Entscheidungshilfe für den Erzbischof
Berliner Katholikenrat stimmt für Umbau der Hedwigskathedrale

Entscheidungshilfe für den Erzbischof

Wie eine bauliche Umgestaltung der Sankt-Hedwigs-Kathedrale in Berlin aussehen könnte, ist unter den Katholiken des Erzbistums seit Monaten heiß umstritten. Von der höchsten Laienvertretung erhielt Erzbischof Heiner Koch nun jedoch ein klares Stimmungsbild.

Von Gregor Krumpholz (KNA) |  Berlin - 29.02.2016

Vor ihrer Positionierung hatte die höchste Laienvertretung von mehr als 400.000 Katholiken in Berlin, Brandenburg und Vorpommern öffentlich Pro und Contra abgewogen. Befürworter und Gegner brachten ihre Argumente engagiert, bis auf wenige Ausnahmen jedoch nicht polemisch auf den Punkt. Das war in den vergangenen Monaten nicht immer so.

Bodenöffnung als Streitpunkt

Auf scharfe Kritik, vor allem bei Katholiken aus dem früheren Ost-Teil des Erzbistums, stößt das Konzept, die Bodenöffnung im Zentrum der Kathedrale mit Treppe zur Unterkirche zu schließen. Die heutige Raumfassung schuf der Düsseldorfer Architekt Hans Schwippert (1899-1973) beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Kathedrale im Osten Berlins. Die architektonische Besonderheit symbolisiert die enge Verbindung der Gottesdienstgemeinde mit ihren verstorbenen Bischöfen und Hitler-Gegnern wie dem seliggesprochenen Dompropst Bernhard Lichtenberg (1875-1943).

Der Siegerentwurf für die Neugestaltung des Innenraums der Hedwigkathedrale.

Der vorliegende Umbauentwurf, der bei einem Architektenwettbewerb 2014 siegte, sieht dagegen vor, anstelle der Bodenöffnung den Altar ins Zentrum der Rundkirche zu setzen. Dafür warb vor dem Katholikenrat der Künstler Leo Zogmayer, der diese Konzeption maßgeblich entwarf. Sie schaffe die besten Voraussetzungen dafür, dass die Berliner Bischofskirche zur "wegweisenden Kathedrale Deutschlands" werde. Auch der Architekt Peter Sichau, der ebenfalls für den Umbauplan steht, sieht damit das "antike Raumkonzept" der Kuppelkirche nach Vorbild des römischen Pantheons am besten wieder hergestellt.

Historische Argumente führte auch Berlins Landeskonservator Jörg Haspel ins Feld, allerdings in entgegengesetzter Absicht. Der Umbau wäre eine "Eliminierung und Einebnung einer einmaligen Raumschöpfung", wandte der Denkmalpfleger ein. In Zeiten des Mauerbaus sei sie ein Gemeinschaftswerk von Baukünstlern Ost und West gewesen "wie kein anderes". Haspel berief sich auf die im Einigungsvertrag von 1990 vereinbarte Erhaltung des historischen Bauerbes. "Es ist paradox, wenn nun in Frage gestellt wird, was als Zeichen der Unbeugsamkeit gegen ein Unrechtssystem gilt", warnte Haspel. Er schloss sich dem Forderung der Umbaugegner an, es bei einer Sanierung des Gotteshauses zu belassen.

Bei der Aussprache bestätigte sich indes Zogmayers Einwand, der geschichtliche Rang der Schwippert-Architektur spiele für die nachfolgenden Generationen eine schwindende Rolle. Mehr als nach historischen Argumenten fragten die Laienvertreter nach den Kosten und mahnten zu einem verlässlichen Finanzierungskonzept. Der Finanzdezernent des Erzbistums, Bernd Jünemann, bezifferte die erforderlichen Mittel eines Umbaus auf 43 Millionen Euro, die Kosten einer bloßen Sanierung auf 16,8 Millionen Euro.

Bild: © dpa

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch will erst dann "die letzte Unterschrift" unter die Bauverträge für die Hedwigskathedrale setzen, wenn die Finanzen geklärt sind.

Bei Erzbischof Koch, der an Debatte und Abstimmung als Gast teilgenommen hatte, stießen die Warnungen vor "Limburg" auf offene Ohren. Ratsmitglieder spielten damit auf den Skandal beim Bau des Bischofshauses an der Lahn an, der zum Rücktritt von Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst führte. Koch versicherte, "die letzte Unterschrift" unter die Bauverträge werde er erst leisten, "wenn das Finanzielle gesichert ist". Er rechnet mit dem Bund, dem Land Berlin, den anderen deutschen Bistümern und weiteren Sponsoren.

Liturgiewissenschafter rät zu "Experimentierphase"

Vor seiner Entscheidung will der Erzbischof noch die Voten anderer Spitzengremien des Erzbistums einholen. Zugleich mahnte er, sich auch dann für das Projekt zu engagieren, wenn das Ergebnis nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Einen Weg des Kompromisses empfahl der Bonner Liturgiewissenschafter Albert Gerhards. Ungeachtet der abschließenden bischöflichen Weichenstellung rät zu einer eingehenden "Experimentierphase" etwa mit Altar und Sitzen. Kontrovers wird "Sankt Hedwig" aller Voraussicht nach weiter bleiben.

Stichwort Hedwigskathedrale

Die Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale gehört zu den bedeutenden katholischen Gotteshäusern in Deutschland. Sie ist auch eines der historischen Wahrzeichen der Hauptstadt. Die Bischofskirche des Erzbistums Berlin hat jährlich über 200.000 Besucher. Geweiht wurde der runde Kuppelbau vor 240 Jahren, am 1. November 1773. Architektonisches Vorbild war das antike Pantheon in Rom. Zusammen mit Humboldt-Universität, Staatsoper und Königlicher Bibliothek bildet das Gotteshaus am Boulevard Unter den Linden das Ensemble des Forum Fridericianum. Die Planer waren Wenzeslaus von Knobelsdorff, Jean Laurent Legeay und Johann Boumann der Ältere. Der Bau entstand auch auf Initiative von Friedrich dem Großen. Anlass war die wachsende Zahl der Katholiken in Preußen durch den Ausbau der Armee und die Eroberung Schlesiens. Die Kirche ist nach der Patronin der neuen Provinz, der heiligen Hedwig von Schlesien (1147-1243), benannt. Seit der Weihe wurde die Kirche dreimal umgestaltet. Der bislang stärkste Eingriff fand nach dem Zweiten Weltkrieg statt, in dem Bomben die Kathedrale bis auf die Umfassungsmauern zerstörten. Bis 1963 baute der renommierte Düsseldorfer Architekt Hans Schwippert (1899-1973) sie innen in modernen Formen wieder auf. Eine architektonische Besonderheit ist eine rund acht Meter große Bodenöffnung im Zentrum des Kirchenraums. Über eine Treppe ist damit die Unterkirche mit den Grabkapellen der Berliner Bischöfe und des seligen Dompropsts Bernhard Lichtenberg (1875-1943) erreichbar. Bei einer Neugestaltung des Innenraums wird die umstrittene Bodenöffnung nun geschlossen. (KNA)

Von Gregor Krumpholz (KNA)