt er. Aber die Rituale, die zum Sakrament der Beichte gehörten, seien "heute nicht mehr akzeptabel und vermittelbar". Das gleiche gelte für den Ablass. Deshalb habe man im Jahr der Barmherzigkeit gemeinsam mit den Gottesdienstbesuchern der Gastkirche nach neuen Formen des "Ablassens" gesucht. "Wir haben uns gefragt, was wir in der Gesellschaft oder an uns selbst ändern müssen", so Ernsting. Dazu gehöre etwa die Ausgrenzung Armer und Schwacher, aber auch Egoismus, Neid und Gier. Man habe außerdem darüber gesprochen, wovon die Kirche am besten ablassen sollte: etwa vom eigenen Machtanspruch oder von Unglaubwürdigkeit und Lippenbekenntnissen.

In der Gastkirche wird zugehört

Im Gasthaus selbst soll es nicht bei diesen Lippenbekenntnissen bleiben. So hat man etwa einen Protestgang gegen die Schließung Recklinghäuser Karstadt-Filiale organisiert, auch wenn die letztlich nicht verhindert werden konnte. Außerdem wird nicht nur im Gasthaus, sondern auch – als citypastorales Angebot – in der benachbarten Gastkirche zugehört. An jedem Tag in der Woche besteht dort für Passanten von 10 bis 12 und von 16 bis 18 Uhr die Möglichkeit zum persönlichen Gespräch. Hinzu kommen regelmäßige Gottesdienste, eine geistlich-spirituelle Wegbegleitung, ein Pilgertreff, ein Kulturforum, Trauerbegleitung, ein Eine-Welt-Laden, und ein regelmäßiger Bücherverkauf, dessen Erlös dem Gasthaus und damit den Obdachlosen zugutekommt.

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Schwester Judith Kohorst von den Lüdinghauser Franziskanerinnen arbeitet seit sechs Jahren als Pastoralreferentin in Gasthaus und -kirche.

Neu ist die Idee des Gasthauses nicht. Bereits Ende des 14. Jahrhundert ergriffen Bürger der Stadt Recklinghausen die Initiative für die Errichtung eines Armen- und Pilgergasthauses. Die dazugehörige Kirche ist erstmals 1423 urkundlich belegt und seit über 600 Jahren in ihrer heutigen Gestalt ein Ort des Glaubens. 1978 wurde der caritative Gedanke wieder aufgegriffen und Gasthaus und -kirche auf Initiative der Münsteraner Canisianer neu belebt. Da es sich um keine diözesane Einrichtung handelt, ist die Kommunität jedoch auf Spenden angewiesen – und die Hilfe zahlreicher Ehrenamtlicher. Rund 250 von ihnen kommen regelmäßig, um das Team zu unterstützen.

"Gott ist hier immer sehr präsent, aber es wird nicht dauernd über ihn gesprochen", sagt Schwester Judith Kohorst, die als Pastoralreferentin im Gasthaus tätig ist. Wenn man sich mit den Gästen dann doch darüber unterhalte, seien die Gespräche nie gottes-, sondern höchstens kirchenkritisch. "Viele der Menschen, die hierher kommen, haben schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht", sagt Kohorst. Sie seien abgewiesen oder zum Teil sogar in Kindertagen in kirchlichen Einrichtungen geschlagen worden.

Das Wort "Barmherzigkeit" neu füllen

Im Gasthaus wird dagegen niemand abgewiesen. "Unsere Tür soll immer eine Pforte der Barmherzigkeit sein", sagt die Ordensschwester. Jeder, der hindurchschreite, sei willkommen und könne sich von den Mitarbeitern, aber auch von Gott als Mensch angenommen wissen. "Egal, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Religion oder sexuelle Orientierung jemand hat", sagt Kohorst.

Das sieht Pfarrer Ernsting genauso. "Das Wort Barmherzigkeit klingt erst einmal altbacken", sagt er. Es bedeute eigentlich, "etwas gnädig zu gewähren". Für den Gebrauch im Alltag müsse man es daher neu füllen. Denn auch wenn die meisten Menschen, die zu ihm kämen, Probleme hätten, wollten sie kein Mitleid, sondern Achtung und Gespräche auf Augenhöhe. "Die Heilige Pforte ist für mich deshalb auch nur ein Ausdruck für eine persönliche Haltung jedem einzelnen Menschen gegenüber", sagt der Priester. Und das nicht nur im Jahr der Barmherzigkeit.

Von Björn Odendahl