Macht hoch die Türen
Bild: © Bistum Speyer
Deutsche Bistümer öffnen ihre Heiligen Pforten

Macht hoch die Türen

Die Bischöfe haben am Wochenende in ihren Bistümern den Start des Heiligen Jahres gefeiert. Dabei öffneten sie die Heiligen Pforten, die es zum ersten Mal nicht nur in Rom, sondern auch in den Diözesen der ganzen Welt gibt.

Von Agathe Lukassek |  Bonn - 13.12.2015

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, wandte sich im Erzbistum München gegen einen Missbrauch der christlichen Identität, um andere Menschen auszugrenzen. "Die Identität des Christen ist nie gegen jemanden gerichtet - sie ist gegen Hass, gegen Krieg, gegen Unterdrückung, gegen Ausgrenzung gerichtet, aber nie gegen Menschen."

Das Heilige Jahr sei dagegen eine Einladung, sich wieder auf die Mitte des Glaubens zuzubewegen, betonte Marx. "Gerade in diesen turbulenten Zeiten, da wir in schwierigen politischen Auseinandersetzungen stehen, in der Flüchtlingsfrage, der Einheit Europas, dem Frieden in der Welt, müssen wir uns neu besinnen, wer wir als Christen sind."

Auch der Freiburger Erzbischof Stephan Burger forderte "Solidarität mit Menschen, die weniger leistungsfähig sind, weil sie etwa krank sind, der Pflege bedürfen, oder weil sie wegen ihrer Herkunft noch fremd sind in unserem Land". Barmherzigkeit im öffentlichen Leben habe nichts mit Willkür oder Abspeisung von Bedürftigen zu tun, sondern geschehe auf Augenhöhe. "Ohne Barmherzigkeit gibt es kein lebenswertes Miteinander", so der Erzbischof.

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker nahm ebenfalls Bezug auf die Flüchtlingssituation. "Zurzeit erfahren wir in unserem Land und darüber hinaus ganz konkret, was es bedeutet, zur Nächstenliebe herausgefordert zu sein", sagte er und ermutigte dazu, Hilfe und Einsatz für Flüchtlinge in die Öffentlichkeit zu tragen. "Gute Beispiele und Vorbilder können wiederum auch andere Menschen auf gute Ideen bringen."

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke segnet den "Rom-Express", mit dem Gläubige aus seinem Bistum ab März nach Rom pilgern können.

Für Pilger aus dem Bistum Eichstätt, die zum Heiligen Jahr nach Rom reisen, steht ein seit Samstag eigener Bus zur Verfügung. Erkennbar ist der "Rom-Express" bereits an dem großflächigen Porträt von Papst Franziskus. Bischof Gregor Maria Hanke gab dem Gefährt am Eichstätter Residenzplatz den bischöflichen Segen. "Ich finde, das ist eine zündende Idee. Der Bus gibt schon vom Äußeren her eine gute Identifikation, und das ist auch wichtig für eine Wallfahrt.", sagte Hanke. Ab März 2016 können Pilgergruppen damit zu vier bis achttägigen Romfahrten aufbrechen. Mehr Informationen unter pilgerbuero@bistum-eichstaett.de.

In Bamberg nahm Erzbischof Ludwig Schick den Umgangston in der Gesellschaft in den Blick. In den Medien, in Internetforen oder Leserbriefen seien viel Respektlosigkeit und Verachtung zu spüren. "Lasst uns die Barmherzigkeit neu lernen und tun!" Eine wohlhabende Gesellschaft sei nicht automatisch eine Wohlfühlgesellschaft, so der Erzbischof. Oft sei sogar das Gegenteil der Fall.

Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, sagte, es füge sich gut, dass das Martinsjubiläum in das Heilige Jahr falle. Sankt Martin, dessen 1.700. Geburtsjahr 2016 begangen wird, könne bis heute zu barmherzigem Handeln und zur Nächstenliebe anspornen, so Fürst. Als Beispiel nannte der Bischof unter anderem die Aufnahme von Fremden und Obdachlosen.

Mit einem Pontifikalamt im Bistum Speyer hat Bischof Karl-Heinz Wiesemann das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eröffnet. Er stoß die Pforte mit den Worten "Das ist das Tor zum Herrn: Durch dieses Tor treten wir ein, um Barmherzigkeit und Vergebung zu erlangen" auf. Das Jahr sei ein Impuls, sich vom Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes neu ausrichten zu lassen, sagte Wiesemann. Barmherzigkeit bedeute nicht, sich wie die Herrscher der Antike von oben herabzulassen und durch Mildtätigkeit zu besonderen Anlässen die eigene Macht zu inszenieren. In der Barmherzigkeit Gottes offenbare sich vielmehr eine Liebe, die die Konsequenzen des Unrechts mitträgt.

Im Mainzer Dom ist die Tür des von außen gesehenen rechten Querhauses die Heilige Pforte. Weihbischof Udo Markus Bentz sagte: "Die Verbindung zwischen Kirche und Gegenwart soll keine 'Sicherheitsschleuse' sein, die man nur mit hohem Aufwand passieren könnte, sondern eine weit geöffnete Pforte, die einlädt, Barmherzigkeit zu erfahren, dadurch verwandelt zu werden und selbst Barmherzigkeit leben zu können."

Im Bistum Aachen, wo Heinrich Mussinghoff am Dienstag in den Ruhestand trat, öffnete Weihbischof Johannes Bündgens die Pforte. "In unserer Welt, die von der perversen Logik der Gewalt und vom menschenverachtenden Profitstreben des Kapitalismus beherrscht wird, ist die Barmherzigkeit eine Herausforderung gegen den Mainstream", sagte er in seiner Predigt. Der Papst habe Barmherzigkeit zum  Leitwort seines Pontifikats gemacht. "Franziskus ist es ernst damit, die Kirche zu reformieren und ihr 50 Jahre nach dem Konzil eine ganz neue Ausrichtung zu geben, und zwar unter dem Wort Barmherzigkeit", so Bündgens weiter.

Mit Weihrauch segnete Bischof Felix Genn die "Pforte der Barmherzigkeit" am Dom von Münster, danach schritten er und die Gemeinde durch die Pforte.

Im Bistum Münster wurde eine "Pforte der Barmherzigkeit" anlässlich des Jubeljahrs am Dom errichtet. Es handelt sich um eine etwa vier Meter hohe Holzkonstruktion, die vor dem barrierefreien Eingang am Uhrenportal steht. Neben ihr gibt es drei weitere solche Pforten im Bistum: in Recklinghausen (Gastkirche und Gasthaus), an der Marienbasilika in Kevelaer und am Forum St. Peter in Oldenburg. Bischof Felix Genn dankte den Menschen, die in den vergangenen Monaten gegenüber Flüchtlingen "viele offene Herzen" gezeigt hatten. Dabei hätten sie sich auch nicht "durch abgrenzenden Parolen in ihrem liebenden Engagement hindern" lassen.

Nach einer Statio im Bischofshaus hat der Apostolische Administrator, Weihbischof Manfred Grothe, die Heilige Pforte am Limburger Dom eröffnet. In seiner anschließenden Predigt rief Grothe auf, sich Bedürftigen zuzuwenden. Die Missstände unserer Zeit müssten in den Gläubigen außerdem die Bereitschaft erwecken, den eigenen Lebensstil zu ändern. Im 21. Jahrhundert gehe es nicht mehr allein darum, die Hungrigen zu speisen. Grothe erinnerte auch daran, dass im Heiligen Jahr das Bußsakrament eine besondere Bedeutung haben soll. "In diesem Sakrament begegnet uns allen Gott als der barmherzige Vater, der keinen sehnlicheren Wunsch hat, als mit uns Menschen in Harmonie zu leben", sagte Grothe. In der Beichte erfahre der Mensch sehr direkt sein Bedürfnis nach der Barmherzigkeit Gottes, die er auch weitergeben müsse.

Heilige Pforten symbolisieren, dass den Gläubigen in diesem Jahr der Umkehr und des Pilgerdaseins ein besonderer Weg zum Heil offensteht. Üblicherweise ist der Ritus der Heiligen Pforte mit den vier Papstbasiliken in Rom verbunden. Papst Franziskus hatte jedoch gewünscht, dass möglichst viele Katholiken weltweit im Heiligen Jahr, das am 8. Dezember im Vatikan begann, diese Frömmigkeitsübung vollziehen können. (mit Material von KNA)

13.12.2015, 20 Uhr: Ergänzt um das Bistum Münster; 14.12.2015, 9:30 Uhr: Ergänzt um das Bistum Limburg

Themenseite: Heiliges Jahr

Vom 8. Dezember 2015 bis zum 20. November 2016 findet das von Papst Franziskus ausgerufene "Heilige Jahr der Barmherzigkeit" statt. Diese Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zum Heiligen Jahr.

Von Agathe Lukassek