Die Saint Mary-Kathedrale in Mineapolis.
Nach Missbrauchsfällen sitzt nun auch die Kirchenleitung auf der Anklagebank

Versagen der Erzdiözese?

Selten zuvor haben staatliche Behörden so massiv gegen die katholische Kirche durchgegriffen wie derzeit im US-Bundesstaat Minnesota. Dort sitzt das Erzbistum Saint Paul und Minneapolis wegen Fällen von Missbrauch auf der Anklagebank.

Von Thomas Spang (KNA) |  Minneapolis - 11.06.2015

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft war es kein Geheimnis für die Zuständigen, dass Wehmeyer wiederholt junge Männer an einschlägig bekannten Plätzen traf. Dabei sei er sogar mit der Polizei aneinander geraten. Statt die Berichte über die Probleme des Geistlichen ernst zu nehmen, gab ihm die Erzdiözese die Verantwortung für eine Pfarrei, wo er sich später an Minderjährigen sexuell verging.

Seit 2013 sitzt der 50 Jahre alte Wehmeyer nach einem umfassenden Schuldeingeständnis wegen Sexualvergehen und dem Besitz von Kinderpornografie in Minnesota hinter Gittern. Dort verbüßt er eine fünfjährige Haftstrafe. Im Nachbarstaat Wisconsin sind weitere Klagen gegen den inzwischen aus dem Priesteramt entlassenen Mann anhängig.

Symbolischer Charakter der Strafanklage

Dass Staatsanwalt Choi es darauf nicht beruhen lässt, sondern nun gegen das Erzbistum strafrechtlich vorgeht, ist in den USA ohne Beispiel. "Wir halten der Erzdiözese Saint Paul und Minneapolis über den Zeitraum von Jahrzehnten ein irritierendes institutionelles und systematisches Verhaltensmuster auf den höchsten Führungsebenen vor", erklärte Choi bei Klageerhebung in sechs Fällen. Einzeln betrachtet werden die Tatbestände mit nicht mehr als einer Geldstrafe von 3.000 Dollar belangt.

Doch der symbolische Charakter der Strafanklage sorgte in den USA eine öffentliche Welle, da erstmals eine Staatsanwaltschaft offiziell nicht nur gegen einzelne Straftäter, sondern gegen eine Institution vorgeht. "Das Versagen der Erzdiözese hat großes Leiden bei den Opfern und deren Familien verursacht und unsere gesamte Gemeinde betrogen", erklärte Choi. Das Strafrechtsverfahren folgt einer Reihe an Zivilklagen, für die das Parlament von Minnesota 2013 mit dem "Childs Victim Act" die Tür aufgestoßen hat.

Hintergrund: Eine unhaltbare Situation

Die Opfer sexueller Übergriffe von Priestern im Mittleren Westen der USA haben schon lange auf das Abdanken des umstrittenen Bischofs gewartet. Jetzt ist Robert Finn, Oberhirte von Kansas-City, zurückgetreten.

Das Erzbistum kündigte an, mit der Staatsanwaltschaft zusammen zu arbeiten. "Wir bedauern zutiefst den Missbrauch, den die Opfer Curtis Wehmeyers erdulden mussten und fühlen mit allen Opfern sexuellen Missbrauchs", erklärte Weihbischof Andrew Cozzens in einer kurzen Stellungnahme für das Erzbistum. "Wir werden weiterhin mit dem Büro der Anklage von Ramsey County kooperieren."

Sprecher der Opferverbände zeigten sich erleichtert über das Durchgreifen der Staatsanwaltschaft. "Der Dank geht in diese Fall an die Gesetzgeber von Minnesota", meint David Clohessy vom "Survivors Network of the Abused by Priest". Diese hätten die gesetzlichen Grundlagen geschaffen, die Verantwortlichen jetzt zur Rechenschaft ziehen zu können.

Mitarbeiterin der Erzdiözese als Kronzeugin

Befriedigt äußerte sich auch die Expertin für kanonisches Recht und Mitarbeiterin der Erzdiözese, Jennifer Haselberger, die sich den zivilen Strafverfolgungsbehörden als Kronzeugin zur Verfügung gestellt hatte. Die "Whistleblowerin" lieferte einen guten Teil der Informationen, auf die sich die Anklage nun stützt.

Die Ermittler haben insgesamt mehr als 170.000 Seiten an Dokumenten zusammengetragen und über 50 Interviews durchgeführt. Aus dem Umfeld der Staatsanwaltschaft hieß es, die Ermittlungen seien noch keinesfalls abgeschlossen. Ob sich am Ende auch der Erzbischof und andere Kirchenführer persönlich verantworten müssen, blieb offen.

Von Thomas Spang (KNA)