"Hier macht es Freude, Christ zu sein"
Diözesanadministrator Ansgar Thim über die Bischofsweihe von Stefan Heße

"Hier macht es Freude, Christ zu sein"

Am Samstag wird Stefan Heße neuer Erzbischof von Hamburg. Seit Wochen laufen die Vorbereitungen in Deutschlands flächenmäßig größtem Bistum deswegen auf Hochtouren. Für Domkapitular Ansgar Thim sind diese Tage ebenfalls etwas Besonderes: Denn mit der Amtseinführung von Stefan Heße gibt er sein Amt als Diözesanadministrator ab. Im Interview mit katholisch.de formuliert seine Erwartungen an den neuen Erzbischof und erklärt, welche Herausforderungen an der Waterkant warten.

Bonn - 12.03.2015

Frage: Herr Domkapitular, am Samstag wird Stefan Heße zum neuen Erzbischof von Hamburg geweiht. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Amtseinführung?

Ansgar Thim: Die Stimmung ist sehr gespannt in einem guten Sinn. Wir sind froh, dass die Zeit der Vakanz mit rund einem Jahr nicht zu lang war. Nach meiner Erfahrung als Diözesanadministrator sollte eine Vakanz nicht länger als ein Jahr dauern, weil doch viele Entscheidungen anstehen, die nur ein Bischof treffen kann. Auf Samstag bereiten wir uns nun schon seit Wochen intensiv vor. Immerhin wird es zum ersten Mal eine Bischofsweihe im Hamburger Dom geben.

Frage: Wie wirkt sich denn die zusätzliche Bischofsweihe auf die Vorbereitungen aus?

Thim: Es ist schon eine Besonderheit, dass wir zwei liturgische Großereignisse – die Bischofsweihe und die Amtseinführung – in einem Gottesdienst haben. Das sorgt auch für Herausforderungen: Die Liveübertragung, die ja auch bei katholisch.de zu sehen sein wird, ist auf zwei Stunden begrenzt, sodass wir das gut organisieren müssen.

Erstes Pressegespräch mit dem designierten Erzbischof Stefan Heße. Quelle: Erzbistum Hamburg

Frage: Wo hält sich der designierte Erzbischof denn derzeit auf?

Thim: Stefan Heße ist im Moment zu seinen Weiheexerzitien in einem Kloster zu Gast und wird dort bei seiner Vorbereitung auf die künftigen Aufgaben begleitet.

Frage: Wie sieht diese Vorbereitung konkret aus?

Thim: Es ist eine besondere Berufung vom bisherigen Dienst als Generalvikar in Köln nun in das Bischofsamt zu wechseln. Auf die Aufgabe an der Spitze eines Bistums und auf die Herausforderungen, die gerade hier im Norden auf uns warten, muss man sich innerlich gut vorbereiten und einstellen. Darum sind Besinnung und Gebet wichtig, die Reflexion des bisherigen Weges und die Bitte um den Heiligen Geist für die Zukunft.

Frage: Welche Erwartungen haben Sie an Ihren künftigen Erzbischof?

Thim: Ich hoffe, dass er ein guter und menschenfreundlicher Bischof sein kann. Dass er seine Verantwortung wahrnehmen kann, dass er viele Menschen hier im Erzbistum Hamburg hat, die ihn begleiten werden und hinter ihm stehen und dass er als jüngster Bischof in Deutschland auch zukunftsweisende Wege für unsere Kirche aufzeigt. Ich hoffe auch, dass er sich nicht nur mit kirchennahen Menschen trifft, sondern auch mit denen, die, gerade hier in Hamburg, in einer säkularisierten Gesellschaft leben. Dass er da einen gemeinsamen Weg findet, wie die Kirche in dieser Gesellschaft ihrer Aufgabe gerecht werden kann.

Es war schön zu erleben, dass Kirche nicht allein vom Bischof oder einem Diözesanadministrator her lebt.

Zitat: Domkapitular Ansgar Thim

Frage: Was sind die größten Herausforderungen, die im Erzbistum Hamburg auf Stefan Heße warten?

Thim: Die wohl größte Herausforderung ist, dass wir flächenmäßig das größte Bistum in Deutschland sind. Dabei haben wir aber sehr unterschiedliche Regionen: Mecklenburg in Ostdeutschland, Schleswig-Holstein und die große Metropole Hamburg. Die jeweiligen Katholikenzahlen und Strukturen sind dort sehr unterschiedlich. Außerdem stehen große Veränderungen bei den pastoralen Räumen an. Dafür braucht es neue Konzepte, damit die Menschen ihren Glauben vor Ort leben können. Es wird sehr wichtig sein, dass der Erzbischof diesen Weg mitgestaltet und Visionen für die Zukunft der Kirche mit Blick auf die immer weniger werdenden Christen im Norden entwickelt.

Frage: Sie selbst standen knapp ein Jahr als Diözesanadministrator an der Spitze der Erzdiözese. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Thim: Ich war zunächst sehr erstaunt über meine Wahl, aber auch sehr dankbar für das Vertrauen. In der Zeit der Vakanz habe ich gespürt, dass es eine besondere Aufgabe ist, ein Bistum zu leiten und die Fäden in der Hand zu halten. Es war schön zu erleben, dass Kirche nicht allein vom Bischof oder einem Diözesanadministrator her lebt, sondern dass in den vielfältigen Gemeinden und Institutionen Kirche von den Menschen getragen und gestaltet wird, die als Christen unterwegs sind. Das konnte ich dem neuen Erzbischof auch schon sagen: Hier macht es Freude, Christ zu sein und Verantwortung zu haben für eine Kirche.

Frage: Ein Diözesanadministrator hat nicht die gleiche Handlungsvollmacht wie ein Bischof. Welche Projekte konnten Sie in dieser Zeit trotzdem angehen?

Thim: Ich habe von Anfang an gesagt: Kirche lebt weiter. Es braucht auch Entscheidungen; zumindest solche, die einen künftigen Bischof nicht in Gänze binden. Am Anfang hatten wir eine schwierige Phase mit der Insolvenz einer Caritas GmbH, was wir aber gut hinbekommen haben. Ganz besonders war die Entscheidung, dass wir uns als katholische Kirche gemeinsam mit der evangelischen Kirche, der jüdischen Gemeinde und dem Rat der islamischen Gemeinschaften in Schleswig-Holstein mit einer Initiative für einen Gottesbezug in der Verfassung einsetzen. Das ist sicherlich ein Thema, das unser Bistum, aber auch besonders Schleswig-Holstein begleiten wird.

Frage: Das Landesparlament hatte den Gottesbezug für die Verfassung abgelehnt. Wie hoch schätzen Sie die Chancen auf einen Erfolg Ihrer Unterschriftenaktion für einen Gottesbezug ein?

Thim: Sehr hoch. Wir brauchen für den ersten Schritt 20.000 Unterschriften. Mit allen Religionsgemeinschaften hier in Schleswig-Holstein sollte es kein Problem sein, diese Unterschriften zu bekommen. Es geht mir aber nicht nur darum, dass wir hier Unterschriften sammeln. Für mich stehen immer wieder die Fragen im Raum: Wer ist Gott? Wer ist Gott in unserer Gesellschaft? Wird weiterhin eine Instanz anerkannt, die göttlich ist oder ziehen wir uns immer mehr auf unsere menschliche Ebene zurück? Dagegen müssen wir als Kirchen aufstehen: Wir sind immer einer höheren Autorität verpflichtet. Von dieser gemeinsamen Aktion über Religionsgrenzen hinweg kann außerdem ein Signal für ganz Deutschland ausgehen: Dass wir uns gerade in Zeiten, in denen wir schwierige politische Diskussionen führen, in der Gottesfrage sehr einig sind: Eben dass es einen Gott gibt.

Frage: In diesen Wochen wird viel über die christliche Tradition Deutschlands diskutiert. Wie passt da die Ablehnung eines Gottesbezugs in der Verfassung dazu?

Thim: Da stecken viele Facetten dahinter. Es gibt durchaus überzeugte christliche Abgeordnete, die bewusst gegen den Gottesbezug gestimmt haben. In der Sorge, er könnte andere, die nicht glauben, irgendwie beeinflussen. Es geht aber nicht um einzelne, sondern um ein politisches System, dass sich auf christliche Grundwerte aufbaut. Auch jemand, der kein Christ oder überhaupt nicht gläubig ist, kann einem Gottesbezug zustimmen, weil er durch die Geschichte weiß, dass es wichtig ist, dass sich der Mensch immer einer höheren Autorität verpflichtet weiß. Es geht um eine Autorität, die nicht auf der Ebene des Menschen ist. Wir hoffen, dass wir mit unserer Initiative deutlich machen können, was da eigentlich abgelehnt wurde. Da geht es um einen Gott, an den wir glauben und dem wir uns verpflichtet wissen.

Das Interview führte Sophia Michalzik