Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg
Bild: © Warner
Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" kommt in die Kinos

Im tiefen Loch des Banalen

Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" bewegte viele Menschen dazu, sich ebenfalls auf den Weg nach Santiago de Compostela zu machen. Ob der neue Film zum Buch dasselbe Potential hat, ist mehr als fraglich. Am Donnerstag kommt der Film in die Kinos.

Von Horst Peter Koll |  Bonn - 23.12.2015

Hape Kerkelings gleichnamiges Buch über seine Erlebnisse und Erfahrungen während seiner Pilgerreise auf dem Jakobsweg war ab 2006 eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. Zwei Jahre lang belegte es die Sachbuch-Hitliste – wohl in Ermangelung einer passenderen Kategorie, denn Kerkeling ging weder sachlich noch gar dokumentarisch mit seiner Reise um. Er beobachtete vielmehr betont persönlich, mal launig, mal nachdenklich, in jedem Fall aber sehr unterhaltsam das mehr touristisch als religiös geprägte Treiben um ihn herum. Um explizit christliche Pilger machte der seinerzeit ausgebrannte und erschöpfte Entertainer ohnehin einen Bogen, weil er sie nicht als lernfähig erachtete: Sie würden als "die gleichen Menschen die Reise beenden, als die sie sie begonnen haben".

Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg
Bild: © Warner

Der Bestseller des bekannten Komikers kommt auf die Leinwand. Devid Striesow spielt Hape Kerkeling.

Viel lieber beobachtete er die Sonderlinge wie auch das Besondere in den Details, die auf seinem Weg lagen und in denen sich seine eigene Befindlichkeit, seine Orientierungs- und Ratlosigkeit spiegelten. In Kerkelings sanften, betont "menschlichen" Betrachtungen über (Sinn-)Suche und Toleranz konnten sich Millionen von Menschen wiederfinden; sie lösten sogar einen angeblich messbaren "Kerkeling-Effekt" aus – das liebenswürdige Reisetagebuch soll zahlreiche Deutsche auf den Weg nach Santiago de Compostela geführt haben.

Wie aber lässt sich ein solch "luftiger" Stoff für die große Leinwand verfilmen? Vor allem, so lautete wohl die kategorische Strategie, sehr, sehr niederschwellig, damit sich auch ja keiner durch eine vom Buch abweichende visuelle oder narrative Eigenständigkeit düpiert fühlen könnte. Was im Endeffekt vor allem nur zu einem führte: zu einem gänzlich überflüssigen Kinofilm, der rein gar nichts zu erzählen hat, das Buch zwanghaft dekorativ bebildert und sich weder visuell noch thematisch irgendetwas Eigenes zutraut.

Existenzielle Fragen nach Gott oder der eigenen Existenz, die, in welcher Weise auch immer, auf einen Urgrund oder auf religiöse Empfindungen zurückverweisen, formulieren sich im Rahmen koketter Bonmots und launiger Kalenderweisheiten, die stets haarscharf neben der von Kerkeling beabsichtigten Liebenswürdigkeit aufschlagen und ins tiefe Loch des Banalen stürzen. Die weiten Landschaften des Pilgerwegs werden von der Kamera stoisch links liegen gelassen, die Unbequemlichkeiten der "Massenabfertigung" geraten zu episodischen Aperçus, die Schicksale der Mitwanderer, besonders der am frühen Krebstod ihrer Tochter leidenden Stella, reichen für peinlich oberflächliche Rührseligkeiten, wie man sie aus "Traumschiff"-Fernsehserien kennt.

Dessen Publikum hat man wohl als Zielgruppe auserkoren, und spielt deshalb ebenso konsequent wie schamlos auf der Klaviatur kunstgewerblicher Nichtigkeiten, die nichts bewirken, außer dass sie Lebenszeit rauben. Bewundernswert ist allein die stoische Ergebenheit von Devid Striesow als Hape Kerkeling, der sich aus künstlichen Fettpolstern und wirrem Zottelbart "herauswandert" und mitunter verblüffend präzise Kerkelings Tonfalls trifft, ohne dabei unangenehm als deckungsgleiche Kopie aufzufallen. Allein Striesow hat der Film einen gewissen Charme zu verdanken – aber auch die Erkenntnis, wie sehr seine großartigen mimischen Talente in einer erschreckend zahnlosen Kommerzproduktion verbrannt werden, die das Wort "Kinofilm" nicht verdient.

Stellungnahme der Filmkommission

Im Jahr 2001 wanderte der Entertainer und Komiker Hape Kerkerling über den Jakobsweg Richtung Santiago de Compostella, um Abstand zu sich und seinem aufreibenden Berufsleben zu gewinnen. Seine in einem Besteller verarbeiteten Erlebnisse und Erfahrungen greift der gleichnamige Film zwar auf, verfehlt aber in seiner dekorativen Bebilderung gerade den menschlich-sanften Ton der Vorlage. Mit launigen Kalenderweisheiten, oberflächlichen Rührseligkeiten und kunstgewerblichen Nichtigkeiten stürzt der zahnlose Film ins tiefe Loch des Banalen. - Ab 12.

Filmdienst

Die Filmkritik wurde katholisch.de vom Magazin "Filmdienst" zur Verfügung gestellt. Seit 1947 begleitet der Filmdienst wie kein anderes Magazin kritisch das Kinofilmgeschehen. Herausragende Porträts von Filmschaffenden stehen neben umfassenden Filmkritiken zu jeder Kinopremiere in Deutschland, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben Neuigkeiten aus der Filmwelt. Die Beilage "Film im Fernsehen" informiert über sehenswerte Filme im Fernsehen. Die Datenbank CinOmat ist ein beispielloses Nachschlagewerk, das mehr als 250.000 Filmschaffende mit fast 75.000 Filmen verknüpft. Der Filmdienst ist darüber hinaus Herausgeber des "Lexikons des Film", zeichnet neue DVD/Blu-ray-Veröffentlichungen mit dem "Silberling" aus und verleiht gemeinsam mit dem Bundesverband Kommunale Filmarbeit jährlich den "Caligari-Filmpreis".

Von Horst Peter Koll