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Digitales Fasten wird immer mehr zum Trend

Verzicht bringt Gewinn

Fastenbräuche haben eine lange Tradition. Die Tage bis Ostern sind eine Zeit der Besinnung, Umkehr und Buße. Doch auch jahrhundertealte Bräuche wandeln sich. Neben klassischen Fastentraditionen entwickeln sich zunehmend auch neue Trends. So üben sich immer mehr Menschen auch in medialer Abstinenz.

Bonn - 15.02.2013

Heute ist die Fastenzeit nicht mehr nur allein an religiöse Rituale gebunden. Stetig steigt die Zahl derer, die die österliche Bußzeit zum Anlass nehmen, das gewohnte Konsumverhalten zu verändern. Dabei steht nicht nur der Verzicht auf Nahrungs- und Genussmittel im Vordergrund. Viele Menschen schränken während der Fastenwochen ihren Medienkonsum ein und reduzieren Zeiten im Internet oder vor dem Fernseher.

Pling - Sie haben eine neue Nachricht. Wen reizt es nicht, eingehende Mails unmittelbar abzurufen? Dank Smartphone, Tablet __amp__ Co. sind wir überall erreichbar. Das Rad der Kommunikation dreht sich schneller und schneller. Immer auf Sendung und ständig gestresst. Mit der kommunikativen Geschwindigkeit können viele nicht mehr Schritthalten. Je stärker und länger der Medienkonsum unseren Tagesablauf bestimmt, umso stärker wird im Laufe der Zeit der Wunsch nach Ruhe und Besinnung.

Trügerischer Blick auf das reale Leben

Digitale Impressionen und die Informationsflut trügen den Blick auf das reale Leben und verhindern mitunter klares Denken. Immer mehr Menschen koppeln sich daher zumindest zeitweise von der Nachrichtenflut ab und entsagen so der permanenten Erreichbarkeit. So sind auch die Erfahrungen bei der Digitalkur gravierend: "Beim digitalen Fasten bemerken viele den suchtartigen Charakter ihres medialen Konsums und bekommen ein Gefühl der Beherrschbarkeit zurück", beschreibt die Potsdamer Therapeutin Stefanie Bruns den Prozess.

Dass Auszeiten und Innehalten mehr als ein Wellnesstrend sind, erkennen nun viele. Es geht es vor allem darum, wieder Zeit für die wesentlichen Dinge zu finden und das Tempo zu reduzieren. Aber auch hier gilt: Weniger ist mehr. "Die selbstauferlegten Restriktionen sollten überschaubar und realistisch sein", meint Bruns. Einschränkungen zwischen 20 und 60 Prozent seien realistisch oder auch einzelne Fastentage.

Oft reicht es schon, schlechte Gewohnheiten abzulegen und die Dinge bewusst nacheinander anzugehen und sich nicht permanent im Multitasking zu üben. Zum Beispiel bei den Mahlzeiten keine Ablenkung durch Fernsehen oder Internet oder auf dem Heimweg von Schule oder Arbeit permanent zu telefonieren und die Zeiten vor dem Computer und Fernsehen zu reduzieren.

Konsequent Zeiten und Räume schaffen

Auch Estella Lanzi praktiziert mediale Enthaltsamkeit. Die Studentin verzichtet während der Fastenwochen auf Facebook und reduziert die Zeit im Internet. Und dies nicht nur zu Ostern, sondern auch, wenn sie in ihrer norditalienischen Heimat zu Besuch ist: "Insbesondere die Zeit mit meiner Familie, die ich aufgrund meines Auslandstudiums nur selten sehe, möchte ich intensiv erleben. Wenn ich dort bin, schalte ich das Handy aus."

Was bringt das alles? Auf jeden Fall mehr Zeit. Plötzlich entstehen neue Freiräume. Wertvolle Stunden werden eingespart. Auch auf der körperlichen Ebene ist dies oft spürbar. "Mehr Konzentration steht zur Verfügung, Entscheidungen werden schneller gefällt, Arbeiten gehen leichter von der Hand und vor allem ist man aufmerksamer", so die Expertin Stefanie Bruns. Es ist also wichtig, konsequent Zeiten und Räume zu schaffen, in denen wir abschalten und uns unerreichbar machen. Zu beobachten ist dabei, dass die meisten Menschen danach feststellen, dass sie nicht wirklich etwas verpasst haben. Im Gegenteil: der Verzicht bringt Gewinn in vielen anderen Lebensbereichen.

Von Jutta Holtkötter