"Von Diebesgut geht kein Segen aus!"
Bild: © Polizei Köln
Domkapitel setzt nach Reliquiendiebstahl Belohnung aus

"Von Diebesgut geht kein Segen aus!"

Von der aus dem Kölner Dom gestohlenen Reliquie von Johannes Paul II. fehlt weiter jede Spur. Ausgerechnet ein prominenter Kirchenmann könnte der letzte gewesen sein, der sie noch sah.

Von Agathe Lukassek |  Köln - 06.06.2016

Einen kleinen Fahndungserfolg kann Bachner immerhin am Montagnachmittag melden: Die Tatzeit kann nun viel weiter eingeschränkt werden. Am Sonntag ging man noch davon aus, dass die Reliquie zwischen Samstag 7 Uhr und Sonntag, 7:55 Uhr aus dem nördlichen Querhaus verschwand. Nun ist aufgrund einer Zeugenaussage die Zeit auf zwischen Samstagabend, 18:30 Uhr und Sonntagmorgen geschrumpft. Der Zeuge ist ein Prominenter: Kardinal Joachim Meisner (82) habe am Abend noch vor der Papstreliquie gebetet, so Bachner. Der Alterzbischof habe sich nach der Beichte dorthin begeben. Das Gotteshaus sei zwischen 21 Uhr und Sonntag 6 Uhr geschlossen gewesen. Kurz vor 8 Uhr meldete eine Frau, die täglich an dieser Stelle bete, in der Sakristei das Loch im Reliquiar.

Der Stadt- und Domdechant Robert Kleine erklärt im katholisch.de-Interview (siehe unten), welche Bedeutung die Reliquie des beliebten Papstes hatte: "Dieser Ort der Erinnerung und des Gebets ist jetzt zerstört." Kleine und Bachner appellieren an die ganze Bevölkerung und mögliche Mitwisser, alle Hebel in Bewegung zu setzen. Das Domkapitel stellt 1.500 Euro Belohnung für sachdienliche Hinweise in Aussicht. Man kooperiere eng mit der Polizei.

Bachner erinnert an einen Fall aus dem Jahr 1996: Beim Diebstahl eines Vortragekreuzes hatte der damals in Köln als "König der Unterwelt" bekannte Heinrich Schäfer mit besonderen Vereinbarungen und Kontakten dafür gesorgt, dass das Raubgut zurückkam. Bachners Appell richtet sich an die kriminelle Szene aber auch an mögliche religiöse Motive des Täters oder der Täter: "Von Diebesgut geht kein Segen aus!" In ganz Köln gelte der Satz "Den Dom beklaut man nicht". (luk)

Robert Kleine.
Bild: © KNA

Monsignore Robert Kleine ist Domdechant im Kölner Dom und Stadtdechant von Köln.

"Dieser Ort des Gebets ist jetzt zerstört"

Domdechant Robert Kleine im Kurzinterview über die Bedeutung der Reliquie und die Folgen des Diebstahls:

Frage: Monsignore Kleine, rund 20.000 Menschen besuchen täglich den Kölner Dom, auf den die Domschweizer aufpassen. Wie konnte der Diebstahl passieren?

Kleine: Die Domschweizer sind eine Domaufsicht, die vor allem im Eingangsbereich vertreten sind. Sie achten in erster Linie darauf, dass sich die Leute, die in den Kölner Dom kommen, dort angemessen verhalten. Dann stehen sie noch an einigen besonderen Bereichen, am gotischen Hochchor und am Zugang zur Sakramentskapelle, die den Betern vorbehalten ist. Die Domschweizer stehen aber nicht vor Kunstwerken und Reliquien – sie haben zwar den Überblick, aber nicht jeden Winkel des Doms im Blick. Eine Besonderheit der Papstreliquie war, dass die Leute direkt an sie ran konnten. Anders als bei manchen Altären, die mit Kordeln abgegrenzt sind, konnte man sie berühren. Es ist möglich, dass sich jemand vor sie gestellt hat, so tat, als würde er beten, und sie dann mit einem Schraubenzieher gelöst hat.

Frage: Welche Bedeutung hat die Reliquie für den Dom und was bedeutet der Diebstahl für die Gläubigen und deren religiöse Gefühle?

Kleine: Wir haben im Dom auch andere Reliquien, am bekanntesten sind wohl die der Heiligen Drei Könige. An ihnen wird eins deutlich: Reliquien werden nicht angebetet. Sie erinnern an Heilige, die besonderes in der Nachfolge Jesu gelebt und sein Gebot der Nächstenliebe befolgt haben. Es gibt sie bis in die Moderne hinein und Johannes Paul II. ist so ein Vorbild: als Christ, als Seelsorger, als Papst und als alter und kranker Mensch. Diese Reliquie erinnert an ihn, der sein ganzes Herzblut in die Verkündigung des Glaubens gelegt hat. Viele haben an diesem Ort im Kölner Dom neben der Schmuckmadonna eine Kerze angezündet, in Stille gebetet und sich auf Fürsprache des heiligen Papstes an Gott gewandt.

Durch den Diebstahl ist nun den Menschen etwas genommen worden, was ihnen wichtig war. Dieser Ort der Erinnerung und des Gebets ist jetzt zerstört. Der Raub ist ein Eingriff in persönliche Empfindungen und ins Glaubensleben. Weil es mit einem Menschen zusammenhängt, ist es etwas anderes, als wenn ein Kunstwerk oder ein Kelch gestohlen wird. Es geht um den immateriellen Wert dieser besonderen Reliquie, die auch deswegen bedeutend ist, weil sie etwas Persönliches von Johannes Paul II. ist, das uns von seinem Privatsekretär gegeben wurde. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Reliquie wieder zurückkommt und wieder zu einem besonderen Ort im Kölner Dom werden kann.

Frage: Das Domkapitel bietet 1.500 Euro für Hinweise. Welche anderen Konsequenzen hat der Diebstahl für den Kölner Dom?

Kleine: Vor 20 Jahren haben wir eine ähnliche Summe geboten, als das Vortragskreuz geraubt worden war. Damals gab es tatsächlich Hinweise, die zur Rückführung des Kreuzes geführt haben. Wir wissen aber nicht, was die Person mit der Reliquie will, denn ihr materieller Wert ist zu vernachlässigen und nicht mit einer reich geschmückten Monstranz zu vergleichen. Wir können bislang nur spekulieren, ob der Dieb sie veräußern oder benutzen will.

Die Papstreliquie war vielleicht das einzige im Dom, an das man so leicht heran konnte. An anderen Stellen gibt es nicht diese Möglichkeit. So ist etwa die Sakramentskapelle gesichert, der Dreikönigsschrein steht hinter Panzerglas, die Altäre sind so abgesteckt, dass niemand da etwas hineinritzen oder zerstören kann. Ich sehe sonst keine Stelle am Dom, die wir nun besonders absichern müssten. Uns liegt aber viel daran, dass die Papstreliquie gefunden wird und deshalb appellieren wir auch mit der Geldsumme an mögliche Zeugen.

Die Polizei sucht Zeugen und fragt:

Wer hat sich zwischen Samstag, 18:30 Uhr und Sonntag, 7.55 Uhr im nördlichen Domquerhaus im Kölner Dom aufgehalten und verdächtige Beobachtungen gemacht? Hinweise bitte an das Kriminalkommissariat 71, Telefonnummer 0221/229-0 oder per E- Mail an poststelle.koeln@polizei.nrw.de.

Von Agathe Lukassek