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Uwe Bork über die Flüchtlingswelle aus Afrika

Europas Schuld beginnt nicht erst im Mittelmeer

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Kleines Fischerboot am Strand von Dakar.
Bonn - Europa muss Verantwortung für die toten Flüchtlinge übernehmen. Denn es trägt eine Mitschuld an ihrer Misere.

Es sind Not und Aussichtslosigkeit, die sie zu Hunderttausenden in den hilflosen Versuch treiben, auf überladenen Kähnen und Booten das Mittelmeer zu überqueren. Ihre Chancen, dass ihnen dies gelingt, sind in den vergangenen Monaten allerdings immer schlechter geworden. Das Risiko, bei der Überfahrt das Leben zu verlieren, lag nach den nüchternen Berechnungen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR zu Beginn des Jahres 2014 noch bei 1,06 Prozent, bis zum Ende des Jahres hatte es sich mit 2,4 Prozent mehr als verdoppelt. Schuld daran sind nicht zuletzt die stark eingeschränkten Rettungseinsätze der EU.

Europäische Wirtschaftsinteressen entziehen Afrikanern Lebensgrundlage

Die Europäische Gemeinschaft muss sich einen Großteil der Verantwortung für die Toten im Mittelmeer zurechnen lassen. Sie ist mitschuldig an ihrem Tod, doch nicht vorrangig, weil sie zu wenig für ihre Rettung getan hat, weit schwerer wiegt, dass die wirtschaftlichen Interessen der EU ebenso wie die anderer Staaten seit Jahren dazu führen, Afrikanern die Lebensgrundlagen in ihren Heimatländern zu entziehen.

Als Zeuge für diesen Vorwurf lässt sich nicht nur Papst Franziskus herbeirufen, dessen Ächtung einer tötenden, weil zügellosen Wirtschaft mittlerweile nahezu für jede Kapitalismuskritik herhalten muss. Bereits im Jahr 2007 verurteilte ein Konservativer die Aktivitäten europäischer Manager und Politiker in Afrika, der nicht erst seit seiner Amtszeit als Direktor des Internationalen Währungsfonds über beträchtliches ökonomisches Insiderwissen verfügt: die Rede ist von Horst Köhler.

In seiner zweiten Berliner Rede geißelte er als damaliger Bundespräsident scharf die Auswirkungen einer gierigen Globalisierung auf die Länder südlich der Sahara: "Auch Europa errichtet Handelsbarrieren gegen die Entwicklungsländer, überschwemmt sie - auf Kosten der hiesigen Steuerzahler - mit Lebensmitteln zu Dumpingpreisen und zerstört damit dort die Erwerbs- und Lebensgrundlagen der bäuerlichen Gesellschaften. Auch Europa fischt Afrikas Küsten leer und verweist Kritiker kalt lächelnd auf geschlossene Verträge." Köhlers Sätze haben nichts von ihrer Aktualität verloren, denn noch immer gilt, was Abasse Ndione in seinem Roman beschreibt und was das Hilfswerk Caritas so formuliert: "Überfischung raubt den Armen unmittelbar die Nahrung vom Tisch."

Riesige Fabrikschiffe gegen hölzerne Pirogen

Ein Land wie der Senegal, in dem 600.000 seiner rund 13 Millionen Einwohner ihren Lebensunterhalt im Fischereisektor verdienen, wird empfindlich getroffen, wenn Europas Fischindustrie auf der Suche nach neuen Fanggründen weltweit auf Schnäppchenjagd geht und damit lokale Fischfangflotten wie die 21.000 hölzernen Pirogen des Landes ins wirtschaftliche Abseits drängt. Die riesigen Fabrikschiffe der nördlichen Industriestaaten sind längst nicht mehr auf die Nähe zu heimischen Märkten angewiesen, sie werden dank aufwändiger Tiefkühl- und Verarbeitungstechnik dort eingesetzt, wo es für ihre Besitzer am meisten zu verdienen gibt. Vor der Küste Senegals beispielsweise.

Die EU schloss folglich mit der senegalesischen Regierung erst 2014 ein auf fünf Jahre angelegtes Abkommen, das europäischen Fangflotten Fänge unter anderem von 14.000 Tonnen Thunfisch oder 2.000 Tonnen Seehecht erlaubt. Hinzu kommt noch illegaler Fischfang etwa durch russische Trawler, der Senegal pro Jahr rund 2 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes raubt. Senegals Fischer drohen aufgrund dieser übermächtigen Konkurrenz ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Adama Lam, Generalsekretär des Verbandes der Bootsbesitzer und Fischer in seinem Land, sieht in dem Abkommen mit der EU daher eine unverträgliche Pille für seine Mitglieder und klagt bitter: "Wir verscherbeln unsere Ressourcen und erlauben die Rekolonisierung durch Europa in diesem Sektor."

Alternativen beispielsweise in der Landwirtschaft sind kaum zu finden, denn auch abseits der Küsten sind die Perspektiven für die Entwicklung einer stabilen lokalen Wirtschaft häufig schlecht. Bauern in vielen afrikanischen Ländern leiden seit geraumer Zeit unter dem sogenanntem ' Landgrabbing ', bei dem ausländische Investoren heimische Produzenten mit ihrer Kapitalmacht um überlebensnotwendiges Land bringen. Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO geht davon aus, dass während der letzten zehn Jahre allein in Afrika 2,5 Millionen Hektar Land den Besitzer wechselten. Sie sind jetzt meist der Nahrungsmittelproduktion entzogen, weil sie für den Anbau von Energie- oder Futterpflanzen genutzt werden und damit gleichzeitig als riesige Monokulturen eine Gefahr für Ökologie und Klima darstellen.

Steaks und Schnitzel verhindertn Anbau von Mais und Maniok

Der Misereor-Agrarexperte Wilhelm Thees macht in diesem Zusammenhang eine klare Rechnung auf: "Es ist kein Geheimnis, dass für die Produktion von Fleisch große Landflächen verbraucht werden. Denn für ein Kilogramm Schweinefleisch müssen 12 Kilo Getreide zugefüttert werden. In vielen Ländern werden die eigenen Landressourcen aber knapp, deshalb greifen sie auf Land in Afrika zu." Die Steaks und Schnitzel der Reichen gehen so auf Kosten von Mais oder Maniok der Armen. Misereor appelliert vor diesem Hintergrund deshalb an die Bundesregierung, sich konsequent für die Sicherung von Zugang zu Land für Kleinproduzenten und den Primat des Rechts auf Nahrung einzusetzen.

Die Lage ist prekär. Es ist kaum zu erwarten, dass selbst mit einer nennenswerten Ausweitung der Rettungsmaßnahmen auf dem Mittelmeer das Flüchtlingsproblem in den Griff zu bekommen ist. Die kontinuierliche Abwanderung der Menschen aus Afrika wird dann aber dort eine materielle und intellektuelle Verarmung beschleunigen, in Europa kann eine unkontrollierte Zuwanderung zu gesellschaftlichen Verwerfungen führen, für die das bereits spürbare Erstarken rechter und rechtsradikaler Gruppierungen ein erstes Anzeichen ist.

Es kann daher nur darum gehen, namentlich afrikanischen Jugendlichen Alternativen zu einer Flucht über ein Meer zu bieten, die sich immer öfter in eine Flucht ins Grab verwandelt. Europa kann dieser Entwicklung nicht länger tatenlos zusehen und auf die Souveränität von Afrikas Staaten verweisen. Es sind nicht zuletzt europäische Politiker, europäische Wirtschaftsführer, aber auch europäische Verbraucher, die mit ihren kurzsichtigen Entscheidungen dazu beitragen, dass ganzen Volkswirtschaften die wesentlichsten Entwicklungsmöglichkeiten abgeschnitten werden. Das ' Netzwerk Afrika Deutschland ', in dem über 40 in der Entwicklungsarbeit tätige katholische Ordensgemeinschaften zusammengeschlossen sind, zieht aus dieser Situation vor allem mit einer Forderung deutliche Konsequenzen: "Langfristig muss das Internationale Recht weiter entwickelt, das Recht auf Nahrung juristisch verankert und Verstöße dagegen geächtet werden."

"It's the economy, stupid!" ("Es ist die Wirtschaft, Dummchen!") Dieser Spruch half Bill Clinton vor mehr als zwanzig Jahren, die amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu gewinnen. Clintons Wahlkampfweisheit gilt noch immer, und sie gilt auch für Afrika. Es ist die aussichtslose Wirtschaftslage, die Afrikaner in die Fremde treibt. Die aussichtslose Wirtschaft – und die ausbleibende Gerechtigkeit. Diesen Zusatz sollten Christen nicht vergessen.

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