Jesuit Oswald von Nell-Breuning
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Vor 25 Jahren starb der Jesuit Oswald von Nell-Breuning

Mahner und Kämpfer

Unbequem und unbestechlich war er, ein großer Vordenker für soziale Gerechtigkeit. Vor einem Vierteljahrhundert starb der Jesuit Oswald von Nell-Breuning.

Von Michael Jacquemain (KNA) |  Trier - 21.08.2016

So ist die Forderung, Kindererziehung bei der Rente zu berücksichtigen, in einem 1978 verfassten Beitrag über "Versäumnisse der Rentengesetzgebung" nachzulesen. In 1.800 Publikationen entwickelte der Jesuit Modelle der Mitbestimmung, äußerte sich zu Währungsfragen, zur Vermögensbildung, zum Steuerrecht, zur Familien- und Lohnpolitik. Es wäre spannend, heute seine Einschätzung zur Krise und Entsolidarisierung der Europäischen Union zu kennen.

Nachdem er 1908 am selben Gymnasium wie Karl Marx in Trier das Abitur abgelegt hatte, studierte Nell-Breuning in Kiel, München, Straßburg, Berlin und Innsbruck und trat 1911 im niederländischen s'Heerenberg in den damals in Deutschland verbotenen Jesuitenorden ein, zehn Jahre später wurde er Priester. 1928 erhielt er an der Frankfurter Hochschule Sankt Georgen einen Lehrstuhl für christliche Gesellschaftslehre und Ethik. Er war Mitverfasser der 1931 unter Papst Pius XI. veröffentlichten Sozialenzyklika "Quadragesimo anno", die eine Sozialbindung des Eigentums forderte.

Publikationsverbot unter den Nationalsozialisten

Zwischen 1936 und 1945 bekam er Publikationsverbot, 1944 wurde er wegen "Misstrauens gegen den nationalsozialistischen Staat" zu einer Geldstrafe und zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, musste die Strafe aber nicht antreten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Gründerjahren der Bonner Republik und im Ringen um die Gestalt der Marktwirtschaft, häufte sich die Arbeit.

Nell-Breuning war Professor in Sankt Georgen, veröffentlichte ein fünfbändiges "Wörterbuch der Politik". 1948 übernahm er einen Lehrauftrag für Wirtschafts- und Sozialethik in Frankfurt und gehörte von 1948 bis 1965 dem Wissenschaftlichen Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium an. Er beriet Sozial- und Christdemokraten sowie Repräsentanten aus Wirtschaft und Gewerkschaften. Zu Nell-Breunings Stärken gehörte, auch komplizierte Sachverhalte einfach und verständlich ausdrücken zu können.

Oberbürgermeister Walter Wallmann (r.) verleiht Pater Oswald von Nell-Breuning (l.) das Ehrenbürgerrecht der Stadt Frankfurt am 10. Oktober 1983 im Kreissaal des Frankfurter Römers.
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Oberbürgermeister Walter Wallmann (r.) verleiht Pater Oswald von Nell-Breuning (l.) das Ehrenbürgerrecht der Stadt Frankfurt am 10. Oktober 1983 im Kreissaal des Frankfurter Römers.

Als ihm 1972 der Romano-Guardini-Preis verliehen wurde, betonte er, dass die Kirche nicht länger die Wahl von Betriebsräten verhindern dürfe. Dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) schrieb er bei der Übergabe des "Hans-Böckler-Preises" ins Stammbuch, dass Arbeitgeber das Recht zur Aussperrung hätten. Auch Lauterkeit und persönliche Integrität waren es, durch die Nell-Breuning Ansehen und Autorität genoss.

Dabei hielt er persönlich und institutionell immer Distanz und ließ sich nie vereinnahmen. Selbst seinen Ordensmitbruder Friedhelm Hengsbach, der sich "in der Nachfolge von Nell-Breuning" sieht und der eineinhalb Jahrzehnte das Oswald-von-Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik leitete, siezte Nell-Breuning bis zum Schluss - obwohl er Hengsbach außerordentlich schätzte.

Asket mit unterkühltem Humor

Einfluss übte Nell-Breuning auf ein Papier der Synode der deutschen Bistümer Mitte der 1970er Jahre aus, in dem Versäumnisse im Umgang mit Arbeitern eingeräumt werden und der Verlust der Arbeiterschaft für die Kirche als "fortwährender Skandal" bezeichnet wird. Für sein Lebenswerk wurde der Jesuit mit Auszeichnungen überhäuft. Auch wenn er sich wegen seines Alters in den letzten Lebensjahren weigerte, gesellschaftliche Entwicklungen zu kommentieren, war er bis zu seinem Tod geistig rege. Er las Zeitungen und Bücher, schrieb Briefe.

Der Jesuit mit dem unterkühlten Humor war ein Asket. Bis zu seinem Tod im biblischen Alter von 101 Jahren bewohnte er ein karg eingerichtetes Zimmer in Frankfurt. In Deutschland sind inzwischen eine ganze Reihe von Straßen und Plätzen nach ihm benannt. Und seine Geburtsstadt erinnert mit dem seit 2003 alle zwei Jahre vergebenen Oswald-von-Nell-Breuning-Preis an ein großes Lebenswerk.

Von Michael Jacquemain (KNA)