"Jesus ist der Herr!"
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Franziskus spricht in Neapel gegen Mafia und Korruption

"Jesus ist der Herr!"

Mit deutlichen Worten hat sich Papst Franziskus am Samstagvormittag gegen soziale Missstände und das organisierte Verbrechen gewandt. In seiner Predigt bei einem Großgottesdienst in Neapel rief er die Angehörigen der Mafia zur Umkehr auf. Bei einer Rede in einem neapolitanischen Armenviertel sagte er, Arbeitslosigkeit raube Menschen ihre Würde. Franziskus besucht am Samstag bei einer Tagesreise Pompeji und Neapel.

Bonn/Neapel - 21.03.2015

Der Vormittag

"Reagiert entschlossen gegen die Organisationen, die Jugendliche, Arme und Schwache ausbeuten und korrumpieren durch den zynischen Handel mit Drogen und andere Verbrechen", sagte Franziskus am Samstag bei einer Messe im Stadtzentrum von Neapel. Er forderte dazu auf, nicht der Versuchung des schnellen, unehrlich erworbenen Geldes nachzugeben. "Liebe Neapolitaner, lasst euch nicht die Hoffnung rauben", so Franziskus.

An die Angehörigen der Mafia appellierte er, umzukehren und auf den Weg der Gerechtigkeit zurückzufinden. "Das fordern von euch auch die Tränen der Mütter Neapels", sagte Franziskus. Gott verzeihe alles, wenn Menschen den ehrlichen Willen zu einem ehrlichen Leben zeigten.

Immer wieder: "Jesus ist der Herr!"

Die italienische Hafenstadt stehe nicht nur für das organisierte Verbrechen, sondern für große menschliche, kulturelle und spirituelle Werte. Gemeinsam und vereint könnten die Bürger eine bessere Zukunft für ihre Stadt schaffen. Die Quelle dafür sei die christliche Botschaft. "Wenn wir jeden Tag das Wort Jesu in uns aufnehmen und leben, dann werden wir mit ihm auferstehen", so Franziskus. "Jesus ist der Herr", ließ er die Zehntausenden Teilnehmer auf der Piazza del Plebiscito mehrfach wiederholen.

Die Hoffnung, die Jesus verkörpere, richte sich besonders an die Menschen am Rand der Gesellschaft. Doch jeder einzelne Christ ist nach Franziskus' Worten dazu berufen, missionarisch zu wirken und die Gesellschaft mit der Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu erfüllen.

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Papst Franziskus bei seiner eintägigen Reise in die süditalienische Region Kalabrien, wo er die Mafia kritisiert hat. Unter wachsamen Augen von Polizeikräften spricht er in der Kleinstadt Castrovillari mit Gefängnisinsassen.

Mittagessen mit Häftlingen

Im Anschluss an die Messe besuchte der Papst die Strafanstalt "Giuseppe Salvia". Dabei kritisierte er die Zustände in italienischen Gefängnissen. Viel zu oft seien die Insassen unter unwürdigen Bedingungen eingesperrt, so Franziskus. Nach der Haft fehle es außerdem an Möglichkeiten, den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. Der Papst lobte in diesem Zusammenhang die Arbeit von Sozialarbeitern und Priestern, die Ex-Häftlingen dabei zur Seite stünden. An dieser Arbeit könne die ganze Gesellschaft wachsen.

Den Häftlingen sprach der Papst Mut zu. Gott verzeihe immer, wenn ein Mensch schlechte Taten aufrichtig bereue. Die Strafgefangenen lud er ein, ihr Leben auf Jesus auszurichten. Er spende Trost auch in den schwierigsten und traurigsten Lebensmomenten. Anschließend nahm der Papst gemeinsam mit Gefangenen das Mittagessen ein. Darunter waren auch mehrere Transsexuelle.

Arbeitslosigkeit raubt dem Menschen die Würde

Bei seinem eintägigen Besuch in Pompeji und Neapel hatte Franziskus bereits am Morgen einen emotionalen Appell gegen soziale Ungerechtigkeit und eine korrupte Gesellschaft gerichtet. Bei einer Rede vor zehntausenden Menschen im Armenviertel Scampia in Neapel sagte er, Arbeitslosigkeit raube den Menschen die Würde. Unterbezahlte Arbeit und Schwarzarbeit bezeichnete er darüber hinaus als Ausbeutung und "Sklaverei".

Franziskus wandte sich in der Camorra-Hochburg Scampia auch gegen das organisierte Verbrechen. "Wer freiwillig den Weg des Bösen geht, raubt ein Stück Hoffnung", sagte er. Solche Menschen betrügten die Ehrlichen und Fleißigen und das Gemeinwohl Neapels.

Energisch prangerte Franziskus die Korruption in der Gesellschaft an. "Die Korruption stinkt, eine korrupte Gesellschaft stinkt, und ein Christ, der die Korruption bei sich zulässt, ist kein Christ, er stinkt", so der Papst. Seine Rede beendete er mit der Aufforderung an die Zuhörer, die eigene Seele, die Stadt und die Gesellschaft von diesem Übel zu reinigen.

"Wir alle sind Migranten"

Vor der Rede hatten eine Migrantin aus den Philippinen, ein Arbeiter und der Präsident des Appellationsgerichtshofs von Neapel, Antonio Buonajuto, kurze Grußworte an den Papst gerichtet, auf die Franziskus einging. Besonders betonte er dabei das Recht von Migranten auf eine würdige Behandlung. Diese seien nicht Bürger zweiter Klasse. "Wir alle sind Migranten, wir sind alle auf dem Weg des Lebens".

Zu Beginn der Tagesreise war Franziskus im Hubschrauber zunächst in das rund 30 Kilometer südlich gelegene Marienheiligtum Pompeji geflogen und hatte in der dortigen Basilika vor dem Gnadenbild der "Maria vom Rosenkranz" gebetet. Die Muttergottes sei wie ein Abbild der Kirche, so Franziskus. "Hilf uns, eine Welt nach Deinem Herzen zu bauen." Anschließend flog er im Helikopter um den Vesuv nach Scampia.

Der Nachmittag

Am Nachmittag traf Papst Franziskus zunächst im Dom von Neapel den Klerus der Diözese. Beim Gebet vor der Blutreliquie des heiligen Januarius sagte er, Priester und Ordensleute müssten konsequent einem "Geist der Armut" folgen. Die Kirche leide unter zu vielen Geldskandalen. Unter Dienern der Kirche gebe es eine hässliche Geschäftemacherei. Armut bezeichnete Franziskus als Voraussetzung zur Seligkeit. Diese Armut beginne schon im Kleinen. "Ich bitte euch alle um eine Prüfung eures Gewissens: Wie klappt mein Leben mit der Armut?"

Franziskus wandte sich bei seiner Ansprache auch gegen negatives Reden über Mitgeistliche, etwa aus Neid und wegen innerer Konflikte in den Gemeinschaften. Darin zeige sich der Teufel, so der Papst. "Schwatzhaftigkeit" hindere daran, ein glaubwürdiges Zeugnis für Gott abzulegen. Wer über andere herziehe, sei wie ein Terrorist, der mit Bomben um sich werfe.

Bei der Verehrung der Blutreliquie durch den Papst kam es zum sogenannten "Blutwunder des Heiligen Januarius". Das Phänomen tritt ansonsten nur an drei festen Tagen des Jahres auf.

Kranke brauchen Trost und Unterstützung

Im Anschluss an die Begegnung mit dem Klerus traf Papst Franzisku in der Basilika "Gesù Nuovo" Kranke und medizinisches Personal. Zu den Medizinern sagte er, sie müssten im Umgang mit Kranken immer den ganzen Menschen sehen. Kranke bräuchten nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch Trost und seelische Unterstützung. Kranke, die solche Zuwendung erfahren, ziehen sich nach den Worten des Papstes weniger in sich zurück und sind ihrerseits in der Lage, anderen Menschen trotz ihres Schicksals Kraft zu geben.

Die Jugend darf nie die Hoffnung verlieren

Den Abschluss der Tagesreise bildete ein Treffen mit zehntausenden Jugendlichen, Familien und alten Menschen an der Uferpromenade Caracciolo. Die Jugendlichen der von Arbeitslosigkeit und Mafia-Kriminalität geprägten Region rief er auf, niemals die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verlieren und dabei auf Gott zu vertrauen. Er lasse die Menschen niemals im Stich. Zugleich müsse die Gesellschaft aber auch die Alten schätzen. Sie brächten wertvolle Lebensweisheit mit, auf die eine Gesellschaft angewiesen sei.

Abermals verurteilte Franziskus eine soziale "Wegwerfkultur", die Greise und Kinder entsorge und den Menschen zu wenig Perspektiven biete. Entlang der Küstenstraße jubelten dem Papst im offenen Papamobil rund 100.000 Menschen zu. Schließlich begab er sich zum Hubschrauber, der ihn zurück in den Vatikan brachte. (kim/KNA)

21.03.2015, 14:50 Uhr: Ergänzt um den Bericht vom Besuch des Papstes in der Strafanstalt.

22.03.2015, 11:15 Uhr: Ergänzt um den Bericht von den Begegnungen des Nachmittags.