"Menschen hören in Gottesdiensten wenig Klartext"
Theologe Johannes Hartl über die Probleme der Kirche

"Menschen hören in Gottesdiensten wenig Klartext"

Warum ist das Augsburger Gebetshaus so erfolgreich? Und warum schrumpfen zeitgleich die deutschen Kirchengemeinden? katholisch.de hat mit dem Gründer Johannes Hartl darüber gesprochen.

Von Björn Odendahl |  Augsburg - 16.01.2017

Die "Mehr"-Konferenz lockte vor wenigen Tagen mehr als 10.000 Christen nach Augsburg. Der katholische Theologe Johannes Hartl und sein Gebetshaus gehören zu den Organisatoren des ökumenischen Gebetestreffens. Mit ihm hat katholisch.de über seinen Erfolg und die Probleme der katholischen Kirche in Deutschland gesprochen.

Frage: Herr Hartl, sogar die Tagesschau hat über Ihre "Mehr"-Konferenz berichtet. Was steht bei diesen Konferenzen, die sie jedes Jahr veranstalten, im Fokus?

Hartl: Sie ist vor einigen Jahren aus einer kleinen Gebetskonferenz mit 150 Menschen erwachsen. Die Konferenz steht und fällt mit der Faszination für Gott. Es geht bei uns nicht um das, was in der Welt alles falsch läuft, sondern um die Leidenschaft für die Schönheit Gottes. Mittlerweile kommen deshalb Christen mit verschiedensten Hintergründen und unterschiedlichen Konfessionen zu uns nach Augsburg.

Frage: Was genau passiert dann vor Ort?

Hartl: Eine wichtige Komponente ist der Lobpreis. Wir singen Lieder für Gott, bei denen wir zeitgenössische Musik mit biblischen Texten verbinden. Darüber hinaus gibt es Vorträge, die immer auf eine lebensnahe und herausfordernde Weise darüber sprechen, wer Jesus ist und was es heutzutage bedeutet, ihm zu folgen.

Frage: Es gibt auch kritische Stimmen, die behaupten, dass nicht Jesus, sondern Sie als Redner im Fokus dieser Veranstaltungen stehen…

Hartl: Wenn Sie in ein Restaurant essen gehen, gibt es einen Kellner, der Ihnen das Essen bringt. Tut er das nicht, dann gehen Sie hungrig nach Hause. Der Mittelpunkt des Geschehens ist dann aber nicht der Kellner. Es ist auf der einen Seite der Gast und auf der anderen das Essen oder der Koch. Und so wie jemand das Essen serviert, gibt es auch immer jemanden, dessen sich Gott bedient, um seine Botschaft zu vermitteln. Andere Menschen haben wiederum andere Aufgaben. Unsere Konferenz lebt von Hunderten von Mitarbeitern.

 

Frage: Wie genau würden Sie nun die Botschaft Gottes definieren?

Hartl: Gott ist faszinierend und alle Kraft kommt aus der Beziehung zu Jesus.

Frage: 10.000 Besucher auf der "Mehr"-Konferenz. Darüber hinaus leiten Sie noch ein gut besuchtes Gebetshaus in Augsburg. Woher kommt der Erfolg? Wonach suchen die Menschen, die zu Ihnen kommen?

Hartl: Die Menschen suchen nach einer Beziehung zu Gott. Das Evangelium hat nichts von seiner Strahlkraft verloren. Das muss jedoch auch verkündet werden. Und das tun wir. Wenn Menschen einen Ort finden, wo Sie die Nähe Gottes spüren, dann werden sie auch kommen. Ich glaube, dass solche Orte nur durch das Gebet entstehen. Zu uns kommen Menschen, die in ihrer Heimatgemeinde engagiert sind, aber auch solche mit großer Distanz zur Kirche. Darüber sind wir natürlich glücklich.

Frage: In Deutschland gibt es rund 11.000 katholische Pfarreien. Auch dort wird gebetet. Dennoch schrumpfen die Gemeinden. Spüren die Menschen dort die Nähe Gottes etwa nicht? Oder warum kommen die lieber zu Ihnen?

Hartl: Zunächst ist es kein Entweder-oder. Es braucht beides: die Gemeinde vor Ort und die inspirierenden großen Bewegungen. Die gab es zu jeder Zeit in der Kirchengeschichte. Zum Beispiel Wallfahrten, Volksmissionen oder Klöster. Gleichwohl gibt es viele Menschen, die in den Gottesdiensten wenig Klartext hören. Erik Flügge hat im vergangenen Jahr in seinem Buch darauf hingewiesen, dass es an glaubwürdiger und praxisnaher Verkündigung fehlt. Da würde ich ihm zustimmen. In der Kirche gibt es zu viele aufgesetzte Formen und zu wenig betroffene Rede. Denn nur Begeisterte können auch andere begeistern. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass eine Predigt umso mehr Kraft hat, je näher sie an der Bibel ist. Das Wort Gottes hat Kraft.

Frage: Haben Sie noch andere Tipps für die Gemeinden?

Hartl: Man kann sagen, dass viele Gläubige ihre Pfarrgemeinde und die Gottesdienste nicht gerade als ein sehr spirituell ergreifendes Erlebnis wahrnehmen. Es fehlt das, was der Theologe Paul Zulehner "gottvoll und erlebnisstark" nennt. Außerdem müssen sie missionarischer werden. Sonst werden sie sterben.

Johannes Hartl ist promovierter katholischer Theologe, Buchautor, Referent und Gründer des Augsburger Gebtshauses. Er steht der Neuen Geistlichen Gemeinschaft "Charismatische Erneuerung" nahe.

Frage: Warum kommt das Thema "Mission" in der katholischen Kirche so selten vor?

Hartl: In der katholischen Kirche kommen viele Themen selten vor. Der Grund ist fast immer der gleiche: Menschenfurcht. Dass diese Themen nicht vorkommen, ist einer der Gründe für das Dilemma, in dem die Kirche aktuell steckt. Um bei der Mission zu bleiben: Jesus Christus ist die Wahrheit und der Weg zu Gott. Der Aufruf zur Bekehrung und zur realen Lebensveränderung ist daher absolut notwendig. Leider kommt das in der Kirche kaum vor.

Frage: Ihr Gebetshaus in Augsburg gibt es nun seit zehn Jahren. Wie würden Sie beschreiben, was Sie dort tun?

Hartl: Eigentlich machen wir dort das gleiche wie auf der "Mehr"-Konferenz – nur ohne eine so große Bühne. Wir bieten rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche und 365 Tage im Jahr die Möglichkeit zum Gebet an. Bei uns ist erst einmal alles musikalisch. Der Lobpreis spielt eine große Rolle. Einmal gibt es ihn als gesungene Bibelmediation und einmal in Kombination mit Fürbitten, die wir für die Anliegen der Welt, der Kirche oder einzelner Menschen sprechen.

Frage: Braucht es nicht eher Stille, um mit Gott ins Gespräch zu kommen?

Hartl: Um auch denen gerecht zu werden, die Stille bevorzugen, bauen wir in unserem Gebetshaus gerade einen entsprechenden Raum, der dann ebenfalls Tag und Nacht geöffnet hat.

Frage: Sie fokussieren sich voll und ganz auf den Lobpreis. Darf man den denn so loslösen von den anderen katholischen Glaubensinhalten und liturgischen Vollzügen?

Hartl: Wir wollen das gar nicht loslösen. Auf der "Mehr"-Konferenz konnte man einerseits am Lobpreis teilnehmen und andererseits in einem Gottesdienst die Eucharistie empfangen. Und in unserem Gebetshaus bieten wir sonntags keine Gottesdienste an, weil wir die Gemeinde vor Ort ja gerade nicht ersetzen wollen. Unsere Mitarbeiter wie auch unsere Gäste sollen an den Gottesdiensten in ihrer Gemeinde teilnehmen. Und die meisten tun das auch.

 

Frage: Sie arbeiten eng mit den evangelischen Freikirchen zusammen. Was ist für Sie das Verbindende?

Hartl: Es gibt ja Freikirchen wie Sand am Meer. Nicht für alle würde ich meine Hand ins Feuer legen. Dort, wo wir aber mit ihnen zusammenarbeiten, erlebe ich eine pragmatische, missionarische Pastoral, die sich die Frage stellt, wie wir kirchendistanzierte Menschen erreichen. Das ist es, was uns Katholiken heute häufig fehlt und wo wir von den Freikirchen lernen können. Theologisch wird es natürlich immer auch Differenzen geben.

Frage: Dennoch gab es seitens der katholischen Kirche Vorbehalte. Erst zu Jahresbeginn hat das Bistum Augsburg ihr Gebetshaus anerkannt und in einer Stellungnahme betont, "dass im Gebetshaus nichts gelehrt und verkündet wird, was im Gegensatz zur Lehre der katholischen Kirche steht". Wieso hat das so lange gedauert?

Hartl: Erst einmal sind die Stellungnahme und die Überprüfung unseres Hauses schon ein wenig länger her. Das Statement wurde jetzt nur bewusst anlässlich der "Mehr"-Konferenz veröffentlicht. Darüber hinaus ist der Vorgang normal: Wenn ein Ort wie unserer eine solche Strahlkraft entwickelt – gerade auch in den neuen Medien – und das Thema Verkündigung eine Rolle spielt, ist es die Aufgabe der Kirche, sich die Inhalte genauer anzuschauen. Mir sind dabei aber keine theologischen Vorbehalte bekannt. Im Zentrum der Nachfrage steht meist eher die Stilistik. Katholiken, die nur ihren normalen Sonntagsgottesdienst kennen, können erst einmal irgendetwas zwischen überrascht und befremdet sein, wenn sie zu uns kommen. Dafür habe ich Verständnis. Dass die Kirche dann auch genauer hinschaut, finde ich ebenso verständlich. Wir sind sehr dankbar, dass sie das getan hat.

Frage: Neben der Bibel kennt die katholische Kirche auch das Lehramt und die Tradition als Glaubensquellen. Haben Sie das im Blick, wenn Sie über Gott sprechen?

Hartl: Mir ist zumindest nicht bekannt, dass die Verkündigung im Gebetshaus an irgendeiner Stelle der Lehraussage der Kirche widerspricht.

Frage: Zur Stilistik: Bei Ihnen wird viel mit Lichteffekten gearbeitet. Dazu stehen sie mit dem Smartphone oder Tablet auf der Bühne. Ist das moderne Verkündigung?

Hartl: Eigentlich ist die Verpackung nicht wichtig, sondern der Inhalt. Aber die Schönheit des Inhaltes verdient in diesem Fall die bestmögliche Verpackung. Und im 21. Jahrhundert sieht die nun mal anders aus, als sie es im 18. Jahrhundert getan hätte.

Von Björn Odendahl