Papst warnt Katholiken vor falscher Nostalgie
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Franziskus feiert in Armenien Gottesdienst und besucht Mahnmal

Papst warnt Katholiken vor falscher Nostalgie

Papst Franziskus hat die Katholiken in Armenien vor einer nostalgischen Verklärung ihrer Vergangenheit und ihrer Religion gewarnt. Zuvor besuchte er das "Völkermord-Mahnmal" in Eriwan.

Gjumri - 25.06.2016

Wörtlich fuhr Franziskus fort: "Wenn aber der Glaube in die Archive der Geschichte eingeschlossen wird, verliert er seine verwandelnde Kraft, seine lebendige Schönheit und seine positive Offenheit allen gegenüber". Der Glaube biete vielmehr auch Hoffnung für die Zukunft des armenischen Volkes. Christliches Leben müsse außer dem Gedächtnis immer auch auf dem lebendigen Glauben und der barmherzigen Liebe gründen. Dies seien die drei Fundamente christlichen Lebens.

Franziskus mahnte vor einigen zehntausend Gottesdienstbesuchern zugleich ein stärkeres soziales Engagement an. "Es braucht Menschen guten Willens, die den Brüdern und Schwestern, die sich in Schwierigkeiten befinden, in der Tat und nicht bloß mit Worten helfen." Er forderte "gerechtere Gesellschaften, in denen jeder ein würdiges Leben führen und in erster Linie eine gerecht bezahlte Arbeit haben kann".

Papst würdigt armenischen Mönch Gregor von Narek

In seiner Predigt würdigte Franziskus den armenischen Mönch Gregor von Narek (951-1003) als Vorbild an Barmherzigkeit. Er hatte den Mystiker im vergangenen Jahr zum Kirchenlehrer erhoben. Gregor von Narek sei "ein großer Bote der göttlichen Barmherzigkeit", der die "menschlichen Erbärmlichkeiten immer in Dialog mit der göttlichen Barmherzigkeit gebracht" habe, erklärte er.

Zuvor hatte der Papst am zweiten Tag  seiner Armenien-Reise der Opfer der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich gedacht. Er besuchte er das "Völkermord-Denkmal" von Zizernakaberd in Eriwan, das an den Tod von schätzungsweise bis zu 1,5, Millionen Armeniern vor 100 Jahren erinnert. Dort legte er vor der ewigen Flamme eine weiße Rose nieder und sprach ein Gebet. Anschließend traf er mit Nachkommen von Opfern zusammen, die von Papst Benedikt XV. (1914-1922) gerettet und in dessen Sommerresidenz in Castel Gandolfo beherbergt wurden.

Begleitet wurde Franziskus vom Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche Katholikos Karekin II. und Staatspräsident Sersch Sargsjan. Der Präsident verlangte bei seiner Rede in Richtung Türkei, "die Dinge beim Namen zu nennen". Auch Karekin II. prangert mit Bezug auf die begangenen Verbrechen eine "fortgesetzte Politik der Leugnung" an.

Samstagabend ökumenisches Friedensgebet in Eriwan

Der armenisch-katholischen Kirche gehören nach vatikanischen Angaben 280.000 Gläubige der rund drei Millionen Armenier an. Sie ist eine mit Rom verbundene Kirche, die den Papst anerkennt. Nach einem Besuch der armenisch-apostolischen sowie der armenisch-katholischen Kathedrale von Gjumri steht Franziskus heute Abend ein ökumenisches Friedensgebet in Eriwan auf dem Programm.

Der Papst war am Freitag zu einem dreitägigen Besuch in Armenien eingetroffen. In seiner Begrüßungsrede bezeichnete er die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich zwischen 1915 und 1918 erneut als "Völkermord". Damals wurden zwischen 300.000 und 1,5 Millionen christliche Armenier, Pontos-Griechen, Assyrer und Aramäer ermordet. Während Historiker vom "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts" sprechen und der Regierung des damaligen Osmanischen Reichs die Hauptverantwortung zuweisen, räumt die Türkei bislang lediglich ein, dass es Massenvertreibungen und gewalttätige Auseinandersetzungen gegeben habe. In deren Folge seien hunderttausende Menschen gestorben. (bod/KNA)