Papst Benedikt XVI. winkt vom Balkon auf den Petersplatz.
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Zwölfmal Ratzinger zum Liebhaben

Papst lacht lauthals

In seinen "Letzten Gesprächen" mit lässt Benedikt XVI. gleich an mehreren Stellen seine Persönlichkeit durchscheinen. Katholisch.de hat zwölf der schönsten persönlichen Anekdoten gesammelt.

Von Kilian Martin |  Bonn - 20.09.2016

1. Der junge Ratzinger

Wer im süddeutschen Raum auf den Namen Josef getauft wird, hört gemeinhin auf den Spitznamen "Sepp". Nicht so Joseph Ratzinger. Er hörte als Kind auf einen anderen Namen – welcher ihm aber gar nicht so recht war.

"Zuerst haben sie mich, als kleinen Bub, 'Josepherl' genannt. Dann habe ich aber, mit etwa acht Jahren, gesagt, das geht nicht so weiter, sonst bleibe ich mein Leben lang ein Josepherl, ich heiße von jetzt an Joseph! Diese Weisung ist dann auch beachtet und eingehalten worden."

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Ein Familienbild der Ratzingers aus dem Jahr 1938: Als Kind wurde der spätere Papst Benedikt XVI. (links) "Josepherl" gerufen. Der Spitzname gefiel ihm schon bald gar nicht mehr.

2. Der Mann im Hause Ratzinger

Als Joseph Ratzinger geboren wurde, war sein Vater bereits 50 Jahre alt. Als der Beamte in Pension ging, musste die Mutter arbeiten gehen, um für den Unterhalt der fünfköpfigen Familie zu sorgen. Vater Joseph war daraufhin "der erste Hausmann der deutschen Geschichte", schlussfolgert Peter Seewald. Eine Rolle, in die er sich erst einfinden musste, wie Benedikt berichtet.

"(Papst lacht auf.) Es war für ihn eine große Herausforderung. Er konnte nur eine Sache kochen, nämlich 'Schmarren'. Aber sonst musste er sich erst alles aneignen.

Seewald: Er hatte kein Problem, mit der Schürze dazustehen?

Er hat's gemacht.

Seewald: Er hat sogar Ihre Schuhe geputzt.

Das hat er sowieso immer gemacht, und zwar für die ganze Familie. Das war sein Ressort."

3. Ratzinger, der Radlfahrer

Auch heute noch ist es für viele junge Menschen ein Zeichen der Freiheit, endlich selbst hinter dem Steuer eines Autos zu sitzen. Auch Joseph Ratzinger war einst stolzer Eigentümer eines VW Golf, hat aber nie einen Führerschein gemacht. Warum eigentlich?

"Das weiß ich selber nicht…

Seewald: Weil Ihre Schwester so ängstlich war?

Nein, nein, da hätte ich mich nicht abhalten lassen. Mein Vater hatte gesagt, alle drei Kinder müssen den Führerschein machen. Keiner hat ihn gemacht. Ich hatte einfach keine Zeit. Und dann, ja, muss ich doch sagen, hatte ich das Gefühl, dass ich da in so einer Maschine drinsitze. Mit dem ganzen Wagen kreuz und quer durch die Welt zu steuern, erschien mir dann doch auch zu gefährlich."

4. Der gnädige Ratzinger

Im Anschluss an sein Studium wirkte Joseph Ratzinger zunächst als Dozent am Priesterseminar in Freising. Dort wurde er 1955 auch Studentenseelsorger. Eine Aufgabe erfüllte er dabei anscheinend sehr zum Gefallen der Studenten: die Beichte hören.

"Natürlich. Jeden Sonntag. So zwei Stunden durchschnittlich.

Seewald: Was hört man sich da an?

Es kamen vor allem Seminaristen. Ich war bei denen besonders beliebt, weil ich irgendwie sehr großzügig gewesen bin. (Lachen.)"

Als junger Dozent war Joseph Ratzinger in Freising auch Studentenseelsorger. In seiner Funktion als Beichtvater schätzten die Seminaristen ihn besonders.
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Als junger Dozent war Joseph Ratzinger in Freising auch Studentenseelsorger. In seiner Funktion als Beichtvater schätzten die Seminaristen ihn besonders.

5. Ratzinger räumt auf

Im Jahr 1957 habilitierte sich Dr. Joseph Ratzinger in München mit einer Schrift über den Kirchenlehrer Bonaventura. Einer seiner beiden Prüfer, der bekannte Theologe Michael Schmaus, fand die Schrift wenig überzeugend und gab sie ihm zur Überarbeitung zurück. Heute sagt Benedikt, dass dieser Dämpfer gut für ihn gewesen sei. Doch damals konnte er das komplett mit Rotstift markierte Manuskript wohl nicht schnell genug loswerden.

"Nein, das hab ich weggeworfen (Lacht.)

Seewald: Schon damals?

Damals, ja.

Seewald: Vor Zorn?

Ich hab's verbrannt.

Seewald: Im Ofen?

Im Ofen, ja."

6. Ratzinger und der Revoluzzer

Mitten in die wilde 68er-Zeit fiel die Zeit des Professors Ratzinger in Tübingen. Dort lehrte damals auch der marxistische Philosoph Ernst Bloch. Benedikt beschreibt das Treffen der beiden Denker – ganz im Stil der späten 60er Jahre.

"Ich war einmal im Haus Bloch eingeladen. Im ganz kleinen Kreis, so sechs, sieben Leute vielleicht. Das war kurios, muss ich sagen. Es war noch ein Araber mit dabei, den hatte vielleicht sogar ich mitgebracht. Jedenfalls hatte jemand eine Wasserpfeife, und der Bloch hat gesagt: 'Das wollte ich schon lange wieder einmal haben.' Dann zeigte sich allerdings, dass er damit gar nicht umgehen konnte. (Lacher.)"

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Als Berater des Kölner Kardinals Josef Frings hatte Joseph Ratzinger (rechts) beim Zweiten Vatikanischen Konzil viel Arbeit. Aber die Freizeit kam dennoch nicht zu kurz.

7. Ratzinger auf Kneipentour beim Konzil

Während der gesamten Dauer des Zweiten Vatikanischen Konzils war Joseph Ratzinger in Rom dabei. Viel Zeit für die Schönheiten der Stadt hatte der junge Theologe dabei allerdings nicht. Zum festen Tagesprogramm gehörten immerhin Spaziergänge, oft auch als Begleitung des Kölner Kardinals Joseph Frings. Dann und wann gaben sich die Konzilsteilnehmer aber doch dem abendlichen Dolce Vita hin.

"Vor allem dann in der Theologenkommission. Da haben wir öfter in Trastevere gezecht.

Seewald: Gezecht?

(Papst lacht lauthals.)"

8. Ratzinger hält den Wellen stand

Die Freizeit sollte beim Konzil insgesamt nicht zu kurz kommen. So verließ Ratzinger mit der Gruppe um den Kölner Erzbischof auch mal die Stadt für einen Ausflug. Ein herbstlicher Trip an die Küste dürfte dabei jedoch nicht allen in allerbester Erinnerung geblieben sein.

"Wir sind da mit dem Kardinal an Allerheiligen nach Capri gefahren. Vorher hatten wir Neapel angesehen, also die verschiedenen Kirchen und so weiter. Damals war die Fahrt nach Capri noch sehr abenteuerlich. Mit einem Boot, das unheimlich schwankte. Alle haben sich erbrochen, auch der Kardinal. Ich hab mich so weit beherrschen können. Aber in Capri war es dann sehr schön. Das war ein echtes Ausatmen."

9. Ratzinger sucht den Ruhepol

Der große Geistesarbeiter Benedikt verrät auch einiges über seine Arbeitsweise. So kann er etwa nicht arbeiten, wenn nebenher Musik läuft. Und er erklärt, wo er seinen Gedanken am besten nachgehen kann.

"Einerseits am Schreibtisch oder aber, wenn ich etwas gründlicher nachdenken muss, lege ich mich aufs Kanapee. Da kann man dann die Sachen ruhig bedenken.

Seewald: Sie hatten immer ein Kanapee in der Nähe?

Ein Kanapee brauche ich immer."

Zur Arbeit brauchte Papst Benedikt XVI. schon immer seine Ruhe.
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Zur Arbeit brauchte Papst Benedikt XVI. schon immer seine Ruhe. Nicht einmal Mozart durfte den Musikliebhaber Ratzinger am Schreibtisch ablenken.

10. Ein zugeknöpfter Papst

Die Ruhebedürftigkeit Joseph Ratzingers wurde ihm ausgerechnet in der Nacht vor seiner Amtseinführung als Papst am 24. April 2005 zum Verhängnis: Mitten in der Nacht wachte er auf und konnte vor lauter Nervosität lange nicht wieder einschlafen. Das Schlafpensum zeigte sich am nächsten Tag dann doch als ausreichend, dafür plagte den neuen Papst ein anderes Problem.

"Ich brauche viel Schlaf, so sieben, acht Stunden. Ja, und dann hatte ich große Mühe mit den Manschettenknöpfen. Die haben mich auch recht geärgert, so dass ich mir gedacht habe, der Erfinder muss tief ins Fegefeuer (lacht)."

11. Ratzinger und die alten Sprachen

Bereits als Jugendlicher übersetzte Joseph Ratzinger altgriechische und lateinische Texte – zum Spaß, wie er sagt. Die ersten Besprechungen als Chef der Glaubenskongregation im Jahr 1982 hielt er in lateinischer Sprache ab. Und auch seine Rücktrittserklärung am 11. März 2013 trug Papst Benedikt auf Latein vor. Vielleicht auch deshalb hat es einige Augenblicke gedauert, bis alle die Botschaft verstanden. Selbst die zum Konsistorium versammelten Kardinäle im Saal schienen nicht alle komplett zu verstehen, was der Papst ihnen da sagte. Aber warum sprach Benedikt überhaupt in dieser eigentlich doch ungebräuchlichen Sprache?

"Weil man so etwas Wichtiges auf Latein macht. Zudem ist Latein die Sprache, die ich so beherrsche, dass ich da anständig schreiben kann. Italienisch könnte ich natürlich auch schreiben, aber mit der Gefahr, dass ein paar Fehler drin sind."

12. Der emotionale Papst

Mit einem Scherz erinnert Peter Seewald an den Abend, an dem Papst Benedikt XVI. den Vatikan verließ und sein Pontifikat endete. Als er sich mit dem Hubschrauber auf den Weg nach Castel Gandolfo machte, sei er als erster "lebender Papst in den Himmel aufgefahren".

"(Papst lacht.) (…) Es hat mich schon sehr bewegt. Die Herzlichkeit des Abschieds, auch dass Mitarbeiter (Stimme wird brüchig) in Tränen waren. Dann war über dem Haus 'Pastor Bonus' eine große Aufschrift: 'Vergelt's Gott', und dann die Glocken von Rom (der Papst weint). Das hat mich schon sehr bewegt. Aber jedenfalls da drüberschweben und die Glocken von Rom läuten zu hören, da wusste ich, dass ich danken darf und die Grundstimmung die Dankbarkeit ist."

Von Kilian Martin