Muss Leiden sein?
Kolumne: Unterwegs zur Seele

Muss Leiden sein?

Seit Jahrhunderten stellen sich Menschen die Frage, warum ein liebender und allmächtiger Gott Leid zulässt. Noch kein Theologe konnte eine wirklich schlüssige Antwort darauf finden. Wird das Leid vielleicht verkannt, fragt Brigitte Haertel in ihrer Kolumne.

Von Brigitte Haertel |  Bonn - 21.03.2019

Brigitte Haertel bei katholisch.de

Diese Frage haben Menschen sich zu allen Zeiten gestellt: Niemand wünscht sich Leid, wozu soll es überhaupt gut sein? Seit einer gefühlten Ewigkeit arbeiten auch Theologen sich an dieser Frage ab, und der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1711) stellte die inzwischen zu einiger Berühmtheit gelangte Theodizee-Frage, also nach der Rechtfertigung Gottes angesichts des Bösen und des vielen Leids in der Welt. All den Denkern gelang es nicht, Gottes angebliche Allmacht mit dem nicht enden wollenden Leid der Menschheit zusammenzudenken.

Nichtgläubige hingegen fragen nicht nach Gott, wohl aber nach dem Sinn. Weil sie ihn nicht erkennen können, schließen sie daraus, dass es auch keinen Gott geben könne. Den Glauben an ihn und vor allem an den Sinn kann leicht auch ein gläubiger Mensch verlieren, wenn er sein unschuldiges Kind auf einer Krebsstation leiden sieht. Leid und damit die Erschütterung des Glaubens zu erfahren ist auch biblisches Thema: Der alttestamentarische Hiob muss so viel erdulden, dass seine verzweifelte Frau ruft: "Hältst Du noch fest an dieser Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb."

Doch die Leiderfahrung des Gekreuzigten am Karfreitag, die die Menschheit erlösen sollte, legt den Gedanken nah, dass Erlösung sich vor allem durch Leid vollzieht. Aber ist das auch wahr? Es scheint ein geheimnisvolles Gesetz zu sein, das gar nichts, sei es stofflich oder geistig, ohne Schmerzen geschaffen (und geschafft) werden kann.

Naturvölker wie die Sioux-Indianer Nordamerikas sehen in der von ihnen praktizierten Zeremonie des Sonnentanzes, in dem sie vier Tage lang Qualen und Prüfungen erleiden, einen Weg zu spirituellen Einsichten, die Antworten auf wichtige Lebensfragen geben. Leid erfahren, es annehmen und ertragen lernen – in dem Erdulden geschehen womöglich Dinge, die sonst nicht geschähen, kommen Einsichten, die sonst nicht kämen, das steckt hinter der Idee des Sonnentanzes – die gar nicht weit weg ist von der christlichen Auffassung des Leidens.

Leid ist nun einmal in der Welt, anders war die Konstruktion des Lebens wohl nicht zu machen.

Zitat: Benedikt XVI.

Nun ist es ja gerade diese christliche Sichtweise, über die Nichtgläubige aber auch Gläubige sich entrüsten, sehen doch die meisten Menschen Leid als ein Übel an, das in jedem Fall zu vermeiden ist. Das entspricht dem heutigen Lebensideal: Genuss ohne Reue, Liebe ohne Bindung, Tod ohne Schmerzen. Vielleicht ist das ja eine gefährliche Verkennung des Leids. "Leid ist nun einmal in der Welt, anders war die Konstruktion des Lebens wohl nicht zu machen", so drückt es der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seinem Buch "Gott und die Welt" aus.

Vielleicht belügt, wer Leid nicht wahrhaben will, sich selbst, macht seine Welt hart, kalt und unbarmherzig. Und verweigert sich dem Mit-Leid, dem Mitfühlen mit dem Schicksal des anderen. Die radikale Wirkung von Leid ist eben, dass es von einer Sekunde auf die andere ein scharfes Licht auf das eigene Leben wirft. Mit einem Schlag relativieren sich all die Problemchen, die jeden Menschen umtreiben.

Niemand wird sich jemals Leid wünschen, aber vielleicht lehrt eine neue Sicht auf das Leid einen besseren Umgang damit. "Es klingt ein wenig verrückt", so schrieb einmal der Autor Peter Seewald: "Die Gegenwart des liebenden Gottes verdichtet sich im Leid. Wann sonst wird er dringender gebraucht?"

Von Brigitte Haertel

Die Autorin

Brigitte Haertel ist Redaktionsleiterin von "theo – Das Katholische Magazin".

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst im "theo"-Magazin.