Smartphone und Habit: Deutschlands jüngster Mönch
Ein Besuch bei Frater Ignatius Maria

Smartphone und Habit: Deutschlands jüngster Mönch

Nach dem Abitur zog Paul Faulhaber aus Leipzig nach Bayern - für ein freiwilliges soziales Jahr. Fast fünf Jahre später ist er noch immer dort. Heute heißt er frater Ignatius Maria und ist Benediktinermönch.

Von Julia Martin |  Plankstetten - 11.09.2017

Am 25. Januar 2014 begann Paul Faulhabers neues Leben. An diesem Tag bekam er einen neuen Namen, neue Kleidung und eine neue Lebensregel: Ora et labora. Aus dem Abiturienten wurde der Novize frater Ignatius Maria Faulhaber: der Jüngste der Benediktiner im bayerischen Kloster Plankstetten. Ein Jahr später legte er seine zeitliche Profess ab: Für drei Jahre versprach er Beständigkeit, klösterlichen Lebenswandel und Gehorsam in der Abtei. Ein Weg, den er so nicht geplant hatte.

Heute ist die Abtei im Bistum Eichstätt das Zuhause des inzwischen 23-Jährigen. Gemeinsam mit seinen 14 Mitbrüdern lebt er dort nach der Regel des Heiligen Benedikt – betend und arbeitend. Dass der Nächstjüngste zum Zeitpunkt seines Eintritts so alt ist wie sein Vater war für ihn von Anfang an kein Problem. Seine Mitbrüder hätten es immer geschafft, sich gut auf ihn einzustellen. Die Lebensart der Mönche war es auch, die in ihm den Wunsch weckten, ein Teil der Gemeinschaft werden zu wollen. Denn eigentlich wollte Paul Faulhaber nach seinem Abitur "nur" Priester werden.

Für diese Entscheidung wollte er sich Zeit nehmen. "Ein Jahr an einem kirchlich geprägten Ort fand ich ganz gut." Ein Kloster in Bayern sollte es werden. Fernab von seiner Familie in Leipzig. Aus Plankstetten im Bistum Eichstätt sei schnell eine sehr nette Antwort vom Abt gekommen. Einen Besuch später war klar: im dortigen Jugendhaus würde Paul Faulhaber sein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen. "Ich bin aber nicht mit dem kleinsten Gedanken daran gekommen, dass ich hier ins Kloster eintreten könnte."

Das Kloster Plankstetten liegt im Herzen der Oberpfalz im gleichnamigen Ort. Das Dorf ist vom Kloster geprägt: die Hauptstraße ist nach dem berühmten Abt Maurus benannt, die Bushaltestelle in der Ortsmitte trägt die Bezeichnung "Plankstetten Abtei" und wer den Ortsnamen in der Google-Suche eingibt, landet zwangsläufig erst einmal auf der Klosteradresse. Für das Umland sind die Benediktiner dort eine Institution. Auch im katholisch geprägten Bayern eine Besonderheit. Das Kloster ist keine mit dicken Klostermauern abgeschirmte andere Lebenswelt. Die Arbeit der Mönche und Präsenz gehören einfach zum Ort dazu.

In dieser Umgebung sei Paul im Lauf seines FSJ zunächst klar geworden, dass er eine Berufung zum Priester habe. Und irgendwann kam der Wunsch nach dem gemeinschaftlichen Leben im Kloster dazu. Fünfmal pro Tag kommen die Mönche in Plankstetten zum Stundengebet zusammen, zusätzlich feiern sie täglich die Heilige Messe. Dort war Ignatius regelmäßig, später auch bei der Vesper und, je nach Arbeitszeit, bei der Mittagshore. Die Mönche nahmen ihn bei sich auf, luden ihn zum Abendessen in den Konvent ein – bis er gegen Ende seines FSJ  täglich mit ihnen isst. Irgendwann habe einer seiner jetzigen Mitbrüder ihn zur Seite genommen und gesagt, dass der Konvent für seinen möglichen Eintritt ins Kloster durchaus offen wäre. "Das hat mir geholfen: Zu wissen, dass ich dort nicht nur geduldet werde, sondern auch geschätzt und willkommen bin", erklärt frater Ignatius.

Der Konvent des Benediktinerordens Plankstetten beim Stundengebet in der Klosterkirche.

Nach Gesprächen mit seinen Eltern und seinem geistlichen Begleiter war für ihn klar: Er will ins Kloster eintreten. Anfangs seien seine Eltern über seine Entscheidung ins Kloster zu gehen eher erschrocken gewesen. Während seines Noviziats habe seine Mutter ihm einen langen Brief geschrieben. "Sie hat mir darin erklärt, dass sie meine Entscheidung gut fänden, nur eben eine Zeit lang gebraucht haben, bis sie sich daran gewöhnt hätten." Heutzutage scheint es einfach kein Lebensweg wie Lehrer oder Anwalt zu sein, glaubt er. Sein Opa meinte sogar zu ihm: "Priester wäre ja noch ok, aber gleich ins Kloster?" Doch er weiß, dass seine Familie hinter ihm steht. Das ist für ihn wichtig. Gegen ihren Willen wäre dieser Lebensweg für ihn wohl kaum möglich.

Und Freunde aus seiner Heimat Leipzig sind für ihn da und besuchen ihn im Kloster. Dann merke er, dass ihm manchmal der Austausch mit Gleichaltrigen fehle. Sein Studium empfinde er deshalb als besonders wertvoll. Im Oktober beginnt das 5. Semester. In Salzburg. Ignatius lebt dort in einer Gemeinschaft mit anderen jungen Ordensleuten, die an der theologischen Fakultät studieren. Im Gegensatz zu Priesterseminaren kann er dort sein Leben besser im Rahmen der Ordensregel führen – wenn auch mit zeitlich abweichendem Stundengebet. "In Salzburg fangen wir erst um 6 Uhr an. Wenn ich dann in den Semesterferien nach Hause komme, ist das für mich eine große Umstellung." In Plankstetten hingegen klingelt der Wecker um 4:30 Uhr. Gerade am Anfang der Ferien sei es ihm schon passiert, dass er die Vigil um 5 Uhr innerhalb von zwei Wochen drei Mal verschlafen habe.

Bild: © katholisch.de

Frater Ignatius betet in der Kapelle des Klosters Plankstetten.

Einen inneren Rhythmus für die Stundengebete hat Ignatius allerdings nicht. Etwas anderes hat er von Anfang seines Noviziats an verinnerlicht: Seinen Ordensnamen und das Tragen des Habits. Kein komisches Gefühl? "Ich hab mich ein bisschen gefürchtet davor. Vor allem vor dem Bewegungsablauf, dass ich auf der Treppe drauftrete." Doch das habe sich von selbst erledigt. Das Ordensgewand wurde zur Alltagskleidung. Und auch sein neuer Name: "Ab dem Zeitpunkt der Einkleidung habe ich mich mit 'frater Ignatius' am Telefon gemeldet." Ein Ordensname, den er sich selbst ausgesucht hat. Ignatius von Loyola hat für ihn eine große Bedeutung. Ein Leben im Jesuitenorden konnte er für sich bereits während seiner FSJ-Zeit ausschließen.

Ganz entscheidend sei für ihn die Lebensführung der Mönche im Kloster Plankstetten gewesen: Glauben und Handeln im Einklang mit der ökologischen Landwirtschaft. Das Zuhause der 15 dort lebenden Benediktiner gleicht einem kleinen Unternehmen. Sie betreiben Landwirtschaft, Bäckerei, Metzgerei, Schreinerei und Gästehaus. Mit nachhaltigem Bewusstsein. Bereits 1994 wurde die Landwirtschaft komplett auf organisch-biologische Wirtschaftsweise umgestellt. Ein Schritt, für den die Abtei damals noch belächelt wurde. Unter Abt Gregor Maria, dem jetzigen Bischof von Eichstätt, ging das Kloster den ersten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.

Heute ist es auch überregional als "grünes Kloster" bekannt. 350 Hektar Klosterland werden ökologisch bewirtschaftet, auf dem klostereigenen Bauernhof stehen Kühe und Schweine in Offenställen. Masttiere, die in der Klostermetzgerei geschlachtet und verarbeitet werden. In der Klosterbäckerei  wird mit dem eigens angebauten Getreide gebacken – unter der Leitung von Frater Bonifatius, ein gelernter Bäckermeister. Verkauft werden die Backwaren neben Wurst, Fleisch und Gemüse aus dem heimischen Anbau im Klosterladen. Und frater Ignatius hilft dort, wo er gerade gebraucht wird, wenn er im Kloster ist. Denn etwas zu tun ist in der Abtei immer.

Erholung und Entspannung im Heimatkloster kennt Ignatius nicht. Das ist für ihn auch oft anstrengend: "Wenn ich in Salzburg bin, trage ich immer ein Stück aus Plankstetten mit und umgekehrt." Wenn er während des Semesters einmal pro Monat Zuhause ist, heißt es für ihn volle Präsenz. Ora et labora. Doch genau dieses Leben will Ignatius führen. Und er wünscht sich, dass dieser Berufungsweg mehr ins Bewusstsein der Menschen gelangt und aufgewertet wird. Selbst innerhalb der Kirche hat er oft das Gefühl, dass Orden oder Priesterberufe ein Nischendasein fristen: "Man muss sich bewusst fragen: Wozu beruft mich Gott? Beruft er mich zur Ehe – und das ist genauso eine Berufung – oder eben zu einem Leben im Kloster oder einer Weihe?"

Bild: © katholisch.de

Frater Ignatius schaut bei einer Klosterführung für die genaue Anzahl der Tiere auf das Smartphone.

Viele Menschen befinden sich oft im Glauben, dass Mönche dickbäuchige bierbrauende Herren mit Tonsur sind, die im Kloster eingesperrt fernab jeglicher Realität vor sich hin leben. Frater Ignatius müsste nicht einmal etwas sagen, um das Gegenteil zu beweisen: Seine dunkelblonden Haare sind nicht zur Tonsur rasiert, sondern das Ergebnis von moderne Frisur und etwas Gel. Das Smartphone findet neben diversen Schlüsseln und Stift in einer Tasche des Habits Platz. Realitätsferne zeigt also nur das Bild, das sich die Gesellschaft von Klosterleben macht.

Frater Ignatius enttäuscht aber vielmehr etwas anderes: Jungen Menschen werde nicht aufgezeigt, dass ein geistliches Leben eben auch eine Möglichkeit sein könne. Und auch die Klöster und Orden könnten durchaus mehr Präsenz und Selbstbewusstsein nach außen zeigen. Eine Möglichkeit ist da Facebook. Für die Benediktinerabtei kümmert sich Frater Ignatius gemeinsam mit einem seiner Mitbrüder um die Präsenz in Social Media. "Auch, wenn einige der älteren Mitbrüder nicht wissen, was eine Facebookseite eigentlich ist", erklärt er schmunzelnd. Doch Facebook kommt an. Knapp 700 Fans hat die Seite und die Benediktiner sind auch in Social Media dabei.

Für den jungen Mönch ist klar: Ohne die Orden fehlt der Gesellschaft etwas. Denn nur solange es Orden gibt, können etwa gestresste Manager ins Kloster zur benediktinischen Auszeit kommen. Oder auch alle, die eine Auszeit im Kloster brauchen. Eine Meditation im Stundengebet, das Gespräch mit Gott – das ist für Frater Ignatius Wellnessprogramm für die Seele. Und das ganz kostenlos. Doch es braucht Menschen, die nach der Regel des heiligen Benedikt leben, um das zu transportieren. Das will Frater Ignatius Maria auch noch weiter tun. Im Januar 2018 läuft seine zeitliche Profess ab. Dann wird er noch zu jung sein, um seine ewige Profess abzulegen. Dieses Ordensgelübde kann er frühestens nach dem nächsten Sommersemester in Salzburg ablegen. Bevor es soweit ist wird er seine Entscheidung noch einmal vor Gott prüfen: Eine Woche Exerzitien bei seinem geistlichen Begleiter. Und ganz in Stille soll Gottes Ruf und Willen für sein Leben noch einmal deutlich zum Klingen bringen.

Von Julia Martin