Pegida-Demo in Dresden
Theologin Sonja Strube über christliche Verbindungen in die rechte Szene

"Schockierende Beobachtungen"

Dass auch Gläubige nicht immer immun gegen die rechte Ideologie sind, beschreibt die Theologin Sonja Strube im Sammelband "Rechtsextremismus als Herausforderung für die Theologie". Im Interview spricht sie über die Verbindungen von Christen in die rechte Szene.

Von Michael Kniess |  Osnabrück - 26.06.2015

Frage: Frau Strube, was war für Sie ausschlaggebend, sich als Theologin mit dem Thema Rechtsextremismus auseinanderzusetzen?

Strube: Anlass zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Thema war für mich die Beobachtung, dass es Internetseiten gibt, die sich christlich nennen, aber zugleich rechtsextreme Inhalte verbreiten, wie es die Ende 2012 vom Netz gegangene Seite kreuz.net tat. Andere, sich christlich verstehende Internetseiten treten weniger extrem auf, pflegen aber Kontakte zu Medien der Neuen Rechten und zu extrem islamfeindlichen Medien. Diese Beobachtungen haben mich schockiert.

Frage: Inwiefern sind gerade Christen angesprochen, sich mit diesem Thema zu befassen?

Strube: Sie sind es aus mindestens zwei Gründen: Zum einen, weil wir Christen aufgrund unseres Glaubens aufgerufen sind, verfolgte und an den Rand gedrängte Menschen zu schützen und gegen Unrecht, Diskriminierung, Menschenfeindlichkeit und Gewalt in unserer Gesellschaft anzugehen. Zum anderen müssen wir uns aber auch mit dem Thema befassen, weil sich gezeigt hat, dass extrem rechte Einstellungen auch unter Christen verbreitet sind.

Frage: Worin liegt es begründet, dass auch Christen für diese Ideologie anfällig sind?

Strube: Verschiedene Studien zur Verbreitung rechtsextremer Einstellungen und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in der Bevölkerung kommen zu dem Ergebnis, dass diese Haltungen unter Christen teilweise sogar etwas überdurchschnittlich stark verbreitet sind. Die beiden Wissenschaftler Beate Küpper und Andreas Zick haben herausgearbeitet, dass vor allem die Überzeugung von der Überlegenheit des eigenen Glaubens über andere Glaubensweisen einhergeht mit weiteren Überlegenheits- und Ungleichwertigkeitsvorstellungen. Menschen, die eine solche religiöse Sichtweise rigoros vertreten, können bisweilen recht unbarmherzig, autoritär und menschenfeindlich sein - anderen oder auch sich selbst gegenüber. Ein anderer pragmatischer Grund für die zu beobachtende Zusammenarbeit extrem konservativer Christen mit rechten Gruppen und Medien dürfte in gesellschaftlichen und religiösen Prozessen des Wertewandels bestehen. Sehr konservative Menschen und Menschen, die sehr rigide Vorstellungen von "richtig" und "falsch" haben, befinden sich mit ihren Ansichten heute nicht mehr im gesellschaftlichen Mainstream. Stattdessen gehen aber politisch extrem rechte Gruppen bewusst und einladend auf sie zu.

Bild: © privat

Dr. Sonja Strube ist katholische Theologin mit den Schwerpunkten Biblische und Praktische Theologie.

Frage: Wo liegen hier die inhaltlichen Berührungspunkte?

Strube: Aktuell lässt sich eine Zusammenarbeit zwischen rechts-christlichen und politisch rechten Gruppierungen besonders deutlich bei den Themenbereichen Islam, Christenverfolgung und Familie feststellen. In politisch rechten Kreisen äußern sich fremdenfeindliche und rassistische Vorbehalte heute häufig als Islamfeindschaft, als kulturell begründeter antimuslimischer Rassismus. Ein Paradebeispiel wäre da die Internetseite "Politically Incorrect". Vorgegeben wird, es ginge um die Wahrung christlicher Werte, einer christlichen Identität oder eines christlichen Abendlandes, das dann in Abgrenzung zum Islam definiert wird. Hier ergeben sich Andockmöglichkeiten für Christen, die ihren Glauben vor allem durch Abgrenzung von anderen Religionen definieren oder die sich einem Dialog nicht gewachsen fühlen. Islamfeindliche Gruppen behaupten auch gerne, sie setzten sich gegen Christenverfolgungen ein. Sie erwecken den Eindruck, Christen wären immer nur Verfolgungsopfer, nie Täter, und sie würden ausschließlich durch Muslime verfolgt. Beides stimmt nicht mit den weltweiten Realitäten überein. Auch Menschen, die sich aus guten Gründen für verfolgte Christen einsetzen, werden bisweilen von solchen rechten Gruppen geblendet und geködert.

Frage: Und beim Themenfeld "Familie"?

Strube: Hier treffen sich konservative Christen und rechte Gruppen inhaltlich im Kampf für ein enges traditionelles Familienverständnis mit geschlechtsspezifischer Rollenaufteilung sowie im Kampf gegen alles, was ein solches Familienverständnis infrage stellt - sei es Frauenemanzipation oder Homosexualität. Während sehr konservative Christen durch eine bestimmte Interpretation biblischer Texte und ein bestimmtes, enges Verständnis von "Schöpfungsordnung" zu ihrer Weltsicht kommen, geht es rechten Gruppen um eine Ideologie der Stärke und daraus resultierende Vorstellungen von Männlichkeit, die zum Beispiel für emanzipierte Frauen und homosexuelle Männer keinen Platz hat. Trotz dieses Unterschieds arbeiten sich christlich verstehende Personen mit neurechten und extrem islamfeindlichen Medien zusammen, beispielsweise bei Petitionen und Demonstrationen gegen die Akzeptanz sexueller Vielfalt.

Frage: Welche christlichen Kreise sind in besonderem Maße gefährdet, ins rechte Fahrwasser zu geraten?

Strube: Grundsätzlich sind es Menschen, die besonders rigide Frömmigkeitsstile pflegen, strenge Regeln einhalten beziehungsweise von anderen deren Einhaltung fordern. Menschen, die sehr überzeugt davon sind, dass ihre eigenen Glaubensvorstellungen die einzig wahren sind und alle Andersdenkenden Sünder sind. Im katholischen Glaubensspektrum findet man solche Einstellungen verstärkt in Gruppen, die dem vorkonziliaren Traditionalismus nahe stehen oder den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnen, im evangelischen Glaubensspektrum unter Evangelikalen.

Zur Person

Dr. Sonja Strube ist katholische Theologin mit den Schwerpunkten Biblische und Praktische Theologie. Sie arbeitet derzeit in der interdisziplinären Forschungsgruppe "Frieden, Religion, Bildung" am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück zum Thema rechtsextreme Tendenzen in christlichen Milieus.

Frage: Wird Ihrer Ansicht nach das Thema "Rechtsextremismus" bislang in der Theologie ausreichend wahrgenommen?

Strube: Bei meinen Literaturrecherchen habe ich nur sehr wenig theologische Literatur zum Thema gefunden. Kirchengeschichtliche Forschung zur Epoche des Nationalsozialismus gibt es natürlich in größerem Umfang, doch Werke, die sich mit rechtsextremen Tendenzen unter Christen in der Gegenwart befassen, gibt es bislang so gut wie nicht. Rechtsextremismus wurde eher als ein außerkirchlich-gesellschaftliches Problem angesehen, und noch dazu als ein Randproblem und Randgruppenphänomen, das höchstens für die Jugendarbeit relevant ist. Nur im Bund der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) und in den Jugendverbänden wurde es früh und intensiv bearbeitet.

Frage: Nehmen kirchenleitende Personen und kirchliche Gruppierungen das Thema ernst genug?

Strube: Gegen offenen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus positionieren und engagieren sich kirchenleitende Personen und kirchliche Gruppierungen, zum Beispiel jährlich im Zusammenhang der Interkulturellen Woche, die ökumenisch verantwortet wird. Dass rechtsextreme Einstellungen und Tendenzen nicht nur ein Randgruppenproblem sind, sondern auch ein bürgerliches und ein kircheninternes, ist allerdings eine Einsicht, die ganz allgemein in unserer Gesellschaft erst allmählich wächst. Seit ich selbst Anfang 2011 auf die kircheninterne Dimension des Problems aufmerksam wurde, beobachte ich ein sich kontinuierlich steigerndes Problembewusstsein. Beschleunigt wurde dieses natürlich auch durch Ereignisse wie das Auffliegen und die Strafverfolgung von kreuz.net oder durch die Pegida-Demonstrationen, durch die vieles, was sich zuvor nur auf bestimmten Internetseiten abspielte, plötzlich auf der Straße sichtbar wurde. Aus meiner Sicht ist das Erkennen des Problems zunächst der wichtigste Schritt, aus dem sich dann auf verschiedenen Ebenen Handlungskonsequenzen ergeben, etwa im Umgang mit Rigidität, fundamentalistischen Frömmigkeitsstilen und so weiter.

Frage: Wo liegen Ansatzpunkte für kirchliches Handeln?

Strube: Zunächst gilt es, genau zu schauen, welche Glaubensweisen und Frömmigkeitsstile wie und warum mit politisch extrem rechten Einstellungen besonders deutlich harmonieren. Dass es vor allem - aber möglicherweise nicht nur - rigide und autoritäre Stile sind, legt nahe, solche Frömmigkeiten kirchlicherseits zu problematisieren und kritisch zu hinterfragen, statt sie, wie es bisher gelegentlich geschah, als "besonders fromm" auch noch hervorzuheben. Ein zweites Aufgabenfeld liegt aus meiner Sicht im Bereich des kirchlichen Umgangs mit theologischen Texten und Positionen des Antimodernismus des 19. Jahrhunderts. Diese Texte und Positionen sind - etwa weil sie Demokratie und Religionsfreiheit ablehnten - unter antidemokratisch oder rechtsextrem gesinnten Personen beliebt und dienen ihnen als "theologische Untermauerung" antidemokratischer Haltungen. Hier bedarf es einer kirchlichen Distanzierung von eigentlich längst überholten problematischen Texten und Positionen.

Buchtipp: Rechtsextremismus als Herausforderung für die Theologie

Im christlichen Glaubensspektrum gibt es Frömmigkeitsstile, die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und rechtsextreme Einstellungen eher fördern als reduzieren. Zu beobachten ist dies zum einen in verschiedenen quantitativen Studien, zum anderen auf einschlägigen Internetseiten mit zum Teil nennenswerter Leserschaft. Diesem Phänomen, das Kirchenleitungen wie theologische Forschung aufrütteln muss, geht dieser Band in Artikeln renommierter Experten aus der Rechtsextremismusforschung und Theologie interdisziplinär auf den Grund und eröffnet zugleich Lösungsperspektiven (ISBN: 978-3-451-31270-0)

Von Michael Kniess