Eine Frau verlässt die Kreuzkirche in Bonn.
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Anstieg der Austrittszahlen um 17 Prozent

In Großstädten verlassen immer mehr Menschen die Kirchen

Die Kirchenaustrittszahlen steigen: Besonders in den zehn größten deutschen Städten kehrten im vergangenen Jahr immer mehr Menschen der Institution den Rücken. In zwei Städten sind es sogar fast ein Viertel mehr als im Vorjahr.

Berlin - 20.02.2019

In den zehn größten deutschen Städten ist die Zahl der Kirchenaustritte laut Recherchen der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" (Donnerstag) deutlich gestiegen. Im vergangenen Jahr gab es demnach im Schnitt über alle befragten Großstädte hinweg 17 Prozent mehr Austritte aus der evangelischen und katholischen Kirche als 2017.

An der Spitze der Austritte aus katholischen und evangelischen Kirche stehen den Angaben zufolge Essen und Köln mit einer Steigerung von 24 Prozent. In Essen kehrten demnach 2.710 Christen ihren Kirchen den Rücken, 2017 waren es 2.182. In Köln stieg die Zahl der Austritte von 6.109 auf 7.572.

Auf den weiteren Plätzen folgen Berlin mit 21 Prozent mehr Austritten, Düsseldorf und Dortmund mit 20 beziehungsweise 17 Prozent, München und Hamburg mit 16 Prozent, sowie Leipzig und Stuttgart mit 14 Prozent. In Frankfurt gab es den Recherchen von "Christ & Welt" zufolge lediglich einen Anstieg um 6 Prozent.

Sternberg: "Erschütterung hat die Menschen erreicht"

Auf Anfrage der Wochenzeitung hatten Amtsgerichte und Rathäuser ihre Datenbanken ausgewertet. Weil man in Deutschland seinen Kirchenabschied nicht beim Pfarrer, sondern auf einem Amt erklären muss, sind die Behörden die erste Quelle für aktuelle Zahlen.

"Die Erschütterung hat die Menschen aus der Mitte unserer Gemeinde erreicht", sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg. "Das spürt doch gerade jeder Katholik in seinem eigenen Freundeskreis: Es geht nicht mehr nur um diejenigen, die sich schon von der Kirche entfernt haben." Finanzskandale und der Umgang mit den Missbrauchsfällen hätten auch in diesem Personenkreis zu einem enormen Vertrauensverlust geführt.

In der vergangenen Woche hatte der Bayerische Rundfunk gemeldet, dass in Bayern die Zahl der Kirchenaustritte stark gestiegen sei. 2018 hätten Standesämter in den sieben Regierungsbezirken im Schnitt etwa 25 Prozent mehr Austritte verzeichnet als im Vorjahr, hieß es mit Blick auf Recherchen in einwohnerstarken Städten. Auch in diesem Fall wurden die Konfessionen evangelisch und katholisch zusammen betrachtet. Ein ähnlicher Trend zeichnet sich im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordhrein-Westfalen ab.

Üblicherweise legen die beiden großen Kirche jeweils im Sommer eine statistische Gesamtübersicht vor. Von den rund 82,7 Millionen in Deutschland lebenden Menschen gehörten demnach im Jahr 2017 circa 57,6 Prozent einer christlichen Kirche an.

Die katholische Kirche zählte zu diesem Zeitpunkt rund 23,3 Millionen Mitglieder, was 28,2 Prozent der Gesamtbevölkerung entsprach. 2017 waren die Zahlen von ausgetretenen Katholiken um drei Prozent angestiegen, nachdem sie im Vorjahr um etwa zehn Prozent zurückgegangen waren. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bezifferte die Zahl ihrer Mitglieder in den 20 Landeskirchen auf 21,5 Millionen, was einem Anteil von etwa 26 Prozent entsprach. (rom/KNA)