Kirchenrichter droht mit Entzug des Kardinalstitels
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Nach Kritik der vier Kardinäle an "Amoris laetitia"

Kirchenrichter droht mit Entzug des Kardinalstitels

Vier Kardinäle hatten den Papst um Klärung gebeten: Wie geht man nach "Amoris laetitia" mit wiederverheirateten Geschiedenen um? Für den Dekan der Römischen Rota ist der offene Brief ein Skandal.

Madrid - 30.11.2016

Der Dekan der Römischen Rota, des zweithöchsten Kirchengerichts, droht den Kritikern des Papstschreibens "Amoris laetitia" mit einem möglichen Entzug des Kardinalstitels. "Was sie getan haben ist ein sehr schwerer Skandal", sagte Pio Vito Pinto laut dem spanischen Internetportal "Religion Digital" mit Blick auf die vier Kardinäle, die einen Brief mit Zweifeln an den Papst öffentlich gemacht hatten.

Die Kardinäle stellten mit ihren Fragen gleich zwei Bischofssynoden über Ehe und Familie infrage, so Pinto. Man dürfe die Aktion des Heiligen Geistes jedoch nicht anzweifeln. Zunächst zitierte das spanische Portal den Geistlichen mit den Worten, dies könne den Papst dazu bewegen, "ihnen den Kardinalshut zu entziehen, wie es auch schon zu anderen Zeiten in der Kirche geschehen ist". Pinto dementierte gegenüber dem Portal diese Aussage. Tatsächlich habe er gesagt, dass Papst Franziskus kein Papst aus anderen Zeiten sei, in denen solche Maßnahmen ergriffen wurden, und dass er die Kardinalswürde nicht entziehen werde. Pinto bezog sich auf den Jesuiten-Theologen Louis Billot, der im Jahr 1927 nach einem Streit mit Papst Pius XI. von seiner Kardinalswürde zurücktrat.

Die vier Kardinäle, die den Brief an den Papst unterzeichnet hatten, sind der früherer Kölner Erzbischof Joachim Meisner, der deutsche Walter Brandmüller, der US-Amerikaner Leo Raymond Burke sowie der frühere Erzbischof von Bologna, Carlo Caffarra. Sie forderten in ihrem Schreiben unter anderem Klarheit über den richtigen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und wiesen auf scheinbare Widersprüche zu bisherigen Lehrschreiben hin.

Pinto: "Welche Kirche verteidigen diese Kardinäle?"

"Welche Kirche verteidigen diese Kardinäle?", fragt Pinto nun während eines Vortrages an der Kirchlichen Universität San Dámaso in Madrid. Der Papst stehe treu zur Lehre Christi. Und auch wenn er den vier Kardinälen nicht direkt geantwortet habe, so habe er ihnen indirekt gesagt, "dass sie nur weiß und schwarz sehen, obwohl es in der Kirche Farbnuancen gibt".

Zuvor hatte bereits der Vorsitzende der katholischen Griechischen Bischofskonferenz scharfe Kritik an den Kardinälen geübt und ihnen sogar Häresie vorgeworfen. Aus ihrem Schreiben an den Papst gehe klar hervor, dass sie dessen oberste Lehrautorität de facto nicht anerkennten, hieß es in einem offenen Brief von Bischof Frangiskos Papamanolis. Auch er wies darauf hin, dass die Kardinäle das Ergebnis der zwei Bischofssynoden zu Ehe und Familie missachteten.

In der zweitausendjährigen Kirchengeschichte ist es nur selten dazu gekommen, dass ein Papst Kardinäle tatsächlich abgesetzt hat. So hatte etwa Papst Julius II. Teilnehmer des schismatischen Konzils von Pisa (1511-12) den Kardinalstitel entzogen. Zwei Jahre später wurden sie allerdings durch Papst Leo X. wieder eingesetzt. (bod/fxn)

Korrektur, 1. 12. 2016, 12.30 Uhr: Ergänzt um Gegendarstellung von Pio Vito Pinto.