Das Washington Monument in der us-amerikanischen Hauptstadt Washington D.C.
Debatte nach Missbrauchsskandal verschärft sich

Theologen fordern Rücktritt aller US-Bischöfe

Sämtliche US-Bischöfe sollen dem Papst ihren Rücktritt anbieten: Das fordern 140 Theologen und Laien wegen des jüngsten Missbrauchsskandals. Derweil hat ein weiterer Kardinal seine Teilnahme am Weltfamilientreffen abgesagt.

Washington - 20.08.2018

In den USA sorgt der jüngste Missbrauchsskandal für eine Debatte um die Strukturen in der katholischen Kirche. Rund 140 Theologen und Laien forderten die Bischöfe des Landes in einer Erklärung auf, dem Papst geschlossen ihren Rücktritt anzubieten. Das Versagen im Umgang mit dem Missbrauch durch Priester erfordere einen kollektiven Amtsverzicht "als öffentlichen Akt der Reue und des Bedauerns vor Gott und dem Volk Gottes".

Als Vorbild verweisen die Unterzeichner auf Chile, wo im Mai fast der gesamte Episkopat wegen eines ähnlich weit reichenden Skandals den Rücktritt angeboten hatte. "Systemische Sünde" könne nicht durch individuellen guten Willen beendet werden, so die auf Englisch und Spanisch verfasste Erklärung. "Die von ihr verursachten Wunden werden nicht geheilt durch Erklärungen, interne Untersuchungen oder PR-Kampagnen, sondern eher durch kollektive Verantwortlichkeit, Transparenz und das Aussprechen der Wahrheit."

Bürokraten statt Seelsorger

John Bambrick, katholischer Priester und selbst Missbrauchsopfer, warf den Kirchenoberen "hohle Entschuldigungen" und "fromme Plattitüden" vor. Im "Time"-Magazin plädiert er dafür, bei der Wahl von Bischöfen die Laien in den jeweiligen Bistümern zu beteiligen. Statt wahrer Seelsorger gelangten zu oft Bürokraten und Funktionäre ins Bischofsamt.

Kardinal Donald W. Wuerl.
Bild: © KNA

Steht wegen des US-Missbrauchsskandals in der Kritik: Kardinal Donald W. Wuerl.

Der kirchliche Kinderschutzexperte Hans Zollner betonte in Interviews mit der italienischen Zeitung "La Stampa" und dem Portal VaticanNews, gegen den Missbrauch Minderjähriger brauche es nicht nur Gesetze, sondern auch einen Mentalitätswandel in der Kirche. Zu lange habe es "eine Kultur der Vertuschung, der Negierung und des Schweigens" gegeben, so der deutsche Jesuit, der das Kinderschutzzentrum an der Päpstlichen Universität Gregoriana leitet. Der jüngste Bericht aus den USA zeige auch, dass seit Einführung präziser Verfahrensregeln durch die Bischöfe im Jahr 2002 die Zahl der Fälle drastisch gesunken sei.

Papst soll klare Worte finden

Dublins Erzbischof Diarmuid Martin erwartet von Papst Franziskus bei dessen Irlandbesuch klare Worte zu den Skandalen. Der Papst müsse "offen über unsere Vergangenheit, aber auch über unsere Zukunft sprechen", sagte Martin am Sonntag bei einem Gottesdienst in Dublin. Dort wird Franziskus am kommenden Wochenende beim Weltfamilientreffen erwartet. Die Zahl aller Opfer sei "immens", so Martin. Immer noch kenne man nur die Identität einiger. Es gebe viel Zorn über eine Kirche, die autoritär, hart und selbstschützend gehandelt habe.

Unterdessen hat der Washingtoner Erzbischof Donald Wuerl laut irischen Medienberichten seine Teilnahme am Weltfamilientreffen in Dublin abgesagt. Laut Programm sollte er eine Rede über das Wohlergehen der Familie halten. Nach dem Bostoner Erzbischof Kardinal Sean O'Malley wäre Wuerl der zweite prominente US-Bischof, der anders als geplant nicht zu dem Treffen kommt. Während O'Malley seine Absage damit begründete, seine Anwesenheit in Boston sei wegen einer aktuellen Untersuchung in seinem Priesterseminar erforderlich, gibt es für Wuerls Absage bisher keine Begründung. Vor seiner Ernennung zum Erzbischof der US-Hauptstadt war Wuerl 18 Jahre lang Bischof der Diözese Pittsburgh. In dem am Dienstag veröffentlichten Bericht des Generalstaatsanwalts von Pennsylvania über Missbrauchsfälle und deren Vertuschung wird sein Name oft genannt.

Der Bericht der staatlichen Jury zum Missbrauch in sechs Bistümern des US-Bundesstaats erschüttert die USA. Der Report beschuldigt rund 300 zumeist verstorbene Priester, in den vergangenen 70 Jahren mindestens 1.000 Kinder und Jugendliche missbraucht zu haben. (tmg/KNA)