Heiner Koch im Porträt
Politik und Kirchen arbeiten Unrecht bei Behindertenhilfe auf

Koch: Es war nicht nur Kindes-, sondern auch Gottesmissbrauch

Lange waren sie nicht im Blick: Kinder mit Behinderungen, die in staatlichen und kirchlichen Einrichtungen Opfer von Missbrauch und Medikamentenversuchen wurden. Dafür bitten Kirchen und Politik jetzt um Vergebung – und versprechen eine Aufarbeitung.

Berlin - 14.05.2019

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge haben Opfer von Misshandlungen und Medikamentenversuchen aus staatlichen und kirchlichen Behinderteneinrichtungen um Entschuldigung gebeten. Koch erklärte am Montag in Berlin, er habe sich vielfach die Frage gestellt, wie es in katholischen Einrichtungen zu diesem Unrecht kommen konnte. "Wie konnten Menschen so brutal sein?", so Koch. Was in den Einrichtungen passiert sei, sei nicht nur "Kindesmissbrauch, sondern auch Gottesmissbrauch". Die Betroffenen hätten viel zu lange um ihre Anerkennung kämpfen müssen. "Wir stehen zu der Verantwortung", so Koch. Er werde sich dafür einsetzen, dass ein "wirkungsvoller Beitrag für die Betroffenen geleistet werde.

Er äußerte sich bei einer Veranstaltung der Stiftung Anerkennung und Hilfe, zu der auch viele Betroffene kamen. Die vor rund drei Jahren errichtete Stiftung unterstützt Menschen, die als Minderjährige in der Bundesrepublik bis 1975 und in der DDR bis 1990 in stationären Einrichtungen der Psychiatrie oder Behindertenhilfe Leid und Unrecht erfuhren. Sie wird vom Bund, den Ländern sowie den beiden großen Kirchen getragen.

"Ihr geschildertes Leid hat mich sehr berührt", sagte Heil. "Ich möchte Ihnen auch als Mitglied der Bundesregierung sagen, dass ich mich dafür schäme. Zugleich möchte ich um Verzeihung bitten." Anschließend verbeugte sich Heil vor den Betroffenen.

Heil: Staat und Gesellschaft haben versagt

Heil erklärte weiter, Staat und Gesellschaft hätten hier versagt. Menschen mit Behinderungen seien in den Einrichtungen, geschlagen und missbraucht worden. Auch noch nicht ausreichend getestete Medikamente seien an ihnen ausprobiert worden. Sie hätten das Leid nicht nur zugelassen, sondern sie hätten auch Jahre später, die "Schuld verdrängt, Schreckliches totgeschwiegen, vertuscht und bagatellisiert". Den Betroffenen seien "elementare Prinzipien des Rechtsstaats vorenthalten worden"; ihre Menschenwürde sei verletzt worden, darunter litten viele nach wie vor, so Heil.

Die Stiftung sei nur ein erster Schritt. Das geschehene Unrecht solle aufgearbeitet werden, kündigte der Minister an. Heil versicherte den Betroffenen, dass er mit den Kirchen und den Bundesländern über weitere mögliche Maßnahmen sprechen werde. Auch Koch und Dröge baten die Betroffenen um Vergebung.

Dröge betonte, "heute sehen wir deutlich, welche Missstände in Einrichtungen der evangelischen Kirche geherrscht haben". Es sei Gewalt eingesetzt worden mit dem Ziel, die Kinder und Jugendlichen zu brechen. Die religiöse Erziehung sei mit Zwang verbunden gewesen, den Betroffenen seien Bildungs- und Ausbildungschancen verwehrt worden. "Wir stehen beschämt und bestürzt vor den Sachverhalten", so Dröge. Koch und Dröge gingen wie Heil auf zwei Betroffene zu, die stellvertretend über ihr Leid berichtet hatten, und gaben ihnen die Hand. (tmg/KNA)