Jedes Jahr nehmen Kinder mit Laternen am Martinsumzug teil.
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Das katholisch.de-Team erzählt von seinen Martinsumzügen

Leuchtende Erinnerungen

Laternen im Dunkeln, ein prasselndes Feuer und viele Kinder: So sieht die Szenerie eines klassischen Sankt-Martinsumzugs aus. Diese Situation kann manch einen durchaus in Stress versetzen. So hatte ein Martinspferd im hessischen Heidenrod genug vom vielen "Rabimmel Rabammel" der Kinder. Das geplagte Ross warf kurzerhand seinen Sankt Martin ab und flüchtete in die Dunkelheit.

Bonn - 11.11.2012

Helfer und Polizisten suchten die ganze Nacht nach dem Schimmel und fanden ihn morgens friedlich grasend auf einer Weide.

Was vergangenes Jahr zu einem dramatischen Erlebnis bei den Kindern in Heidenrod geführt hat, war sicherlich eine Ausnahme im alljährlichen Sankt-"Martinsbusiness". Die Redakteure von katholisch.de haben eher schöne Erinnerungen an die Martinsumzüge ihrer Kindheit. Was sie erlebt haben, stellen wir Ihnen vor.

Wachskerzen vs. Batterielicht

An Sankt Martin habe ich sehr ambivalente Erinnerungen. Zum einen denke ich gern an die kindliche Begeisterung zurück, die mich als kleiner Junge ein paar Jahre lang rund um den 11. November erfasste. Allein die Aussicht, bald wieder bei Dunkelheit (wenn man sonst schon längst nicht mehr vor die Tür durfte) singend und Laternen schwenkend durch die Nachbarschaft zu ziehen, übte auf mich eine herrliche Faszination aus. Die Vorbereitungen für den Laternenumzug begannen immer schon ein paar Wochen vorher: In der Schule malten wir Plakate, auf denen wir unseren bevorstehenden Umzug ankündigten und die wir bei den Geschäften in unserer Umgebung aufhängten. Und natürlich bastelten wir auch unsere eigenen Laternen - und damit begann das Problem, das meine Erinnerung an Sankt Martin bis heute trübt. Denn während meiner Grundschulzeit - genauer gesagt in der zweiten Klasse - kam es plötzlich in Mode, statt echter Wachskerzen nunmehr "unechte" batteriebetriebene Lichter in die Laternen zu hängen. Der romantischen Liebe zu Wachskerzen wegen - vielleicht aber auch aus Trotz und falschem Stolz - widersetzte ich mich diesem Trend. Dafür musste ich mich nicht nur von meinen technikbegeisterten Freunden belächeln lassen. Auch die größte Schmach blieb mir nicht erspart: Während des Umzugs wurde meine Laterne plötzlich von einer heftigen Windböe erfasst. Die Folge waren eine fallende Wachskerze, eine in Flammen aufgehende Laterne und das schadenfrohe Gelächter meiner Freunde. Statt im kommenden Jahr ebenfalls auf Batterie umzusteigen, habe ich den Umzug ab dann gemieden. Kurze Zeit später waren Laternenumzüge in meiner Klasse aber ohnehin nur noch was für Kleinkinder...

Von Steffen Zimmermann

Leuchtende Rübengeister

Der Martinsumzug in unserer Gemeinde war für mich jedes Jahr das Highlight im sonst tristen November. Nachdem ich jahrelang als Kind mit der Laterne hinter Sankt Martin hergelaufen war, war ich irgendwann alt genug, um an einer besonderen Tradition teilzuhaben. Die älteren Kinder und Jugendlichen hatten nämlich in meinen Augen etwas viel besseres als "Sonne-Mond-und-Sterne"-Lampions mit kindersicherem Lämpchen: und zwar Rübengeister. Zuckerrüben von den Feldern rund um unser Örtchen am Rande des Westerwalds wurden ausgehöhlt und - ähnlich wie heutzutage die Halloweenkürbisse - mit Gruselgesicht versehen. Innen leuchtete eine Kerze. Der Rübenkopf wurde dann auf einen Stock gespießt und im Martinszug durch die Straßen getragen. In der Rückschau hört sich das etwas makaber an, als Zehnjährige fand ich es einfach toll und ein bisschen gruselig. Wie so oft kam das Beste noch zum Schluss: Nach dem großen Martinsfeuer wurden die schönsten Rübengeister prämiert und die Träger mit einer Schachtel Pralinen belohnt, bevor es nach Hause zum Martinsgans-Essen ging. Ich habe auch eine gewonnen.

Von Janina Mogendorf

Das Leben ist kein Ponyhof

Ich war immer ganz aufgeregt beim Martinsumzug. Die Dunkelheit, die brennenden Laternen, die vielen Kinder und natürlich der heilige Martin: mit Römerhelm, rotem Mantel und auf einem herrlichen weißen Schimmel. Bei näherem Hinsehen fiel mir dann aber auf, dass der Martin in jenem Jahr doch recht feine Gesichtszüge hatte und insgesamt sehr zierlich gebaut war… Dann war klar: Unser Sankt Martin war eine Sankt Martina, eine junge Frau aus dem Dorf, die ein Pferd hatte und die die Rolle übernommen hatte. Ich war zunächst etwas enttäuscht, fand es hinterher aber irgendwie cool. Ein weiblicher Martin, das wollte ich auch mal werden. Leider kam dann eine Pferdeallergie dazwischen. Das Leben ist eben kein Ponyhof!

Von Steffi Schmitz

Glühbirnenproblematik

Mein Basteltalent als Kind kann man eher als unauffällig bezeichnen. Auffällig wiederum war in der Regel das Ergebnis meiner Kreativität: ein bunter Klumpen Klebstoff, in den mit viel Mühe ein Hohlraum eingearbeitet wurde, so dass das Birnchen, das am Ende des Laternenstocks hing, das Spektakel von Innen beleuchten konnte. Auch beim Licht setzen gab es Hürden, denn Laternenstöcke benötigten damals eine spezielle Art von länglich-dicklicher Batterie, die scheinbar ausschließlich in Laternenstöcken Verwendung fand. Natürlich hatte man sie nie im Haushalt parat und sie musste stets in letzter, tränenreicher Minute besorgt werden.

Auch an das Tragen der Laterne zwischen den äußerst polyphonen Gesangsdarbietungen erinnere ich mich. Es war aufregend, weil das Glühbirnchen am zu kurzen Kabel immer wieder aus der Laternenfassung hopste und dann aufwendig zurückgestopft zu werden musste.

Mit viel Erinnerungswärme denke ich an die Mantelteilung im Schein des großen Feuers, an die Hand, an der ich ging und die schließlich sicher die Birnchenproblematik löste. Aber auch das "Gripschen", das Singen an den Haustüren, immer mit aufgeregtem Herzklopfen wegen Lampenfiebers und leichtem Knusperhexengrusel, ist mir im Gedächtnis. All das und vieles mehr macht das Martinsfest für mich zu einer sehr lebendigen und wertvollen Kindheitserinnerung.

Von Peter Philipp

Der Brauch des "Schnörzens"

Bei uns heißt es "Schnörzen". In anderen rheinischen Regionen nennt man es Gripschen, Dotzen oder Mätensingen, gemeint ist immer das Gleiche: Nach dem Martinsumzug ziehen die Kinder mit ihren Laternen von Haus zu Haus, singen Martinslieder und bekommen dafür etwas Süßes geschenkt. "Kind" ist allerdings ein Begriff mit Interpretationsspielraum. So mancher, der nach dem Zug in meiner Bonner Pfarrgemeinde mit seinem Licht durch die Straßen zieht, ist aus dem Stimmbruch schon lange raus. Es sind die Gruppenleiter meines Pfadfinderstammes, die wie zu Kindergarten- oder Grundschulzeiten singen und sammeln gehen. "Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind", "Ich geh mit meiner Laterne" oder das kölsche "De hill'je Zinte Mätes" (Der heilige Sankt Martin): Textsicher ist man wie eh und je, obgleich das Singen während der Tour zunehmend schwerer fällt. Zur Belohnung gibt es nichts Süßes, sondern den einen oder anderen Schnaps. Serviert wird er von ehemaligen Pfadfindern älterer Generationen, die traditionell aufgesucht werden. Mit den Getränken kommen die Erinnerungen: an frühere Zeltlager, an gemeinsame Fahrten oder an verrückte Zeiten. Martin teilte seinen Mantel, wir teilen eine gute Zeit miteinander. Und manchmal auch die Kopfschmerzen am nächsten Morgen.

Von Christoph Meurer

Musikalische Evergreens

"Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind" oder "Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne", das waren Ohrwürmer – nicht zu vergleichen mit irgendwelchen Nummer-eins-Hits aus den Charts. Nein, diese Lieder bewegen mehr bei mir. Wenn ich heute die eingängigen Melodien höre, dann kommen wunderschöne Erinnerungen hoch: Es ist dunkel, gemeinsam mit meinen Klassenkameraden und meinen Eltern stehe ich im Kreis und jeder von uns Kindern hält eine bunt gestaltete Laterne in den Händen. Nach den ersten "Aufwärm"-Liedern reitet ein großes, stattliches Pferd in die Mitte des Kreises. Auf seinem Rücken sitzt ein Mann mit goldenem Helm und einem großen roten Mantel – ein Soldat? Vor ihm, auf dem kalten Boden sitzt ein Mann in Lumpen und singt: "O helft mir doch in meiner Not, sonst ist der bittre Frost mein Tod". Ich höre Stoff reißen. Der Mann auf dem Pferd hat plötzlich seinen Mantel mit einem Schwert in der Mitte geteilt und dem Bettler eine Hälfte abgegeben. Eine tolle Geschichte und ein unvergessenes, jährliches Highlight meiner Kindheit.

Von Sarah Schortemeyer

Ein Gefühl von Selbständigkeit

Früher bin ich immer gerne mit Freunden "schnörzen" gegangen. Aus Erfahrung wusste man, welche Häuser leckere und welche weniger gute Süßigkeiten bereithielten.

Unser Lieblingslied war typisch rheinisch, "Dä hillje Zinte Mäetes". Am Ende der jährlichenTour, als die Tüten so voll waren, das wir sie kaum tragen konnten, ging es zu einem der Freunde nach Hause, wo schon alle Eltern versammelt waren. Dort wurde die süße Ausbeute stolz präsentiert und gemeinsam ließ man den Abend ausklingen.

Das Besondere an dem Abend war das Gefühl der Selbständigkeit. Ich durfte alleine mit meinen Freunden durch die Straßen ziehen, wir spielten Streiche und konnten einen Blick in die Häuser der Nachbarn werfen. Es war spannend zu sehen, wie der ein oder andere lebt, den man sonst nur von Straßebegegnungen kennt.

Von Jellina Adrian