Bruder Bernhard Johannes
Bernhard Johannes Schulte über seinen Arbeitsplatz im Petersdom

"Sie fühlen sich im Beichtstuhl ernst genommen"

Der Franziskaner-Minorit Bernhard Johannes Schulte ist Beichtvater im Petersdom. Im Interview berichtet er über seine Erfahrungen mit den Beichtenden im Heiligen Jahr und die Botschaft der Barmherzigkeit.

Von Johannes Schidelko |  Vatikanstadt - 16.11.2016

Bernhard Johannes Schulte (64), geboren in Leverkusen und Pater aus der deutschen Franziskaner-Minoritenprovinz, gehört seit Mai 2013 zu den Beichtvätern im Petersdom. Sein Dienst und der seiner mehr als 20 Mitbrüder ist von zentraler Bedeutung gerade im zu Ende gehenden Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, mit dem Papst Franziskus dem Bußsakrament mehr Beachtung verschaffen wollte. Gegenüber katholisch.de berichtet Bruder Bernhard Johannes über den Beichtdienst in der Vatikan-Basilika, und zieht ein Resümee seiner Erfahrungen im Heiligen Jahr.

Frage: Pater Bernhard Johannes Schulte, Ihr "Arbeitsplatz" ist der Petersdom, der zum Heiligen Jahr einen besonderen Ansturm von Pilgern aus aller Welt gesehen hat. Wie haben Sie das Heilige Jahr der Barmherzigkeit erlebt?

Schulte: Die Einladung des Papstes, das außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit zu feiern, hat ein positives Echo nach sich gezogen. Meine Erfahrungen, die ich hier machen konnte, waren sehr gut. Die Beichten der Katholiken sind mehrheitlich gut und ehrlich, so mein Eindruck. Die Menschen fühlen sich, und dies spüre ich gerade im Beichtstuhl, angesprochen und ernst genommen. Sie scheinen besser wahrzunehmen als noch in früheren Jahren, dass dieses Sakrament ihnen gut tut. Freilich fehlt mir der Vergleich zu einem früheren Heiligen Jahr. Sicher ist, dass mehr Menschen - vor allem mehr Pilger - gekommen sind als in den Vorjahren. Im Petersdom hat die Zahl der Beichtenden gegenüber den Vorjahren deutlich zugenommen, sich vielleicht sogar verdoppelt. Allerdings führte die bedrohliche Lage durch den Terrorismus zu einer noch stärkeren Präsenz von Sicherheitskräften. Daraus wiederum ergaben sich deutlich längere Wartezeiten vor den Eingängen der Basiliken.

Frage: Im Mittelpunkt des Heiligen Jahres stand die Botschaft der Barmherzigkeit. Hat die Botschaft gezündet, ist sie angekommen?

Schulte: Wer die Ansprachen und Predigten von Papst Franziskus verfolgt hat, kann die Eingängigkeit seiner Botschaft von der Barmherzigkeit nachempfinden und verstehen. Uns Beichtväter sagt er immer wieder sehr nachdrücklich: Seid barmherzig! Die Frage, ob die Botschaft gezündet hat, kann ich durchaus mit Ja beantworten. Es gibt nicht wenige Personen, besonders aus Deutschland, die dieses Sakrament für sich wiederentdeckt haben. Manche finden nach Jahren den Weg in den Beichtstuhl, manche sogar zum ersten Mal in ihrem Leben. Dabei schenken die Beichtenden mir umgekehrt den Trost der Barmherzigkeit Gottes. Jedenfalls gehört dies zu meinen schönsten Erfahrungen. Das finde ich wunderbar!

Frage: Papst Franziskus wollte mit dem Jahr der Barmherzigkeit das "vergessene" Bußsakrament wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Ist das gelungen?

Schulte: Diese Frage rührt an das innere Geheimnis der Begegnung Gottes mit uns Menschen. Ich glaube, dass das Sakrament der Versöhnung seinen Platz in der Pastoral der Kirche zurückgewinnen wird. Vorausgesetzt, dass die Priester ihre eigene Erfahrung mit dem Bußsakrament positiv umsetzen und auf die Gläubigen anwenden, so wird diese Möglichkeit mit Gott zu kommunizieren als Bereicherung erkannt werden.

Papst Franziskus geht durch die Heilige Pfort im Petersdom. "Ich habe die Beobachtung gemacht, dass die vielen Menschen den Weg durch die Heilige Pforte - ein Element bei der Durchführung des Ablasses - mit Andacht und Einsicht gehen," sagt Bruder Bernhard.

Frage: Was hat das Durchschreiten der Heiligen Pforte zur Gewinnung des Jubiläumsablasses in den Pilgern ausgelöst? Haben Sie mitteilbare Eindrücke?

Schulte: Der Ablass ist kein einfacher Begriff. Doch das Ritual zur Gewinnung der Ablassgnade scheint ungefragt von den Menschen befolgt zu werden. Trotz der Schwierigkeit, dass man den Ablass letztlich nie ganz verstehen kann. Gott kennt viele Wege zum Menschen. Wie auch immer kann man daran sehen, dass die Pilger auch der Kirche ein großes Vertrauen entgegenbringen, nach wie vor. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass die vielen Menschen den Weg durch die Heilige Pforte - ein Element bei der Durchführung des Ablasses - mit Andacht und Einsicht gehen. Manchmal fragen sie mich auch im Beichtstuhl nach dem Ablass oder sie berichten von ihrer Motivation.

Frage: Worin bestand in diesem Jahr Ihre Tätigkeit - über das Beichte-Hören hinaus? Haben Sie auch Vorträge über das Bußsakrament gehalten oder Katechese-Reihen geleitet?

Schulte: Nein. Der Beichtdienst verträgt keinen Dienst und keine andere Beschäftigung nebenher. Man muss sogar sehr streng darauf achten, dass man zwischen der Tätigkeit als Beichtvater und der Rolle eines geistlichen Begleiters unterscheidet.

Frage: Was hat das Heilige Jahr konkret für die Beichtväter im Petersdom bedeutet?

Schulte: Ganz einfach: Mehr Zeit im Beichtstuhl. Zudem wurde die Zahl der Beichtväter erhöht, von 14 auf mehr als 20. Somit konnten und können wir durchgehende Beichtzeiten in der Advents- und Weihnachtszeit, in der österlichen Bußzeitzeit und in den Sommermonaten anbieten: täglich von 7 bis 19 Uhr. Dabei ist zu bedenken, dass jeder Beichtvater in der Woche 24 Stunden seinen Dienst zu tun hat.

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Die Aufgabe von Bruder Bernhard Johannes ist es, den Menschen im Petersdom die Beichte abzunehmen. Was er im Beichtstuhl erlebt und warum seiner Meinung nach in Deutschland so wenig gebeichtet wird, erzählt er im Interview mit katholisch.de. (Artikel vom April 2016)

Frage: Wie sind Sie zu dieser Aufgabe in Rom gekommen. Welche Voraussetzungen waren notwendig?

Schulte: Nach dem Provinzkapitel 2011 kam mein neugewählter Provinzialminister P. Bernhardin Maria Seither zu Besuch in unser Kloster. Er bat mich, zu bedenken, ob ich mir den Dienst als Beichtvater im Petersdom vorstellen könnte. Nach einer Bedenkzeit habe ich dazu Ja gesagt. Das bedeutete zunächst, dass ich mit 60 Jahren Italienisch lernen musste. Denn von uns Beichtvätern wird erwartet, dass wir die Beichte nicht nur in unserer Muttersprache, sondern in jedem Fall auch auf Italienisch hören können - und möglichst noch in anderen Sprachen. Dann musste ich - auf Italienisch - vor dem für uns zuständigen Kirchengericht der Pönitentierie eine Prüfung abgelegen. Dort wird geprüft, ob der künftige Beichtvater pastoral einfühlsam ist und kirchenrechtlich korrekt mit den Sünden der Beichtenden umgeht. Es gibt Sünden, von denen wir keine Lossprechung geben können, etwa bei sakrilegischem Umgang mit der Eucharistie oder bei physischen Angriffen auf den Papst. In solchen Fällen müssen wir uns an die Pönitentierie wenden, der die Absolution von diesen Sünden vorbehalten ist.

Frage: Wie versehen die Beichtväter im Petersdom ihren Dienst? Wie viele Beichtstühle besetzen Sie, wie viele Sprachen bieten Sie an?

Schulte: Ich hoffe, dass wir unseren Dienst gut versehen. Es gibt in unserer Gemeinschaft 14 Mitbrüder für exakt 14 Beichtstühle im nördlichen Teil der Basilika. In diesem Jahr sind zusätzliche Beichtväter hinzugekommen. Im südlichen Teil gibt es noch weitere Beichtstühle, die von Mitbrüdern anderer Gemeinschaften an hohen Festtagen und Sonntagen besetzt werden. Wir als Franziskaner-Minoriten sind jeden Tag hier. Insgesamt bieten wir den Beichtdienst in praktisch allen europäischen Sprachen an und auch auf Chinesisch.

Frage: Wie ist Ihr Dienst geregelt?

Schulte: Der Dienst der Beichtväter, die gemeinsam in einem Konvent im Palazzo der Pönitentierie wohnen, ist durch ein Statut geregelt. Die Beichtväter dürften pro Tag höchsten fünf Stunden im Petersdom die Beichte hören, davon maximal drei Stunden zusammenhängend. Einmal pro Woche haben wir eineinhalb Tage am Stück frei. Natürlich bekommen wir Urlaub, aber wir müssen dann eine Vertretung besorgen. Mit Vollendung des 75. Lebensjahres müssen wir den Dienst beenden.

Von Johannes Schidelko