Heldinnen des Alltags
Bild: © KNA
Die Grenzen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Heldinnen des Alltags

Viele Familien, vor allem die Mütter, bekommen im Alltag die Grenzen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu spüren. Drei Beispiele aus dem Rhein-Main-Gebiet.

Rhein-Main-Gebiet - 08.03.2013

Jasmin Bordasch ist Hausfrau und dreifache Mutter. In den Beruf zurückzukehren, war für sie bislang nicht machbar: "Ich habe das schon gewollt, aber das ist überhaupt nicht möglich gewesen", schildert sie ihre Schwierigkeiten. Der Hauptgrund, warum die gelernte Kinderkrankenschwester nicht berufstätig ist, ist Neele: Ihre einzige Tochter ist schwer mehrfach behindert und wird ihr Leben lang auf Pflege und Hilfe angewiesen sein. Die Siebenjährige ist auf dem Stand eines Kleinkindes.

Ein bisschen Nestschutz

Schon nach der Geburt ihres ältesten Sohnes Finn legte Bordasch eine berufliche Pause ein. "Ein bisschen Nestschutz wollte ich meinen Kindern schon gewährleisten", begründet sie diesen Entschluss. Zwei Jahre später kam Neele zur Welt. "Wir haben gedacht, wenn Neele in den Kindergarten geht, geht es nochmal", erinnert sich die 36-Jährige. "Kinderkrankenschwester auf der Intensivstation - das ist mein Traumjob", erzählt sie. Doch ein ums andere Mal zerschlugen sich Bordaschs Hoffnungen auf beruflichen Wiedereinstieg.

Im Kindergarten beispielsweise waren für ihre Tochter nicht mehr als 15 Stunden Betreuung in der Woche drin. Ihr Mann, der als Ingenieur bei Opel in Rüsselsheim arbeitet, kann sie kaum entlasten. Nachbarn und Babysitter kommen selten bis gar nicht als Betreuung in Frage. Und auch auf Hilfe von den Großeltern kann die Familie nur selten bauen.

Die Frage, was ich den ganzen Vormittag mache, wenn die Kinder weg sind, finde ich ganz schön anmaßend.

Zitat: Jasmin Bordasch, Hausfrau und Mutter dreier Kinder

Mittlerweile besucht Neele eine Förderschule. Die Familie hat Aussicht auf eine Betreuung bis 15 Uhr. Vielleicht ist dann noch einmal Berufsarbeit möglich, erhofft sich die Kinderkrankenschwester. Die 36-Jährige wünscht sich ganz schlicht und ergreifend bessere Betreuungsmöglichkeiten. "Aber dafür ist wahrscheinlich kein Geld da", sagt sie.

"Genervt, weil andere Leute es einfacher haben"

Manches Mal sei sie "traurig oder genervt, weil andere Leute es so viel einfacher haben", räumt die dreifache Mutter ein. "Aber es ist, wie es ist", fügt sie hinzu und unterstreicht: "Uns geht es gut, wir können zufrieden sein." Wer sie mit ihren Kindern spielen sieht, bekommt den Eindruck, dass sie in ihrer Mutterrolle aufgeht. Sie gewinnt ihrer aktuellen Situation auch selbst viel Positives ab. Neele in ein Heim zu geben, damit sie wieder arbeiten kann, käme für sie auf absehbare Zeit überhaupt nicht in Frage.

Bordasch ärgert sich über eine fehlende gesellschaftliche Akzeptanz von Behinderung einerseits und ihrer Tätigkeit als Hausfrau und Mutter andererseits. Fragen, was sie denn den ganzen Vormittag mache, wenn die Kinder weg sind, findet sie deshalb "ganz schön anmaßend". Auch ohne Berufstätigkeit bleibt kaum Zeit für sie selbst. Zu ihrem einzigen Hobby, dem Nähen, kommt Bordasch nach eigenem Bekunden nur abends. Und Gespräche mit Kollegen über andere Themen als Kindererziehung vermisst sie auch.

Die Mutter liest abends eine Geschichte vor. Als der ältere Sohn Finn nach Hause kommt, ist die Familie komplett
Bild: © KNA

Svenja Föhrenbach-Adel arbeitet halbtags als Ärztin und teilt sich die Hausarbeit mit ihrem Mann Matthias.

Ärztin in Teilzeit

Svenja Föhrenbach-Adel ist ebenfalls Mutter von drei Kindern und als Ärztin in einer chirurgischen Praxis in Wiesbaden-Biebrich angestellt. 20 Stunden pro Woche, verteilt auf drei Tage, arbeitet die 42-Jährige dort. Donnerstags, wenn sie zehn Stunden arbeitet, kümmert sich Ehemann Matthias Adel um Finn, Luk und Tessa. Der 45-Jährige hat eine PR-Agentur in Frankfurt am Main und kann es sich einrichten, donnerstags spätestens ab 15 Uhr für die beiden Söhne sowie die Tochter dazusein.

"Unser System ist ganz gut, ich kann mich nicht beschweren", sagt Föhrenbach-Adel. Zu diesem System gehören auch die Großmütter. "Die Omas springen hin und wieder ein", erzählt die 42-Jährige. Dafür nehmen sie nicht nur lange Fahrten in Kauf, sondern auch, sich bei der Betreuung von kranken Kindern anzustecken. "Da haben wir immer ein schlechtes Gewissen", räumt Föhrenbach-Adel ein.

Ihre Kollegen zeigten zwar grundsätzlich Verständnis für krankheitsbedingtes Abmelden, "aber ich fehle selten", unterstreicht die dreifache Mutter. Auf durchschnittlich zwei Tage pro Jahr schätzt sie ihre Fehlzeiten in der Praxis. "Wenn es deutlich mehr wäre, wäre es nicht mehr akzeptiert", ist sie sicher. Und: "Es herrscht mehr Verständnis, wenn die Kinder krank sind, als wenn ich selber ausfalle."

Einmal pro Woche kommt eine Putzfrau zu ihnen ins Haus, erzählt die Chirurgin weiter. Montags vormittags geht sie für eine Stunde Tennis spielen. Die restliche Zeit ohne berufliche Verpflichtungen geht im Wesentlichen für den Haushalt drauf. "Alles, was ich an diesen zwei Tagen nicht schaffe, bleibt liegen", sagt sie.

Im Beruf bemerkt die Ärztin ihre Grenzen: "Ich kann keine Überstunden machen", sagt sie. Außerdem träumt Föhrenbach-Adel von einer Facharztausbildung zur Handchirurgin. Das würde drei Jahre Vollzeitarbeit im Krankenhaus bedeuten. "Das geht halt nicht."

Bild: © KNA

Bärbel Grün hat einen Vollzeit-Job als Abteilungsleiterin bei der Commerzbank in Frankfurt am Main.

Vier Kinder und Vollzeit-Job

Vier Kinder im Alter zwischen zwei und 21 Jahren, dazu einen Vollzeit-Job: Bärbel Grün macht das und sagt von sich: "Ich bin rundherum glücklich mit Beruf und Familie." Die 46- Jährige ist Abteilungsleiterin bei der Commerzbank in Frankfurt am Main. Ihre Lebensweise empfindet sie "als gar nichts Besonderes. Ich würde nicht tauschen wollen."

Die Bankfachwirtin nennt mehrere Gründe für ihre Berufstätigkeit: "Ich wäre nicht gut zu Hause aufgehoben." Deshalb habe sie spätestens ein Dreivierteljahr nach jeder Geburt wieder angefangen zu arbeiten. Außerdem könne sie ihren Job "nur von Montag bis Freitag ausüben, mein Mann als freiberuflicher Arzt auch an anderen Tagen".

Bei ihnen erledige jeder das, was gerade anliege. "Die Einkäufe macht mein Mann, das kann er auch viel besser als ich", sagt Grün. Der älteste Sohn, der schon studiert, aber noch zu Hause wohnt, springt schon mal ein. Grün vergleicht ihre Familie mit einem Logistik- Unternehmen: "Wer macht was, wer muss wann wo sein?" Zum Saubermachen kommt eine Aushilfe, "diese Hilfe gönnen wir uns". Damit im Alltag alles funktioniert, seien "viele Absprachen und eine gute Beziehung" wichtige Voraussetzung.

Voll des Lobes ist die vierfache Mutter für ihren Arbeitgeber: "Die Bank hilft sehr stark, zum Beispiel durch die Kita, in der die Commerzbank Plätze gemietet hat." Dort weiß sie ihren Nachwuchs gut aufhoben: "Das Personal ist so liebevoll!", schwärmt sie. Nach eigener Darstellung hat Grün "noch nie Probleme gehabt, weil ein Kind krank war und ich deshalb nicht ins Büro kommen konnte".

Leerlauf gibt es in Grüns Leben trotzdem nur in Ausnahmefällen: "Im Urlaub hatte ich mal Freiräume für mich, davon zehre ich immer noch", erzählt sie. "Das war eine positive Langeweile, die war toll."

Von Susanne Rochholz (KNA-Bild)