Papst Franziskus spricht vor Kardinälen und Bischöfen im Vatikan.
Ein Pro und Contra zu einer heiklen Frage

Greift der Papst bei Missbrauch hart genug durch?

Ja, er habe Fehler gemacht, gab Franziskus kürzlich zu. Doch nun kümmert sich der Papst umso intensiver um den Missbrauchsskandal in Chile. Greift er dabei hart genug durch? Ein Pro und Contra.

Von Thomas Jansen |  Bonn - 26.05.2018

Pro: Der Papst greift durch

Mit Blick auf die jüngsten Vorgänge in Chile ist es leicht zu sagen, der Papst greife nicht hart genug durch im Kampf gegen sexuellen Missbrauch. Aber es stimmt trotzdem nicht. Franziskus war es schließlich, der im Jahr 2016 bischöflicher Willkür im Umgang mit sexuellem Missbrauch einen Riegel vorschob. Rein formal gesehen war sein Erlass "Wie eine liebende Mutter" zwar nur eine Präzisierung des geltenden Kirchenrechts. Doch der Inhalt war geradezu revolutionär: Bischöfe können nach der neuen Rechtslage ihres Amtes enthoben werden, wenn sie einem Verdacht auf sexuellen Missbrauch nicht gründlich genug nachgehen. Die Botschaft ist klar: Auch für hohe kirchliche Würdenträger gibt es vom Papst kein Pardon mehr. Nach diesem Erlass kann nun nicht mehr ohne weiteres behaupten, in der Kirche hänge man die Kleinen und die Großen lasse man laufen, wenn es um die Ahndung solcher Delikte geht.

Über die praktische Anwendung des neuen Erlasses hat man bislang zwar wenig gehört. Aber das heißt keineswegs, dass er wirkungslos geblieben wäre. Denn den größten Erfolg dieser neuen Bestimmungen kann man ohnehin nicht messen: Die Bischöfe bekommen im Kampf gegen sexuellen Missbrauch mehr Druck. Immerhin müssen sie befürchten, in Rom angezeigt zu werden, falls sie es an der nötigen Konsequenz fehlen lassen. Dieser Druck sensibilisiert zusätzlich für den Schutz von Kindern und die Prävention sexuellen Missbrauchs.

Ja, man kann und muss sich fragen, warum ein Fall wie in Chile trotzdem noch passieren kann. Doch die Antwort kann sicher nicht einfach lauten "Der Papst tut zu wenig". Denn das Kirchenrecht ist eine Sache, der Bewusstseinswandel in den Köpfen eine andere. Um die neuen kirchenrechtlichen Bestimmungen anwenden zu können, braucht es eine Anzeige gegen einen Bischof. Und an dieser Stelle hakt es offenbar in Chile, aber auch andernorts. Klerikal-männerbündisches Gehabe, die Überzeugung, die Unversehrtheit der Kirche stehe über allem und ein elitäres Bewusstsein lassen sich nicht von heute auf morgen beseitigen.

Das weiß niemand besser als Franziskus selbst, der nicht müde wird dagegen zu predigen. Es gibt wohl keinen prominenten Kirchenmann, der das nachdrücklicher tut als der Papst. Doch eine Gehirnwäsche kann eben auch der Nachfolger Petri seinen Gläubigen nicht verpassen. Bis sich seine Botschaft unter 1,2 Milliarden Katholiken, die dazu noch in unterschiedlichsten kulturellen Kontexten leben, verbreitet hat, braucht es Zeit. Dem Papst dabei Verzögerung, Verschleppung oder mangelndem Einsatz vorzuwerfen, wenn sich nicht im Handumdrehen alles ändert, verkennt die Realität.

Im Umgang mit sexuellem Missbrauch hat der Papst gewiss auch Fehler gemacht. Das hat er selbst eingestanden. Aber dass er nicht hart genug durchgreifen würde, kann man ihm nicht vorwerfen.

Ein mit Pflastern zugeklebter Kindermund.

Der Kampf gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche schreitet voran. Aber geht es wirklich um die Opfer, oder werden manchmal noch immer die Täter geschützt?

Von Thomas Jansen

Contra: Das Amt des Bischofs ist unantastbar

Vieles hat sich seit dem für die katholische Kirche so verheerenden Jahr 2010 getan. Es gibt eine eigene Kinderschutzkommission im Vatikan, Missbrauchsbeauftragte in den Bischofskonferenzen, Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch, Präventionsmaßnahmen und vieles mehr. Und diese Bemühungen zeigen erste Konsequenzen: Opfer werden angehört; Priester, die sich an Kindern vergangen haben, werden nicht wie früher einfach "strafversetzt", sondern angezeigt und laisiert.

Doch leider werden all die Vorgaben des Vatikan in der Weltkirche unterschiedlich schnell und unterschiedlich effektiv umgesetzt. Sanktionen aus Rom gibt es quasi nicht. Darüber hinaus ist es auch Papst Franziskus nicht gelungen, seiner Kirche einzuimpfen, worum es beim Thema Missbrauch wirklich geht: dass der Schutz des Opfers immer und ausnahmslos vor dem Schutz der Institution Kirche gegenüber vermeintlichen Angriffen von außen steht.

Eines der größten Probleme ist die noch immer gängige Überhöhung des Weiheamtes in großen Teilen der Kirche. Zwar gab es mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine Aufwertung der Laien durch den Begriff des "allgemeinen Priestertum aller Gläubigen". Aber sind wir mal ehrlich: In den Köpfen der meisten Menschen, gerade der Fernstehenden, sind die Priester und Bischöfe noch immer "die Kirche". So ist es nicht verwunderlich, dass es der Kirche leichter fällt, etwa den Betreuer eines katholischen Kindergartens zu entlassen als ihr geweihtes Personal. Denn auch wenn das Verbrechen das gleiche ist, ist der "Imageschaden" vermeintlich viel geringer.

Gerade die höchste Weihestufe – das Bischofsamt – macht den Inhaber auch heute noch nahezu unantastbar. Die Bischöfe sind es, die für die Umsetzung der Leitlinien zu sorgen haben. Sie sind es, die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs ernstnehmen, verfolgen und letztlich zur Anzeige bringen müssen. Doch sie tun es in vielen Fällen auch heute noch widerwillig, zu spät und erst auf Druck der Öffentlichkeit. Zur Rechenschaft gezogen werden sie dafür nur selten.

Deutlich wurde das an den Missbrauchsfällen in Chile. Zwar tut Franziskus nun öffentlichkeitswirksam sein Bestes, um den Skandal zu bekämpfen und kündigte ein hartes Durchgreifen an. Doch auch der Papst reagierte noch zu Jahresbeginn bei seinem Besuch in Chile reflexartig und nannte die Vorwürfe gegen einen der beschuldigten Bischöfe "Verleumdung". Schade. Auch hier stand der Opferschutz nicht an erster Stelle.

Und ja: Der Papst greift trotz eines deutlichen Schreibens an die Bischöfe noch immer nicht hart genug durch. Dass die Oberhirten Chiles nun offiziell ihren Rücktritt anbieten dürfen, mag eine noble Geste von Franziskus sein. So können sie ihr Gesicht wahren. Doch ein klares Zeichen sieht anders aus. Mit der Veröffentlichung seines Motu proprios "Wie eine liebende Mutter" vor zwei Jahren regelte der Papst eigentlich die Absetzung von Bischöfen, die den sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche vertuschen, verschweigen oder nicht angemessen reagieren. In Chile oder beim jüngsten Schuldspruch gegen den australischen Erzbischof Philip Wilson hätte es angewendet werden können. Wurde es aber nicht. Denn das Amt des Bischofs ist unantastbar.

Von Björn Odendahl