Raus aus den Grotten, rein ins Leben
Franziskus besucht Erdbebenregion in Norditalien

Raus aus den Grotten, rein ins Leben

Papst Franziskus besuchte am Sonntag Carpi, um der Erdbebentragödie in Emilia Romagna 2012 zu gedenken. Beim Angelus-Gebet wandte er sich einer aktuellen Katastrophe zu - und predigte gegen Ängste an.

Von Agathe Lukassek |  Carpi - 02.04.2017

In der Nähe von Mantua in Norditalien liegt Carpi. Papst Franziskus besuchte die Stadt am Sonntag und dankte für den gelungenen Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 2012. Statt in den Trümmern des Lebens gefangen zu bleiben, gelte es mit Gottes Hilfe aus dem Schutt aufzustehen und mit geduldiger Hoffnung neu aufzubauen, sagte er bei einem Gottesdienst auf dem Domplatz. Die Kathedralkirche selbst war nach der Beseitigung der Erdbebenschäden erst eine Woche zuvor wiedereröffnet worden.

Im Dom traf Franziskus mit Kardinal Carlo Caffarra zusammen, dem emeritierten Erzbischof von Bologna. Das vatikanische Presseamt verbreitete ein Foto, das die beiden in Umarmung zeigt. Caffarra gehört zu den vier Kardinälen, die von Franziskus im November öffentlich eine Klarstellung seiner Aussagen zu wiederverheirateten Geschiedenen verlangten. An der Eucharistiefeier in Carpi nahm der 78-jährige Caffarra als Konzelebrant teil.

Im Zentrum der Gebete des Papstes standen an dem regnerischen Tag andere Konflikte und Naturkatastrophen: Franziskus gedachte der Opfer der Schlammlawine in Kolumbien. Er sei zutiefst betroffen über die Tragödie, sagte der Argentinier am Sonntag in einer spontanen Einlassung am Ende der Messe. Er bete für die Opfer und fühle mit den Angehörigen und den Rettern. Heftige Unwetter in der Provinz Putumayo im Südwesten des Landes hatten in der Stadt Mocoa eine Schlammlawine ausgelöst, die ganze Wohnviertel wegriss. Nach Angaben des Roten Kreuzes kamen mehr als 250 Menschen ums Leben, Hunderte sind verletzt oder werden vermisst.

Franziskus will Anfang September nach Kolumbien reisen. Nach bisherigen Planungen wird der Papst die Hauptstadt Bogota sowie Villavicencio, Medellin und Cartagena besuchen. Das Kirchenoberhaupt hatte die Visite für den Fall zugesagt, dass der Friedensprozess zwischen der Regierung und der FARC-Guerilla zu einem positiven Abschluss käme. Ein entsprechender Friedensvertrag wurde am 30. November vom Parlament angenommen.

Papst mahnt zu Besonnenheit in Venezuela und Paraguay

Der Pontifex nahm auch Bezug auf die politischen Krisen in Venezuela und Paraguay: "Ich bete für die Bevölkerung, die mir sehr am Herzen liegt", sagte er. Er fordere alle auf, für eine politische Lösung zu arbeiten und Gewalt zu verhindern. In Venezuela gilt weiterhin der Ausnahmezustand. Am Wochenende demonstrierten in der Hauptstadt Tausende gegen Präsident Nicolas Maduro. Die verfügte Entmachtung des Parlaments war vom Obersten Gericht am Samstag zurückgenommen worden.

Auch in Paraguay war es am Wochenende zu Unruhen gekommen. Im Streit um eine Verfassungsreform, die eine Wiederwahl von Präsident Horacio Cartes ermöglichen soll, hatten Demonstranten in der Hauptstadt Asuncion den Kongress gestürmt und Feuer gelegt. Es gab zahlreiche Verletzte.

Auch einem Krisenherd in Afrika wandte sich der Papst zu: Franziskus äußerte sich besorgt über Unruhen in der kongolesischen Provinz Kasai. Von den bewaffneten Zusammenstößen seien auch kirchliche Mitarbeiter und katholische Einrichtungen, Kirchen, Krankenhäuser und Schulen betroffen. Franziskus rief zum Gebet dafür auf, "dass die Herzen der Urheber solcher Verbrechen nicht Sklaven des Hasses und der Gewalt bleiben".

Seit dem vergangenen Jahr kommt es in der Provinz Kasai im südwestlichen Zentrum des Kongo verstärkt zu Gewalt. Vergangene Woche waren die Leichen zweier UN-Ermittler und ihres einheimischen Dolmetschers entdeckt worden, die seit Mitte März als vermisst galten. Die UN-Mitarbeiter, ein US-Mitarbeiter und eine Schwedin, sollten Menschenrechtsverletzungen in Kasai untersuchen. Bei Gefechten der Miliz Kamwina Nsapu mit Regierungstruppen kamen in der Region zwischen August 2016 und Mitte Januar nach Schätzungen von Hilfsorganisationen mehr als 600 Menschen ums Leben, rund 216.000 Menschen wurden von der Gewalt in die Flucht getrieben.

Jeder habe "ein kleines Grab" in sich

Der Pontifikalmesse wohnten mehrere Tausend Menschen bei. Mutmaßlich älteste Teilnehmerin war die 103-jährige Desdemona Lugli, die laut dem italienischen Fernsehen bekannte, sie habe "gestern vor Aufregung nichts gegessen".

Franziskus mahnte in seiner Predigt, sich nicht von Pessimismus und Traurigkeit einschließen zu lassen. Das "Geheimnis des Leidens" gehöre zum Leben. Auch Christen stünden in der Versuchung, "in Angst zu versinken und zu grübeln, die eigenen Wunden zu lecken". Resigniert zu wiederholen, "dass alles schlecht läuft und nichts ist wie früher", schaffe jedoch "eine Grabesatmosphäre", so der Papst.

Angesichts der großen "Warum"-Fragen des Lebens stünden Gläubige vor der Wahl, "schwermütig auf die Gräber von gestern und heute zu blicken oder Jesus zu unseren Gräbern zu führen". Jeder habe "ein kleines Grab" in sich, sagte der Papst: "eine Wunde, ein erlittenes oder begangenes Unrecht, einen Groll, der keine Ruhe gibt, ein wiederkehrendes Schuldgefühl, eine Sünde, die sich nicht überwinden lässt". Statt allein in "den dunklen Grotten zu bleiben, die wir in uns haben", sollten Christen sich von Jesus "Wege des Lebens eröffnen" lassen, sagte Franziskus.

Am Mittag traf der Papst mit den Bischöfen der Region sowie mit Priestern und Seminaristen zusammen. Am Nachmittag besuchte er das 25 Kilometer entfernte Mirandola. Dort sprach Franziskus vor dem Dom, der nach dem Erdbeben von 2012 noch immer unzugänglich ist, zur Bevölkerung. Sie solle nicht "der Verzagtheit nachgeben angesichts der Schwierigkeiten, die noch bleiben". Er denke an die "inneren Wunden" derer, die durch das Beben Angehörige oder ihr Lebenswerk verloren hätten. Für sie legte er zum Abschluss der Tagesreise ein Blumengebinde nieder. (mit Material von KNA und dpa)

2. April 2017, 19:30 Uhr: ergänzt um den Besuch in Mirandola

Von Agathe Lukassek