Mutiger Papst
Papst Franziskus bezeichnet Massaker an den Armeniern als "Genozid"

Mutiger Papst

Es gibt mächtige Staatsmänner, die sich das nicht trauen, weil sie die Türkei nicht verprellen wollen. Papst Franziskus hat es sich getraut: In einem Gottesdienst zum 100. Jahrestag des Beginns der Verfolgung der Armenier während des Ersten Weltkriegs sprach er am Sonntag vom "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts". Damit hat er zwar die Mehrheit der Historiker auf seiner Seite - aber Ankara gegen sich.

Vatikanstadt - 12.04.2015

Der Protest der türkischen Regierung erfolgte prompt. Das Außenministerium bestellte den vatikanischen Botschafter ein und protestierte offiziell und via Twitter scharf gegen diese Aussage. Franziskus hat die vorhersehbare Reaktion offenbar bewusst in Kauf genommen. Denn diesmal äußerte er sich nicht spontan, sondern las einen vorbereiteten und vom Vatikan zuvor verbreiteten Redetext vor.

"Die Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert drei große, unerhörte Tragödien erlebt: die erste, die allgemein als 'der erste Genozid des 20. Jahrhunderts' angesehen wird; diese hat euer armenisches Volk getroffen", sagte der Papst in seinem Grußwort an die armenischen Gäste. Unter ihnen waren der armenische Staatspräsident Sersch Sargsjan sowie die Oberhäupter der armenisch-apostolischen und der armenisch-katholischen Kirche, die Patriarchen Karekin II. und Nerses Bedros XIX.

Durch Massaker und im Zuge von Vertreibungen kamen zwischen 1915 und 1917 im damaligen Osmanischen Reich mehrere hunderttausend Armenier ums Leben.

Durch Massaker und im Zuge von Vertreibungen kamen zwischen 1915 und 1917 im damaligen Osmanischen Reich mehrere hunderttausend Armenier ums Leben.

Laut Schätzungen bis zu 1,5 Millionen tote Armenier

Franziskus stellte die Verfolgung der Armenier in eine Reihe mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Durch Massaker und Todesmärsche kamen zwischen 1915 und 1917 laut Schätzungen bis zu 1,5 Millionen Armenier ums Leben.

Es war ein geschickter Schachzug von Franziskus, dass er ausdrücklich Johannes Paul II. (1978-2005) zitierte. Der polnische Papst, der den Völkermord an den Juden miterlebt hatte, bekundete 2001 während seiner Armenien-Reise in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche, Karekin II.: "Die Ermordung von eineinhalb Millionen Christen ist das, was generell als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird." Franziskus zitierte also nur seinen Vorgänger. Die Türkei hat dieser feine Unterschied freilich nicht beeindruckt.

Schon beim ersten Mal protestierte die Türkei

Wie empfindlich man in Ankara reagiert, wenn ein Papst vom "Völkermord" an den Armeniern spricht, hat Franziskus selbst bereits kurz nach seinem Amtsantritt erfahren. Als er die Gräueltaten an den Armeniern Anfang Juni 2013 in einem privaten Gespräch mit Nachfahren von Opfern der Massaker, das später publik wurde, schon einmal als "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts" bezeichnet hatte, protestierte die Türkei offiziell. "Absolut inakzeptabel" sei diese Äußerung, hieß es in einer Erklärung des Außenministeriums in Ankara. Der Vatikanbotschafter wurde zu einem Gespräch einbestellt. Schon als Erzbischof von Buenos Aires hatte der heutige Papst keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Verfolgung der Armenier als Völkermord betrachtet.

Bei seiner Türkei-Reise im November hatte Franziskus die Verfolgung der Armenier nicht angesprochen. Auf dem Rückflug nach Rom sandte er jedoch ein versöhnliches Signal an die türkische Regierung aus. Er würdigte einen Brief des vormaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, in dem dieser 2014 als erster Regierungschef in der türkischen Geschichte offiziell der damaligen Leiden der armenischen und syrisch-orthodoxen Christen gedachte. Einige hätten diese Erklärung als "schwach" angesehen, so Franziskus. Er selbst wisse nicht, ob sie "stark oder schwach" sei. In jedem Fall bedeute sie aber eine "ausgestreckte Hand" der türkischen Regierung - und das sei "immer positiv".

Gregor von Narek wird Kirchenlehrer

Auch die Erhebung des armenischen Mönchs Gregor von Narek (950- ca. 1005) zum Kirchenlehrer stand am Sonntag im Zeichen des Völkermords an den Armeniern. Der Präfekt der Heiligsprechungskongregation, Kardinal Angelo Amato, wies während der Zeremonie ausdrücklich darauf hin, dass das Kloster, in dem Gregor in Narek lebte, sowie dessen Grab im Zuge der Massaker an den Armeniern zerstört worden seien.

Zum Abschluss des Gottesdienstes hatten schließlich die beiden armenischen Patriarchen das Wort. Der Völkermord an den Armeniern sei eine "unleugbare historische Tatsache", sagte Karekin II. - und erntete Applaus im Petersdom.

Von Thomas Jansen (KNA)

Aktuelle Entwicklung: Scharfe Kritik aus der Türkei

Nach der Aussage von Papst Franziskus zum Völkermord an den Armeniern hat die türkische Regierung am Sonntag den Vatikanbotschafter, Erzbischof Antonio Lucibello, in Ankara ins Außenministerium einbestellt. Außenminister Mevlüt Cavusoglu sagte laut türkischen Medienberichten, der Papst schüre "Hass". Die vollständige Meldung lesen Sie hier.

Hintergrund: Genozid an den Armeniern

Zwischen 1915 und 1918 wurden im damaligen Osmanischen Reich zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Armenier ermordet. Während Historiker vom "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts" sprechen und der türkischen Regierung die Verantwortung zuweisen, räumt die Türkei bislang lediglich ein, dass es Massenvertreibungen und gewalttätige Auseinandersetzungen gegeben habe. In deren Folge seien Hunderttausende gestorben. Hintergrund des Völkermords waren Versuche der 1909 an die Macht gekommenen nationalistischen Jungtürken, ein einheitliches Reich zu schaffen, Türkisch als Einheitssprache und den Islam als alleinige kulturelle und religiöse Basis durchzusetzen. Der Erste Weltkrieg lieferte die Gelegenheit, dieses Konzept durchzusetzen. Nach dem Scheitern der türkischen Offensive gegen Russland im Januar 1915 begann am 24. April die systematische Verfolgung: Zu Tausenden wurde die Elite der Armenier verhaftet und hingerichtet; Zehntausende starben auf Todesmärschen. Nach dem Ende des Weltkriegs leiteten die westlichen Siegerstaaten Prozesse ein. Ein Istanbuler Kriegsgericht konnte beweisen, dass die Verbrechen zentral vorbereitet wurden. Es verurteilte 17 Angeklagte zum Tode; 3 Hinrichtungen wurden vollzogen. Die Haupttäter flohen, einige wurden später von armenischen Attentätern ermordet. Mittlerweile haben 22 Staaten den Genozid offiziell anerkannt, darunter Frankreich, Italien und die Niederlande. 1985 erschien der Begriff "Armenian genocide" in einem offiziellen Papier der UNO. Der Deutsche Bundestag sprach 2005 lediglich von "Deportationen und Massakern". Der umstrittene Begriff "Völkermord" wurde nicht im eigentlichen Antragstext, wohl aber in der Begründung verwendet. Hintergrund sind die traditionell engen Beziehungen zur Türkei und die große türkische Bevölkerungsgruppe in der Bundesrepublik. Das Deutsche Kaiserreich war im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet; deutsche Generäle waren bei Planung und Durchführung der Aktionen beteiligt. (KNA)