Ein älterer Mann hält in einer Hand einen Blumenstrauß und umarmt seine ebenfalls ältere Verlobte. Sie posieren für ein Foto.
Erfahrungen aus einer konfessionsverschiedenen Ehe

"Ich durfte nicht mehr Pfarrer werden"

Er ist Protestant, sie Katholikin. Beide sind seit mehr als 30 Jahren miteinander verheiratet. Wie Jörg und Beate Beyer damit umgehen und wo sie in den Gottesdienst gehen, haben sie katholisch.de erzählt.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 15.11.2017

Jörg (59) und Beate Beyer (57) leben in einer konfessionsverschiedenen Ehe. Gemeinsam haben sie drei Kinder. Welche Brüche sie in ihrer Biografie aufgrund ihrer Konfessionszugehörigkeit erfahren haben und welchen konkreten Wunsch sie an Papst Franziskus richten, erzählen sie im Interview mit katholisch.de.

Frage: Welche Brüche in der Biografie meinen Sie?

Jörg Beyer: Meine Frau und ich sind eine Schülerliebe. Nach dem Abitur haben wir beide unser Studium begonnen: Sie in Freiburg in katholischer Religionspädagogik und ich in Tübingen in evangelischer Theologie. Seit damals sind wir gemeinsam in der Ökumene aktiv. Als wir 1982 heiraten wollten, wurden wir von den Ausbildungsleitern gefragt, ob wir wissen, was wir tun. Weil ich eine katholische Religionspädagogin heiraten wollte, durfte ich nicht mehr evangelischer Pfarrer werden. So war das damals insbesondere wegen der Taufe der Kinder geregelt. Das Studium der evangelischen Theologie hat mich also nicht in das Pfarrhaus geführt, sondern in Journalismus und Unternehmensberatung. Ich musste komplett umschulen. Das war eine schmerzhafte Erfahrung für uns beide.

Frage: Hätten Sie lieber Gottesdienste gefeiert statt Unternehmen beraten?

Jörg Beyer: Damals sicher. Heute kann ich aber beides machen und gemeinsam mit meiner Frau in unserer Praxis für Psychotherapie arbeiten. Als Prädikant halte ich ehrenamtlich Gottesdienste in meiner evangelischen Gemeinde in Tübingen und weit darüber hinaus. Das geht, einschließlich Taufe und Abendmahl. Meine Frau hält im Auftrag der katholischen Gemeinde ökumenische Gottesdienste. Und wir haben auch schon gemeinsam Gottesdienste geleitet: Sie für die katholische, ich für die evangelische Gemeinde.

Frage: Gehen Sie sonntags getrennt in den Gottesdienst?

Beate Beyer: Nein, seitdem wir uns kennen, besuchen wir einen Gottesdienst gemeinsam, entweder den evangelischen oder den katholischen. Immer im Wechsel, aber zusammen sofern nicht einer von uns in einem Gottesdienst Aufgaben hat. Das ist uns wichtig.

Frage: Gehen Sie dann auch gemeinsam zur Kommunion beziehungsweise zum Abendmahl?

Beate Beyer: Ja. Ich kann das offen sagen, weil unsere Ortspfarrer und sogar der Bischof darüber Bescheid wissen. Wir leben die Ökumene nach innen und nach außen. Wir wollen damit auch anderen zeigen, dass es gehen kann.

Jörg Beyer (59) und Beate Beyer (57) leben in Tübingen. Sie sprechen lieber von einer konfessionsverbindenden statt einer konfessionsverschiedenen Ehe.

Frage: Haben Sie kein schlechtes Gewissen?

Beate Beyer: Nein, warum denn? Alles, was wir tun ist abgesprochen und wir fühlen uns von unseren Kirchengemeinden dabei getragen. Außerdem sind wir nicht die einzigen, die die Ökumene als Ehepaar so leben. Wir sind im Netzwerk "Ökumene Konfessionsverbindende Paare und Familien in Deutschland" engagiert und haben etliche, die uns den Rücken stärken, weil sie es genauso machen.

Frage: Können Sie, Herr Beyer, als evangelischer Christ, zum katholischen Hochgebet Ja und Amen sagen?

Jörg Beyer: Ja, bis auf die Funktion des Papstes. Ich sage Ja zu Papst Franziskus als Bischof von Rom, aber das sakramentale Verständnis seines Amtes kann ich nicht nachvollziehen. Alle anderen Inhalte im Hochgebet finde ich gut und nachvollziehbar. Warum sollte ich nicht an die Realpräsenz Christi glauben? Als Lutheraner finde ich allerdings die Aufbewahrung der Hostie im Tabernakel und die Verehrung des Allerheiligsten an Fronleichnam irritierend.

Frage: Wie finden Sie Papst Franziskus?

Jörg Beyer: Papst Franziskus schafft für vieles Raum, was wir seit 35 Jahren als Ehepaar leben. Ich empfinde seine ökumenische Offenheit als große Erleichterung. Viele evangelische Christen sehen das genauso und erkennen die Brücken, die er zwischen den Konfessionen baut. Ich glaube, dass sich noch einiges in den ökumenischen Streitfragen tun wird und er als Papst darin eine entscheidende Rolle spielen kann. Ich wünschte, er könnte die beiden getrennten Kirchen noch mehr zusammenbringen und er bekäme weniger Gegenwind aus den eigenen Reihen.

Frage: Die beiden christlichen Kirchen sind getrennt, empfinden Sie das auch so?

Jörg Beyer: Ja, denn so lange die Christen sonntags in zwei Richtungen zum Gebet laufen, läuft etwas schief. Jeder versucht für sich zu klären, wo die gemeinsame Richtung ist. So kann es nicht gehen. Ich denke, das Ziel müsste ganz klar die versöhnte Verschiedenheit unter einem Dach sein. Das habe ich bei einem Treffen in Leipzig auf dem Katholikentag mit Erzbischof Heiner Koch gesagt. Ich finde, jede Konfession wurstelt so vor sich hin. Seit 500 Jahre sind die beiden christlichen Konfessionen nicht nur theologisch getrennt, sondern auch in den Traditionen so unterschiedlich, dass sich keiner mehr auskennt. 

Historischer ökumenischer Gottesdienst im schwedischen Lund am 31.10.2016: Papst Franziskus umarmt die Schwedische Erzbischöfin Antje Jackelen (rechts im Bild) und Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes (LWB), umarmt den LWB-Präsidenten Bischof Munib A. Younan. Katholiken und Lutheraner unterzeichneten hier die Erklärung "Vom Konflikt zur Gemeinschaft – Gemeinsam in der Hoffnung".

Frage: Wie leben Sie die Ökumene bei sich zu Hause mit Ihren Kindern?

Beate Beyer: Wir haben drei erwachsene Söhne, die jeweils in einem ökumenischen Gottesdienst katholisch getauft wurden. Sie sind aber in beiden Konfessionen groß geworden. Uns wurde immer gesagt, dass wir unsere Kinder durcheinander bringen würden, wenn wir zu Hause unterschiedliche Glaubenstraditionen leben. Aber das stimmt nicht. Kinder können wunderbar damit umgehen. Nur ein Beispiel: Ich betete mit meinen Kindern abends ein kindgemäßes Nachtgebet. Mein Mann fand den Abendsegen von Martin Luther schöner. So hat es jeder auf seine Weise gemacht. Als unsere Kinder größer wurden, haben sie abends immer gebettelt: "Papa, Luther beten." Kinder finden selber heraus, was ihnen gut tut. Unsere Kinder sind in beiden Kirchengemeinden groß geworden, der eine Sohn war mehr in der katholischen Verbandsarbeit engagiert und der andere stärker in der evangelischen Kinderkirche, der dritte hat öfter in der evangelischen Kirche die Schriftlesung gemacht. Ministranten waren sie alle drei. In ihrer Kindheit verbrachten wir oft in unserem Urlaub gemeinsam eine Woche in Taizé. Dort fragt niemand nach unserer Konfession. Ökumene erleben wir dort mehr als ehrliches Miteinander und nicht nur als freundliches Nebeneinander. Diese ökumenische Gebetsgemeinschaft ist für mich wie ein Auftanken im Alltag.

Frage: Hätten nicht auch einer von Ihnen beiden konvertieren können?

Beate Beyer: Klar, haben wir das auch überlegt. Aber wir hätten damit unsere Wurzeln abgeschnitten und das wollten wir nicht. Ich finde, durch meinen evangelischen Ehemann bin ich sogar noch katholischer geworden als zuvor. Denn wenn zwei Katholiken in den Gottesdienst gehen, ist vieles selbstverständlich. Aber wenn der Partner evangelisch ist, hinterfragt man mehr und entdeckt manche Glaubensinhalte ganz neu.

Frage: Wenn Sie sich etwas wünschen könnten von Papst Franziskus, was wäre das?

Jörg Beyer: Ich wünsche mir nichts sehnlicher als die Einheit unserer Konfessionen. Nicht als Selbstzweck, sondern als Zeugnis des Glaubens in unserer Welt. Mich ermutigen die vielen kleinen Schritte, die Papst Franziskus setzt, aber es geht noch mehr. Auch das Kirchenrecht bietet noch mehr Möglichkeiten, als bislang genutzt werden. Wenn man auf einzelne Ortskirchen schaut, wird in der Praxis schon viel ausprobiert, was auch für andere ein Vorbild sein könnte. Als Familie sind wir wie ein ökumenisches Kleinsystem, dass im Alltag funktioniert. Warum nicht daran anknüpfen? Ich finde auch, man sollte mehr mit uns als über uns sprechen.

Von Madeleine Spendier

Dossier: Was verbindet? Was trennt?

Ein Haus mit vielen Wohnungen: So lässt sich - vereinfacht - die Ökumene beschreiben. Das Haus, das viele Kirchen und Gemeinschaften beherbergt, umspannt die ganze Welt. Die Familien in diesem Gebäude sind Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Kopten, Altkatholiken, Anglikaner und Freikirchler.