Eine Garküche
Ludwig Ring-Eifel, Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur, analysiert die Umweltenzyklika

Ökologie aus Sicht der Kellerkinder

Dem Papst sei mit der Enzyklika etwas Erstaunliches gelungen, meint Journalist Ludwig Ring-Eifel. Franziskus habe einen starken Text verfasst, der die Erde als gemeinsames Haus und Leihgabe Gottes an alle Menschen beschreibe. Aber der Experte sieht auch einige Schwächen.

Von Ludwig Ring-Eifel |  Bonn - 18.06.2015

Diese Enzyklika schmeckt nach dem Staub der Favelas und den dunklen Abgaswolken der laut dröhnenden Vorstadtbusse in den Mega-Städten des Südens. Und wenn er von zwitschernden Vögeln und blühenden Wiesen schreibt, klingt das wie die Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies, das ein Teil der Menschheit nur aus Filmen, von Sonntagsausflügen in den Stadtpark oder aus den Erzählungen der Alten kennt.

Dem ersten Papst aus Lateinamerika ist etwas Erstaunliches gelungen. Er hat einen starken Text über Gott und seine Schöpfung und die Menschen verfasst, der die Erde als gemeinsames Haus und Leihgabe Gottes an alle Menschen beschreibt und dabei die Perspektive "des Südens" einnimmt. Das heißt: Eben jener benachteiligten Hälfte der Menschheit, die in diesem Haus die rußigen Kellerräume und den Hinterhof mit den Müllcontainern bewohnt.

Bild: © KNA

Der Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur, Ludwig Ring-Eifel, im Gespräch.

Aus dieser Perspektive betrachtet er die Bemühungen von Ländern wie Deutschland, die bei der Nutzung von erneuerbaren Energien, bei der Reinigung ihrer Flüsse und Wälder und beim Recycling beachtliche Fortschritte gemacht haben. Und er lobt sie ausdrücklich dafür, weil sie beweisen, dass es auch anders geht. Aufs große Ganze gesehen bewirkt das allein allerdings zu wenig, wie er bedauernd anmerkt.

Papst spricht von DER Sünde

Der Papst will mehr. Er glaubt, dass nur ein radikales Umdenken der Menschen die Schöpfung Gottes noch retten kann. Und weil er in erster Linie Seelsorger und Theologe ist, und nicht Politiker oder Politikberater, geht er dorthin, wo er als Priester die Wurzel des Übels vermutet: Er spricht von der Sünde.

Nicht nur von der üblichen "Umweltsünde", die auch er im Wegwerfen von Lebensmitteln und Plastikmüll, im Verschmutzen von Luft und Wasser erkennt, sondern von DER Sünde schlechthin. Sie besteht nach seiner Meinung darin, dass der Mensch die Harmonie zwischen dem Schöp­fer, der Menschheit und der gesamten Schöp­fung zerstört hat "durch unsere Anmaßung, den Platz Gottes einzunehmen, da wir uns ge­weigert haben anzuerkennen, dass wir begrenzte Geschöpfe sind."

Ohne es ausdrücklich zu benennen, nimmt der Papst ein Grundmotiv indianischer (nord- wie südamerikanischer) Natur-Philosophie auf, wenn er betont, dass "sich das menschliche Dasein auf drei fundamentale, eng miteinander verbundene Beziehungen gründet: die Bezie­hung zu Gott, zum Nächsten und zur Erde." Und er stellt fest: "Der Bibel zufolge sind diese drei lebenswichtigen Be­ziehungen zerbrochen, nicht nur äußerlich, son­dern auch in unserem Innern. Dieser Bruch ist die Sünde."

Skizze einer "Spiritualität der Schöpfung"

Es lohnt sich vor allem, die Stellen im ersten Drittel und gegen Ende der Enzyklika zu lesen, in denen er diese Gedanken entfaltet. Hier legt er das Fundament einer ökologischen Theologie, das bei seinem Vorgänger Benedikt XVI. bereits umrisshaft erkennbar war. Und Franziskus bleibt nicht bei der Diagnose von Bruch und Krankheit stehen. Er skizziert eine "Spiritualität der Schöpfung", von der er sich die Überwindung dieser Brüche und der daraus folgenden katastrophalen Entwicklungen erhofft. Er rückt die Ökologie vom Rand ins Zentrum des Christentums, wenn er schreibt: "Die Berufung, Beschützer des Werkes Gottes zu sein, praktisch umzusetzen gehört wesentlich zu einem tugendhaften Leben; sie ist nicht etwas Fakultatives, noch ein sekundärer Aspekt der christlichen Erfahrung."

Linktipp: Die Sorge für das gemeinsame Haus

Jetzt ist sie da: "Laudato si", die Umweltenzyklika von Papst Franziskus. Auf 222 Seiten entwickelt der Papst eine ganzheitliche Ökologie, die sich nicht nur auf Natur- und Klimaschutz beschränkt. Wir haben die Enzyklika schon gelesen und einiges Spannendes entdeckt. Klicken Sie sich einfach durch die Zusammenfassung der einzelnen Kapitel und sehen selbst, was Franziskus zu sagen hat.

Wie die meisten Enzykliken enthält "Laudato si" neben großartigen und im besten Sinne belehrenden Passagen auch Längen und Dopplungen. Und leider auch unausgegorene, manchmal sogar verworrene Gedanken. Vor allem da, wo der Papst die "Herrschaft des Finanzsystems" und der "Technokratie" beschreibt, urteilt er manchmal ungenau, pauschal und polemisch. Da schreibt er Sätze wie: "Das technokratische Paradigma tendiert auch dazu, die Wirtschaft und die Politik zu be­herrschen. Die Wirtschaft nimmt jede technolo­gische Entwicklung im Hinblick auf den Ertrag an, ohne auf mögliche negative Auswirkungen für den Menschen zu achten." Und seine Idee, dass eine Rezession in den reichen Ländern zu wirtschaftlichem Aufschwung in den armen Ländern führen könnte, würden vermutlich nicht mal Wirtschaftstheoretiker der Linken bestätigen.

Diese Schwächen ändern nichts daran, dass die erste ganz von Papst Franziskus (mit Unterstützung einiger Experten) verfasste Enzyklika starke Denkanstöße und Begründungen gibt. Er ermutigt Christen wie Nichtchristen, bewusster zu leben und sich politisch dafür einzusetzen, dass das gemeinsame Haus Erde für alle Geschöpfe bewohnbarer wird.

Der Autor

Ludwig Ring-Eifel ist Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Enzyklika "Laudato si"

Heute wurde die erste eigene Enzyklika von Papst Franziskus unter dem Titel "Laudato si" veröffentlicht. Sie beschäftigt sich vorrangig ökologischen Fragen. Katholisch.de hat alles Wichtige rund um das Schreiben für Sie zusammengestellt.

Von Ludwig Ring-Eifel