Nähe zu Flüchtlingen, Absage an Populismus
Franziskus wirbt in Bologna für Mut zu Europa

Nähe zu Flüchtlingen, Absage an Populismus

In Norditalien demonstrierte der Papst am Sonntag seine Solidarität mit Flüchtlingen aus Afrika. Seinen Besuch in Bologna verband Franziskus zudem mit einem klaren Bekenntnis zu Europa.

Bologna - 01.10.2017

Papst Franziskus hat am Sonntag die norditalienischen Bistümer Cesena und Bologna besucht. Auf dem Programm standen Begegnungen mit Migranten, Arbeitslosen und Vertretern von Genossenschaften, mit Studenten und Professoren sowie mit Klerikern und Ordensleuten. Zu Beginn des Besuchs in Bologna traf er mit rund 1.000 hauptsächlich afrikanischen Migranten in einem "Hub", dem regionalen Verteilzentrum für Migranten in Bologna, zusammen. Dabei lud er dazu ein, die Menschen mit ihren individuellen Schicksalen wahrzunehmen. Auch müssten sich mehr Länder an der Aufnahme von Flüchtlingen beteiligen. Erneut sprach sich der Papst auch für humanitäre Korridore aus.

Nähe zu zeigen, war die Botschaft, die der Papst den Migranten brachte: Am Eingang ließ er sich ein Armband anlegen, wie es für die Identifizierung der Bewohner verwendet wird. Darauf stand "3900003 Papa Francesco". Er nahm sich rund eine Dreiviertelstunde Zeit, Hunderte Bewohner des Zentrums einzeln zu begrüßen. Viele nutzten die Gelegenheit, um mit Schildern auf ihre ungesicherte Situation, etwa das Fehlen von Ausweisdokumenten, hinzuweisen.

Wirtschaftskrise auch eine "ethische, spirituelle und menschliche" Krise

Franziskus betonte die Notwendigkeit einer persönlichen Begegnung. "Jeder von euch hat eine Geschichte, und diese Geschichte ist etwas Heiliges", sagte er vor den Migranten. Angst vor Fremden sowie die "Härte und Kälte" im Urteil über sie rührten von fehlender Nähe her. Wer andere Menschen ohne Barmherzigkeit betrachte, den betrachte auch Gott ohne Barmherzigkeit, sagte das Kirchenoberhaupt.

In einer Rede vor den Bürgern Bolognas auf der Piazza Maggiore mahnte der Papst mit Blick auf genossenschaftlich organisierte Unternehmen der Region, das Prinzip der Solidarität nicht um des Profits willen und auf Kosten der Armen aufzuweichen. Auch dürfe sich die Gesellschaft nicht an Jugendarbeitslosigkeit und das Schicksal von Beschäftigten, die ihre Stellen verloren hätten, gewöhnen. Sie seien nicht nur Zahlen einer Statistik. Die Eingliederung von Zugewanderten wie der Kampf gegen Armut hingen wesentlich von der Beschäftigung ab, so Franziskus. Es gebe keine echte Hilfe für Arme, wenn sie nicht "Arbeit und Würde" fänden. Die Herausforderung verglich der Papst mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg. Die Wirtschaftskrise in Europa sei auch eine "ethische, spirituelle und menschliche" Krise. Ihr zugrunde liege ein "Verrat am Gemeinwesen, sei es durch Einzelne oder durch Machtgruppen".

Franziskus verurteilt Populismus

Das Mittagessen nahm der Papst mit Armen, Senioren, Arbeitslosen, Behinderten und Flüchtlingen in der Basilika San Petronio ein. Zum Abschluss feierte er am frühen Abend eine Messe im Stadion des FC Bologna. Davor wandte sich der Papst bei einem Treffen mit Studenten und Professoren energisch gegen Populismus und Unruhe schürende Falschnachrichten. Es gebe ein "Recht, nicht täglich von der Angst- und Hassrhetorik überschwemmt zu werden", sagte er. Besonders junge Menschen hätten ein "Recht auf Hoffnung", um ohne Zukunftsangst aufzuwachsen und zu erfahren, dass es im Leben schöne und beständige Dinge gebe.

Weiter warb Franziskus für ein "Recht auf Kultur". Aufgabe von Bildung sei es, das Beste aus jedem Menschen herauszuholen. Ein Wissen, das sich in den Dienst des Meistbietenden stelle, Spaltung fördere und Unterdrückung rechtfertige, sei keine Kultur. Die akademische Welt müsse den "lähmenden Kehrversen des kulturellen Konsumismus" dynamisch und energisch antworten. Die "Suche nach dem Guten" nannte der Papst den Schlüssel für erfolgreiche Wissenschaft. "Die Liebe ist die Zutat, die den Schätzen des Wissens und besonders dem Menschen- und Völkerrecht Würze gibt", sagte er den Studierenden und Lehrenden.

Papst wirbt für Mut zu Europa

Seinen Besuch in der traditionsreichen Universitätsstadt verband Franziskus zudem mit einem klaren Bekenntnis zu Europa. Er träume von einem neuen europäischen Humanismus und einer "Mutter Europa, die das Leben achtet und Lebenshoffnung bietet", sagte er. Partikularinteressen und nationales Denken dürften nicht die Visionen der Gründerväter der europäischen Einheit zunichtemachen. Wenn es um Frieden gehe, könne man nicht "gleichgültig oder neutral" bleiben.

Die EU sei entstanden, um "das Recht auf Frieden zu schützen", so der Papst. Er verwies nicht nur auf die "großen Männer der Kultur und des Glaubens, die ihr Leben für das europäische Projekt hingegeben haben, sondern auch auf die Millionen Menschen, die das Leben verloren, weil es keine Einheit und keinen Frieden gab". Die EU sei nach zwei Kriegen und "grausamer Gewalt von Volk gegen Volk" entstanden. Die heutigen Bürger dürften "keine Angst vor der Einheit" haben, sagte der Papst.

Franziskus erinnerte an die ins 11. Jahrhundert zurückreichende Tradition der Rechtsschule von Bologna. Die Universität sei für jene Wissenschaft entstanden, die "die Person verteidigt, das gemeinsame Leben regelt und vor der Logik des Stärkeren, der Gewalt und der Willkür schützt". Die Rechte von Personen und Völkern sowie der Schwächsten zu stärken, sei eine "aktuelle Herausforderung", so der Papst.

"Korruption ist ein Holzwurm"

Am Morgen hatte Franziskus eine zweistündige Visite in Cesena nahe der Adriaküste absolviert. Dort erinnerte er die Bürger an ihre Verantwortung für das Gemeinwesen und rief zum Dialog der Generationen auf. Besonders mahnte er junge Menschen, das Gespräch mit Älteren zu suchen, sich politisch zu engagieren und sich entsprechend darauf vorzubereiten.

Gute Politik dürfe nicht Einzel- oder Parteiinteressen bedienen, betonte Franziskus. Korruption nannte er einen "Holzwurm" in der politischen Berufung. Politiker sollten die Größe zeigen, Fehler einzuräumen; zugleich wandte sich der Papst gegen Kritik von unbeteiligter Warte. Die Politik habe sich in den vergangenen Jahren vor "anderen Formen der Macht wie den Finanzen oder den Medien" zurückgezogen. Sie müsse ihre Unabhängigkeit zurückgewinnen. (luk/KNA)