Einen für Ost und West
"Keine Berührungsängste haben, sondern den Menschen nah sein", soll er sein. Rainer Maria Woelki hat da Maßstäbe gesetzt, als er nach seiner Wahl zum Erzbischof von Berlin im Jahr 2011 in eine Etagenwohnung im Berliner Stadtbezirk Wedding zog und mit öffentlichen Verkehrsmitteln in sein Büro im Berliner Ordinariat fuhr.
Mit weitaus weniger Begeisterung haben manche Berliner Katholiken den Reformprozess aufgenommen, den der Kardinal angestoßen hat. Unter dem Titel "Wo Glauben Raum gewinnt" soll neben Strukturmaßnahmen vor allem ein geistlicher Prozess angestoßen werden.
Dazu gehört die Reduzierung der Zahl der rechtlich eigenständigen Pfarreien bis zum Advent 2020 von gut 100 auf 30. Durch die größeren Räume soll sich die Seelsorge in den Gemeinden unterschiedlich profilieren und Aufgaben sollen differenziert werden. So könnte es in Berlin Gemeinden geben, die einen Schwerpunkt auf Senioren legen, während eine benachbarte Pfarrei einen anderen Fokus setzen.
Unmut über Gestaltung der Kathedrale
Jeder Pastorale Raum soll individuell gebildet werden. Geplant ist auch, dass die Unterschiede zwischen Stadt und Land ernst genommen werden. Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen den multinationalen Großstadtgemeinden in Berlin und den ländlich geprägten Diaspora-Gemeinden Nordbrandenburgs und Vorpommerns immens. Doch ist das nicht die einzige Differenz innerhalb des Erzbistums.
25 Jahre nach der Wende sind auch die unterschiedlichen Traditionen innerhalb des früher geteilten Berlins noch spürbar. Die Katholiken im real existierenden Sozialismus suchten sich eine Nische, in der sie in der religionsfeindlichen Umgebung ausharrten. Eine Haltung, die im areligiösen Osten Deutschlands bis heute verbreitet ist. Ein weiterer Streitpunkt liegt im Osten Berlins, die Bischofskirche Sankt Hedwig.
Kardinal Woelki hat den Anstoß zum Umbau des Innenraumes gegeben. Aus den Beiträgen eines Architektenwettbewerbs wählte die Jury einen Entwurf, der eine Schließung der Öffnung im Innenraum der Kathedrale vorsieht. Dieses sogenannte Loch verbindet den Gottesdienstraum mit der Krypta, in der die Bischöfe und der selige Bernhard Lichtenberg bestattet sind. Nach dem Wiederaufbau in den fünfziger Jahren galt die Öffnung von Architekt Hans Schwippert als Meisterwerk. Besonders die Ost-Berliner hängen an dem besonderen Innenraum der St.-Hedwigs-Kathedrale. Viele West-Berliner und nach der Wende Zugezogene hingegen können dem nur wenig abgewinnen. So fordern manche eine rasche Umsetzung der unter Woelki angeschobenen Umbaupläne, andere hoffen, dass der neue Erzbischof den Dom so lässt wie sie ist. Es wäre eine Baustelle weniger.
Erwartet wird vom neuen Berliner Erzbischof auch, dass er ein "Hauptstadtbischof" ist. Woelkis Vorgänger Georg Sterzinsky wurde noch vor der Wende Berliner Bischof. Das politische Parkett war nicht seine Sache. Ganz anders Woelki: Der nutzte regelmäßig die Chance, christliche Position im säkularen Berlin zu beziehen, nahm bei Empfängen kein Blatt vor den Mund und nutzte auch schon mal ein Grußwort um die Haltung der Kirche zur Flüchtlingsproblematik oder der Finanzierung der freien Schulen deutlich zu machen. Manch einer fordert sogar, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchener Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, solle deshalb den wichtigen Bischofsstuhl in Berlin übernehmen.
Ganz unabhängig von den Herausforderungen, die auf den Bischof warten, ist das Wahlprozedere. Aus einer Liste mit drei Kandidaten, die der Papst nach Berlin schickt, wird das Berliner Domkapitel den wählen, der den Spagat zwischen Politik und Kirche hinbekommen soll.
Von Markus Kremser
Das Erzbistum Berlin umfasst das Land Berlin, den größten Teil Brandenburgs sowie Vorpommern und einen kleinen Teil Sachsen-Anhalts. In seinen derzeit 105 Kirchengemeinden leben über 407.000 Katholiken, davon mehr als 330.000 in Berlin. Während die Zahl der Katholiken im Raum der Bundeshauptstadt wächst, geht sie in den ländlichen Gebieten zurück. In seiner jetzigen Form wurde das Erzbistum 1994 errichtet. An seiner Spitze stand von August 2011 bis Juli 2014 Erzbischof Rainer Maria Woelki, den Papst Benedikt XVI. 2012 zum Kardinal erhob. Die historischen Wurzeln der Erzdiözese reichen bis ins 10. Jahrhundert. Die alten Bistümer Brandenburg, Havelberg, Kammin und Lebus gingen während der Reformation unter; erst im 18. Jahrhundert gab es wieder eine nennenswerte katholische Minderheit in der Region. Seit 1821 bestand eine "Fürstbischöfliche Delegatur für Brandenburg und Pommern" im Erzbistum Breslau. 1930 erhob Papst Pius XI. die dazu gehörenden Gebiete zum selbstständigen Bistum. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel der Teil östlich der Oder einschließlich der Hafenstadt Stettin an Polen und kam 1972 zu neu gegründeten polnischen Diözesen. Das Bistum Berlin wurde im selben Jahr unmittelbar dem Heiligen Stuhl unterstellt. Während der Teilung Deutschlands war es bis zum Ende der DDR eine der wenigen innerdeutschen "Klammern"; der Bischof war Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz und der damaligen Berliner Bischofskonferenz. Zu der nach der Vereinigung Deutschlands errichteten Kirchenprovinz Berlin gehören die Bistümer Dresden-Meißen und Görlitz. (KNA)